Heiko Mell

Soll ich schon wieder oder nicht?

Frage:

Zur Zeit habe ich gerade die Probezeit meines dritten Arbeitsverhältnisses beendet. Aus verschiedenen, hauptsächlich privaten, familiären Gründen kommen mir Zweifel, ob meine damals etwas übereilt getroffene Entscheidung für den Wechsel richtig war.

Für mich stellt sich nun grundsätzlich die Frage, ob ich jetzt einen erneuten schnellen Wechsel anstreben oder eher zwei Jahre durchhalten soll (damit würde ich die von Ihnen empfohlene Minimalarbeitszeit von drei Jahren nicht abwarten!).

Ihre begründete und richtige ablehnende Meinung zu schnellen Wechseln ist mir bekannt. Mir geht es um eine Empfehlung „Teufel oder Belzebub“ (Anmerkung: Der oberste Teufel heißt Beelzebub, gerade bei ranghohen Persönlichkeiten darf bei Namen oder Positionsbezeichnungen nicht der kleinste Fehler passieren; d. Autor): Wenn ich schon sehenden Auges ein Übel anrichte, dann möglichst das kleinere.

Kann ich in einer Bewerbung (in beiden o. g. Fällen, also direkt oder nach insgesamt zwei Jahren) meinen Fehler zugeben und damit eine relativ kurze Dienstzeit erklären? Wie sähe ein Wechsel aus privaten oder beruflichen Gründen in der Probezeit aus?

Antwort:

Zunächst eines der „ehernen Gesetze“ der Berufsweggestaltung:

Keine Arbeitgeberwechsel aus privaten Gründen!

Dagegen würden Sie schon einmal verstoßen – was immer kritisch zu sehen ist und nie ohne Not riskiert werden sollte.

Es gibt viele derartige Grundsätze für nahezu alle Bereiche des Lebens. Sie haben stets ihren Sinn; wer sich zunächst einfach danach richtet, fährt gemeinhin nicht schlecht. Als Beispiel aus anderen Gebieten: Kein Aktienkauf mit geliehenem Geld; keine hohen Geschwindigkeiten im Nebel auf der Autobahn; keine Kündigung ohne neuen Arbeitsvertrag.

Nun zum nächsten Thema: Ich propagiere in dieser allgemeinen Form keine „Minimalarbeitszeit“ (Sie meinen „Dienstzeit pro Arbeitgeber“) von drei Jahren. Mein Rat geht dahin:

Fünf Jahre pro Arbeitgeber sind anzustreben!

Zeiten von einem Jahr sind „nichts“, von zwei oder drei Jahren „wenig“. Einzige Ausnahme: Beim jungen Akademiker frisch nach dem Studium werden auch zwei Jahre Dienstzeit beim ersten Arbeitgeber toleriert (wegen Unerfahrenheit), nicht aber empfohlen.

Bei der Gelegenheit: In Verbindung mit der Aufstiegsregel „Alle fünf Jahre eine Beförderung“ (wenn man denn weiter karriereinteressiert ist), ergibt sich auf diese Weise eine sehr solide Laufbahn bis zum GF:

Mit 26 Jahren Examen, Einstieg ins Berufsleben. Fünf Jahre beim ersten Arbeitgeber, Abgang dort mit 31, immer noch als Sachbearbeiter. Einstieg beim zweiten AG mit 31 als Gruppen- oder Teamleiter oder stellvertretender Abteilungsleiter. Abgang dort aus dieser Position mit 36. Zeitgleicher Einstieg als Abteilungsleiter (mit 36) bei AG Nr. 3. Fünf Jahre Tätigkeit dort. Abgang mit 41, zeitgleicher Einstieg als Bereichs-/Hauptabteilungsleiter bei AG Nr. 4. Nach fünf Jahren Einstieg als Geschäftsführer mit 46 bei AG Nr. 5.

Das alles auf die ruhige, solide Tour. Ohne jeden „Überflieger“-Bonus, ohne jegliche interne Beförderung. Letztere würde natürlich das alles noch aufwerten. Zeitlich passt sie an die Stelle, an der nach meinem Beispiel jeweils gewechselt wird. Dadurch verlängert sich dann die Dienstzeit bei jenem AG auf zehn Jahre. Das ist gut, schafft es doch ein Polster für „Unvorhergesehenes“.

Natürlich spielt „das Leben“ selten so mit, wie man sich das wünscht. Planabweichungen sind also einzukalkulieren. Aber es muss ja auch nicht jeder Geschäftsführer werden.

Nun zum „Früh- oder Häufigwechsler“. Wer deutlich vor den fünf Jahren geht, hat drei Probleme:

a) das kleinere: Bekommt er nach viel zu kurzer Dienstzeit beim derzeitigen Arbeitgeber auf dem Arbeitsmarkt einen wirklich guten Job? Abhängig ist das vor allem von der jeweiligen konjunkturell und strukturell bedingten Situation auf dem Arbeitsmarkt. „In der Not frisst der Teufel Fliegen“ – und Arbeitgeber stellen schon einmal Leute ein, die sie in anderen Zeiten „nicht mit der Kneifzange angefasst“ hätten. Kleiner ist dieses Problem, weil der Betroffene ja merkt, ob er Angebote bekommt. Ist dies nicht der Fall, bleibt er einfach, wo er ist.

b) das mittlere: Sofern Firmen Bewerber mit einer viel zu kurzen Dienstzeit beim derzeitigen Arbeitgeber einstellen, tun sie es ausschließlich nach dem „Prinzip Hoffnung“: Sie hoffen inständig, dieser Kandidat bliebe bei ihnen deutlich länger als bei seinem heutigen Unternehmen. Es fehlt ihnen aber jede Sicherheit für diese Spekulation. Denn auch sie kennen die Aussage über Bewerber (in dieser Formulierung von mir):

„Sie tun es immer wieder.“

Würden solche Bewerber im Vorstellungsgespräch „versprechen“, sie gingen auch hier wieder nach so kurzer Zeit, bekämen sie niemals ein Angebot. Man sieht also, auf welch dünnem Eis man sich als Betroffener bewegt. Und man ist in der Defensive, muss im Bewerbungsprozess Erklärungen abgeben, seine besonderen Gründe erläutern – und reißt bei dem Versuch, ein Loch zu stopfen, schnell ein neues auf. Das alles ist nicht die ideale Basis, um seine „Super-Traum-Position“ zu erringen. Dafür brauchte man die Gelassenheit des Siegers, nicht die Betretenheit dessen, der sich entschuldigen muss (ist das gut gesagt?).

c) das große: Es hat mit der Zukunft zu tun und mit den ungewissen Entwicklungen dortselbst. Wer allzu früh wechselt – kann das nicht ungestraft wieder tun! Aber wer will garantieren, dass nicht morgen oder übermorgen eine Situation (beim nächsten Arbeitgeber) entsteht, die ungleich stärker drückt. Der man dann aber nicht durch einen erneuten Schnell-Wechsel entkommen kann. Auch ein eventuelles unfreiwilliges Ausscheiden (Rationalisierung) wird in den Augen des Lebenslauf-Lesers bei späteren Bewerbungen als „schneller“ Wechsel mitgezählt.

Nehmen wir die rechnerische Seite der Geschichte: Fünf Jahre pro Arbeitgeber im Durchschnitt sind gefordert. Wer bereits acht Jahre aufzuweisen hat, dürfte demnach jetzt auch nach zwei Jahren wieder gehen, ohne „Häufig-Wechsler“ (ein Schimpfwort gegenüber Bewerbern!) zu sein. Schön. Aber ein Mensch mit nur zwei Jahren müsste danach acht Jahre bleiben, um auf seinen „Durchschnitt“ (5) zu kommen. Wer aber wollte eine solche Verpflichtung am Beginn eines neuen Arbeitsverhältnisses eingehen?

Immer wieder muss ich betonen, dass man alle diese Rechenbeispiele nicht sklavisch eng sehen darf. Aber als Grundorientierung taugen sie. Und da ergibt sich aus diesen Überlegungen die Regel:Wer ohne „Guthaben“ auf seinem „Dienstzeit-pro-Arbeitgeber-Konto“ zu schnell wechselt, geht automatisch die Verpflichtung ein, beim nächsten Unternehmen zum Ausgleich sehr lange zu bleiben. Und das ist eine unzumutbare Belastung der eigenen Zukunft.

Zum „Recht auf Irrtum“: Grundsätzlich ist das schon irgendwie gegeben. Aber wer sich eben erst geirrt hat, tut es vielleicht öfter als andere – und jetzt, bei der nächsten Bewerbung wieder. Jedenfalls wird der neue Bewerbungsempfänger das denken.

Bliebe als Problem die Begründung für den Spontanwechsel. „Am neu gefundenen Wohnort unwohl gefühlt“ ist kritisch, da es ja jederzeit wieder geschehen kann. Handelt es sich beim derzeitigen Wohnort (wie bei Ihnen) noch dazu um eine „belebte“ Gegend, in der Hunderttausende zu Hause sind und sogar um das Geburts- und Studienbundesland des Bewerbers, wird die Sache zunehmend mysteriös. Eine gar nicht existierende, im Arbeitsbereich liegende Begründung zu „erfinden“, ist auch gefährlich. Weil sie zu Schlüssen führt, die absolut falsch wären.So, geehrter Einsender, nun konkret zu Ihnen. Wie ist Ihre „Fakten-Lage“?

Zu langes, aber „gut“ abgeschlossenes Uni-Studium mit Auslandstouch (zu hohes Alter bei Abschluss inbegriffen), zwei Jahre beim ersten und etwas mehr als drei beim zweiten Arbeitgeber. Sowie die paar unwesentlichen, kaum zählenden Monate beim dritten. Das ist rechnerisch keine gute Basis für Experimente! Ich rate also dringend , dort zu bleiben.

Nun zu Ihrer Situation im Detail: „Mir ist klargeworden, dass ich mich in der Gegend, in die es mich diesmal verschlagen hat, nicht wohl fühle. Meiner Frau geht es genau so. Ich habe leider überstürzt die Firma gewechselt und dabei private Belange zu wenig berücksichtigt. Heute weiß ich, dass mein heutiger Arbeitgeber auch noch einige Monate auf mich gewartet hätte, was ein Überdenken der Situation und eine sorgfältige Planung von Wohnort und Umzug ermöglicht hätte.“ So heißt es bei Ihnen an anderer Stelle. Und Sie haben deutlich gemacht, dass es um Firma, Aufgabe, Chef oder Bezahlung gar nicht geht.

Nun demonstriert hier ein deutscher Berater einmal seine Brillanz und löst Ihr Problem: Ziehen Sie um, behalten Sie dabei Ihren Arbeitsplatz und alles kann gut werden. Muss ich Ihnen vorrechnen, wie viele Menschen im Umfeld Ihres Unternehmens wohnen? Und eine Autobahn gibt es auch. Irgendwo wird doch eines der Eckchen dabei sein, in denen auch Sie sich wohl fühlen können (ein 25 Kilometer-Radius rund um Ihren Arbeitgeber deckt fast 1 Mio. Einfamilienhausgrundstücke ab, Verkehrsflächen eingerechnet).

Das denkbare Gegenargument, umziehen sei mühsam, zieht auch nicht: Sie wollten ja wegen eines angestrebten Umzugs sogar zusätzlich einen Arbeitgeberwechsel. Ich sage: Lassen Sie den weg und ziehen Sie nur um. Diesen Schritt können Sie sogar beliebig oft wiederholen – das sieht Ihrem Lebenslauf später kein Mensch an.

Kurzantwort:

1. Fünf Jahre pro Arbeitgeber sind als Grundorientierung anzustreben. Wer sein „Konto“ vorab überzieht, belastet seine eigene Zukunft.

2. Wer sich bei einem Arbeitgeberwechsel „irrt“, sei es bei der Wahl der Firma oder des Wohnortes, kann das beim nächsten Male wieder tun – Bewerbungsempfänger werden das befürchten (die Begründung taugt also nichts).

3. Wenn man schon einen Irrtum korrigieren will, dann so schnell wie möglich. Aber die Begründung wird schwierig, wenn sie nicht nachvollziehbar auf rein sachlicher Ebene liegt.

Frage-Nr.: 1571
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 12
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2001-03-23

Von Heiko Mell

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