Heiko Mell

Chaos auf breiter Front – schafft ein Wechsel Abhilfe?

Frage:

Ich bin in meiner ersten Anstellung bei einem „Global Player“. Schon während meiner Probezeit hatte ich mehrfache Vorgesetztenwechsel. Dann kündigte bei enormem Arbeitsanfall mein Kollege, die Stelle blieb unbesetzt, die zusätzliche Arbeit (in Überstunden, an Samstagen) blieb an mir hängen. In den nächsten Monaten gab es erneut einen Vorgesetztenwechsel.

Dennoch lief mein Projekt sehr gut und ich nutzte die Gelegenheit, um nach einer Gehaltserhöhung zu fragen.

Mein damaliger Vorgesetzter sagte mir: „Ich kann Sie leider nicht beurteilen, da ich noch recht jung im Team bin.“ Beim nächsten fand ein Gespräch statt, danach hörte ich nichts. Nach geraumer Zeit bat ich um Antwort, es folgte nichts. Monate später erhielt ich eine enttäuschend geringe Einmalzahlung.

Ich teilte meinem Teamchef mit, dass ich mit dieser Zahlung nicht einverstanden wäre und sagte ihm auch, dass meine Motivation stark nachgelassen hätte. Ich fragte auch, ob ich Fehler gemacht hätte, doch da kam ganz spontan, es sei nichts vorgefallen, man sei mit meiner Arbeit sehr zufrieden. Es gab dann ein neues Gespräch mit meinem Abteilungschef, was mir zunächst Hoffnungen machte, die aber dann wie eine Seifenblase platzten.

Kürzlich kündigte wieder ein Kollege. Es kam, wie ich befürchtet hatte: Es fand wieder ein Vorgesetztenwechsel statt, und die Arbeit des Kollegen liegt in meinem Fach. Man versicherte mir erneut, man werde auch diese Stelle besetzen, aber daran glaube ich nicht mehr. Ich denke nun über einen Wechsel nach.

Antwort:

Situationen dieser Art gibt es in der Praxis durchaus, zum Glück selten in dieser Ausprägung. Eigentlich müsste ein höherer Vorgesetzter dieses Chaos „da unten“ erkennen und Abhilfe schaffen. Aber vielleicht hat der noch ganz andere Probleme – oder bereitet selbst seinen Abgang vor.

Ein ständiger Vorgesetztenwechsel ist Pech: Was daraus folgt, wenn man bleibt, haben Sie gerade erlebt. Es ist niemand da, der Ihre Leistung anerkennen kann und will. Was daraus folgt, wenn man geht, lässt sich vorhersagen: Es ist niemand da, der ein gutes, die besonderen Leistungen anerkennendes Zeugnis schreibt.

Da Sie, wie aus den exakten Zahlen Ihres Originalbriefes hervorgeht, jetzt etwa zwei Jahre dort sind, könnten Sie durchaus wechseln. Aber Sie hätten aus diesen ersten zwei Jahren nichts übrigbehalten: kein Erfolgserlebnis, keine Anerkennung, keine Gehaltserhöhung, kein gutes Zeugnis. Da Sie andererseits nicht unmittelbar unter Druck stehen, müssen Sie auch noch nicht wechseln.

Meine Empfehlung für Sie und Ihre Planung: Investieren Sie noch ein Jahr. Wenn dann nichts Positives geschehen ist, gehen Sie. Geschieht etwas, können Sie neu planen. Die Basis meiner Überlegungen ist: Nach menschlichem Ermessen muss sich eigentlich in diesem großen Unternehmen bald etwas ändern, so kann es ja nicht weitergehen. Und dann bin ich immer ein wenig misstrauisch, wenn ein Berufsanfänger in seiner ersten Anstellung sagt: Es geht nicht. Schließlich fehlen ihm die Maßstäbe.

Als Tipp: Trennen Sie sachlichen Ärger vom Thema „Gehaltserhöhungen“, das bringt nur Verdruss. Und drohen Sie Ihren Chefs nicht mit Verlust Ihrer Motivation. Ein guter Angestellter kündigt notfalls, aber er ist nie „nicht motiviert“: „Die Garde stirbt, doch sie ergibt sich nicht“ (erstens nicht ganz korrekt zitiert und zweitens wohl ohnehin frei erfunden; soll ein französischer General in der Schlacht bei Waterloo gesagt haben, was er jedoch stets bestritt; klingt aber gut).

Kurzantwort:

Berufsanfänger in sehr großen Firmen sollten sehr vorsichtig damit sein, ihre Gesamtsituation
als „unmöglich“ einzustufen und als einzigen Ausweg den schnellen Wechsel zu sehen, es
fehlt ihnen noch an Maßstäben. Außerdem stählt das erfolgreiche Durchstehen von Krisen
aller Art den jungen Menschen.

Frage-Nr.: 1482
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 17
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-04-21

Von Heiko Mell

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