Heiko Mell

Nach so kurzer Zeit gehen?

Ich stehe seit gut einem Jahr in meinem ersten Beschäftigungsverhältnis. Da es der Firma, in der ich tätig bin, finanziell sehr schlecht geht, würde ich gerne den Arbeitgeber wechseln. Ist es sinnvoll, dies nach so kurzer Zeit zu tun?

Antwort:

Sie sind jung und entsprechend unerfahren. Da bringt man Ihnen (z. B. auch von Seiten späterer Bewerbungsempfänger) eine gewisse Toleranz entgegen. Das bedeutet:

– Ein Berufsanfänger konnte keinesfalls im Vorfeld erkennen, dass ein Arbeitgeber wirtschaftlich auf schwachen Füßen steht. Ginge Ihrer also in Konkurs und würden Sie dadurch arbeitslos, hätten Sie im nachfolgenden Bewerbungsprozess praktisch keine Nachteile zu erwarten.- Entscheiden Sie sich jetzt schon zu einer Bewerbungsaktion, nimmt man Ihnen Ihre Begründung ab und wertet die sich ergebende kurze Dienstzeit nicht negativ.

Da derzeit die Nachfrage nach jungen Ingenieuren groß ist, kämen Sie also mit beiden möglichen Vorgehensvarianten recht gut „durch“.

Aber: Der zu schnelle Wechsel wird im Lebenslauf dokumentiert – und belastet Ihre Zukunft! Niemand weiß, wie schnell Sie den nächsten – oder mit etwas Pech auch den übernächsten Arbeitgeber wechseln müssen. Da addiert sich schnell etwas!

Mein Rat: Tun Sie das Eine, ohne das Andere zu lassen. Also spielen Sie erst einmal auf Zeit. Versuchen Sie, die bei Berufsanfängern allgemein tolerierten zwei Dienstjahre zu erreichen (so fünf bis sechs Monate vorher steigen Sie dann in Bewerbungsaktivitäten ein). Für den Fall, dass Ihre Firma vorher in Konkurs geht, beobachten Sie den Markt schon jetzt aufmerksam und versenden Sie ruhig einmal die eine oder andere Bewerbung als eine Art „Versuchsballon“. So wären Sie für die denkbare Katastrophe gerüstet.

Übrigens: Wenn das alles in der Tat so ist und Sie also nicht nur ein „Latrinengerücht“ verbreiteten, können Sie im Bewerbungsprozess ruhig sagen, Sie machten sich Sorgen um die wirtschaftliche Situation der Firma (was in dieser Formulierung ja stimmt). Um es drastisch zu formulieren: Es ist vernünftig von den „Ratten“, rechtzeitig ein „sinkendes Schiff“ zu verlassen. Gingen sie hingegen mit diesem unter, dankte ihnen das niemand – auch der „Schiffseigner“ nicht.

Kurzantwort:

Wegen existenzbedrohender wirtschaftlicher Probleme des Arbeitgebers vorzeitig wieder wechseln zu müssen, ist einfach nur Pech – aber allzu viel davon sollte man im Berufsleben lieber nicht haben.

Frage-Nr.: 1582
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 19
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2001-05-11

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