Heiko Mell

Nichts wie weg hier?

Frage:

Nach fast fünfjähriger Berufstätigkeit bei meiner alten Firma habe ich mich für einen Arbeitgeberwechsel entschieden. Seit einigen Wochen arbeite ich nun in dem neuen Unternehmen. Meine Probezeit beträgt drei Monate.

Ich merke nun, dass hier unter den Mitarbeitern – insbesondere unter den Führungskräften – keine gute Stimmung herrscht. Es weht ein harter Ton und es wird oft geflucht. Hinzu kommt, dass mein neuer Chef nicht meinen Erwartungen hinsichtlich sozialer und fachlicher Kompetenz entspricht. Er gibt mir nicht das Gefühl, dass ich bei ihm beruflich weiterkommen werde.

Nach den Vorstellungsgesprächen hatte ich allerdings ein gutes Gefühl. In der Summe fühle ich mich nach dieser kurzen Zeit in diesem Umfeld unwohl und erwäge, mich schon in der Probezeit wieder neu zu bewerben.

1. Ist es nach dieser kurzen Zeit zu früh, die Flinte ins Korn zu werfen? Sollte ich noch abwarten?
2. Sollte ich in dieser Situation nach meinem Gefühl entscheiden?
3. Wie werden wohl andere Firmen auf meinem Abbruch während der Probezeit reagieren, welche Strategie raten Sie mir bei meinen Neubewerbungen?
4. Sollte ich meine Unzufriedenheit / Enttäuschung in einem Gespräch mit meinem Vorgesetzten besprechen?

Antwort:

Töne wehen nicht, harte so wenig wie weiche. Winde hingegen wehen, raue beispielsweise. Manche Töne herrschen, sie sind dann aber nicht hart, sondern auch eher rau. Sage nur niemand, hier lerne man nichts fürs Leben (2. Abs., 2 Satz d. Frage).

Wir haben es in diesem Fall mit einer recht komplexen Konstellation zu tun. Da sind nämlich:

– der betroffene Mitarbeiter A,
– dessen erster Arbeitgeber B,
– dessen dortiger (bei B) Chef C,
– der neue, heutige Arbeitgeber D,
– der neue, heutige Chef E,
– der potentielle neue Arbeitgeber F,
– die jetzt zu ergreifende Maßnahme G.

Sie alle sind, wollte man das Problem mathematisch darstellen, in einer Gleichung irgendwie miteinander verknüpft. Dabei sind A bis F die Unbekannten, für die man jeweils mindestens eine klare Aussage haben müsste.

Beispiel: A ist ein absolut normaler (im Sinne von Standard) Mittdreißiger, so robust und so empfindlich wie der Durchschnitt der anderen auch. Also kein Mimöschen.

Und so etwas müssten wir auch über die anderen „Unbekannten“ wissen. Dann bekäme man eine ziemlich „sichere“ Lösung.

Solange diese Informationen nicht vorliegen, kann nur spekuliert werden. Eine denkbare Richtung: Ein übermäßig empfindlicher Mensch könnte zufällig beim ersten Arbeitgeber seines Lebens auf eine „Insel der Seligen“ gestoßen sein. Jetzt aber ist er mit einem „stinknormalen“ Industriebetrieb konfrontiert worden und „zuckt“ erschreckt zusammen. Der zu gebende Rat müsste ganz anders lauten als bei anderen denkbaren Konstellationen.

Ich liste einfach einmal bestimmte Aussagen zu bestimmten Details des Falles auf und muss es Ihnen überlassen, sich aus diesen Steinchen ein Mosaikbild zusammenzusetzen:

a) Unternehmen sind sich intern grundsätzlich recht ähnlich, dramatische „Ausreißer“ in der (personellen) Gesamtstruktur sind eher selten – die Firmen bedienen sich ja auch alle aus demselben „Topf“ (Arbeitsmarkt). Dies gilt um so mehr, je größer sie sind (so ab 1.000 Mitarbeitern). Kleinunternehmen in privater Hand und großstadtferner Lage sind am anfälligsten, was extreme Besonderheiten angeht (die unbedingt auch positiv sein können!).

b) Das Ideal des Angestellten ist ein Mensch, der möglichst in jeder denkbaren Situation, in jeder Umgebung und unter allen typischen Umständen „funktioniert“. Dies ist ein ganz zentraler Grundsatz, den sehr viele abhängig Beschäftigte nicht ernst genug nehmen. „Dort waren die Umstände / Personen für mich nicht optimal, deshalb konnte ich dort nicht erfolgreich arbeiten“ – ist eine Ausrede, die sich für erstklassige Leute verbietet. Letztere kommen auch gar nicht auf die Idee, so etwas zu sagen. Konkret: Wie wollten Sie in einem großen Unternehmen aktive Personal-politik betreiben, wenn Sie bei jeder Versetzung eines Mitarbeiters immer erst prüfen müssten, ob dem Kandidaten der Stil am neuen Ort auch zusagt.

c) „Keine gute Stimmung“, „harter Ton“, „es wird oft geflucht“ – so sagen Sie. Ja himmelkreuzverdammtnochmal, Sie stehen im Existenzkampf, mit Betonung auf dem letzten Teilwort. Die Industrie ist schließlich kein Mädchenpensionat. Und um Fragen vorzubeugen: Sie, der Einsender, sind schon ein solcher (also keine Einsenderin – womit nichts anderes gesagt sein soll als eben das).

Dreiviertel pleite könnte der Laden auch noch sein oder gerade von irgendwelchen ausländischen Konzernen geschluckt werden – dann hätten Sie ein Problem.

d) Wenn es irgendwo gar nicht auszuhalten wäre, wäre dort auch niemand mehr, alle wären längst gegangen. Die anderen aber scheinen dort doch ganz gut zurechtzukommen.

e) Ihr neuer Chef entspricht nicht Ihren Erwartungen, hinsichtlich wessen auch immer, und er gibt Ihnen nicht das Gefühl, dass Sie bei ihm beruflich weiterkommen würden. Ersteres teilen Sie mit 80 % (geschätzt) der arbeitenden Bevölkerung. Nichts wird so gern und ausführlich kritisiert wie der Chef und das Kantinenessen. Ist das einmal irgendwo nicht so, hätten Sie großes Glück gehabt (mit dem Kantinenessen). Und für den letzten Teil Ihrer Aussage gilt: Sie sollen dort ja eigentlich auch nicht beruflich weiterkommen. Sie sollen – lt. Arbeitsvertrag – ein definiertes Aufgabenspektrum so brillant wie möglich erledigen. Dafür bekommen Sie Gehalt. Punkt, aus. Der Rest ist Hoffnung, mehr nicht. Darauf, dass der neue Job rundum „besser“ ist als Ihr alter, haben Sie sicher geachtet.

f) Laufen führt, so sagen Läufer, nach einiger Zeit dazu, dass man immer wieder laufen will, ja muss. Weglaufen unterliegt dem auch. Es ist wie eine Sucht: Wenn der Damm einmal gebrochen ist, kommt Ihnen Flucht wie eine Lösung vor. Da die Menschen im Beruf ständig vor irgendwelchen Problemen stehen – laufen manche ständig neu davon. Andere tun das nie.

Das ist doch, beispielsweise, das Raffinierte an der Regel mit den fünf Dienstjahren pro Arbeitgeber: Wer das – und gern etwas mehr – erfüllt, ist nie weggelaufen. Er hat, vor dem Denkfehler sei gewarnt, nicht etwa weniger Probleme gehabt als andere. In fünf Jahren entstehen immer irgendwelche Konflikte. Nein, er ist schlicht besser damit fertig geworden!

Bedenken Sie doch bitte: Wenn Sie gehen, kommt ein Nachfolger. Wenn man es dort nicht aushalten kann, müsste der doch auch in der Probezeit … Ist das wahrscheinlich? Nein, übrigens nennt man die entsprechende Eigenschaft Stehvermögen.

g) Ich rate Neulingen, sich in den ersten Monaten am neuen Arbeitsplatz bewusst gar kein Urteil zu bilden. Gerade am Anfang drückt die Umstellung, der Verlust des Bewährten, nur zu leicht auf die Stimmung. Viele Vorteile erkennt man noch nicht – und viele Leute werden netter, wenn man sie erst besser kennt.

h) Ein sehr gewichtiges Argument: Wenn Sie jetzt hereingefallen sind – wer garantiert Ihnen, dass es nach dem nächsten Wechsel nicht noch viel schlimmer kommt? Und was machen Sie dann? Und: Sie würden jetzt unter enormem Zeit- und großen Erklärungsdruck etwas suchen. Die Wahrscheinlichkeit, dabei eine rundum positiv zu sehende Position zu finden, ist gering, sehr sogar. Dort aber könnten Sie dann guten Gewissens gar nicht mehr weg in den nächsten Jahren, Ihr „Weglauf-Pulver“ wäre verschossen.

j) Dem steht einsam ein Argument gegenüber: Natürlich kann es sein, dass Sie „normal“ empfinden, dass Ihr früherer Arbeitgeber „normal“ war und fast alle anderen „normal“ sind. Und dass nur Ihr derzeitiger Arbeitgeber die große negative Ausnahme ist. Dann, aber nur dann, sollten Sie die Chance nutzen, Ihre Entscheidung zu korrigieren, weil alle investierte Mühe bei diesem Unternehmen doch vergeblich wäre und man „nicht gutes Geld schlechtem hinterherwerfen“ soll. Aber wie wollen Sie das wissen? Die Wahrscheinlichkeit spricht dagegen.

k) Die Probezeit ist für den Arbeitnehmer keine solche. Der Arbeitgeber hingegen kann sich, wenn er seinerseits eine Fehlentscheidung bei der Besetzung erkennt, mit diesem Instrument relativ(!) einfach korrigieren. Der Arbeitnehmer, der stets nur kündigen darf, wenn er einen neuen Arbeitvertrag in der Tasche hat, vergisst das Instrument am besten wieder. Es bedroht ihn nur, aktiv gibt es ihm (fast) nichts.

l) Ob Sie nach drei oder nach neun Monaten wieder gingen, wäre praktisch egal: beides ist gleichermaßen zu kurz. Dann wäre es besser, Sie hielten zwei ganze Jahre durch und suchten in dieser Zeit in Ruhe etwas Neues. Diese zwei Jahre im zweiten Beschäftigungsverhältnis nach fünf im ersten sind viel weniger auffällig als drei Monate. Und Sie hätten bei der Suche die deutlich besseren Karten!

m) Eventuelle Bewerbungsempfänger fühlen sich mit Ihrem heutigen Arbeitgeber solidarisch. Was immer Sie jetzt im Vorstellungsgespräch erzählen: Man hat Angst, Sie gingen auch dort nach drei Monaten wieder (wer einmal wegläuft, bleibt dabei), weil Ihre Maßstäbe nicht stimmten.

Zu Ihren Fragen: Zu 1: „Flinte ins Korn werfen“ heißt aufgeben, ist negativ. Es ist nicht jetzt zu früh, die Sache aufzugeben, man soll überhaupt nie „die Flinte ins Korn werfen“! Ja, Sie sollten warten! Vielleicht werden ja ein paar Jahre daraus. Und: Sie haben sich, sagen Sie, in den zwei Stunden des Vorstellungsgesprächs geirrt. Vielleicht irren Sie sich ja nach den paar Wochen auch – und brauchen überhaupt länger als andere, bevor Sie Situationen beurteilen können. Auch Ihr heutiger Job hat gute Seiten – machen Sie das Beste daraus!

Zu 2: Nein, jetzt nicht mehr. Das Gefühl können Sie im Vorstellungsgespräch mitentscheiden lassen, wenn Sie aus ungekündigter Position etwas Neues suchen. Jetzt hängt zu viel daran, jetzt ist der „Kopf“ gefragt.

Zu 3: Lesen Sie oben meine vielen kritischen Punkte. So etwa denken die Firmen. Wenn Sie es doch tun: Bemühen Sie sich, eine rein sachliche Begründung zu finden, sagen Sie nicht, was Sie uns hier gesagt haben.

Zu 4: Davon rate ich dringend ab. Der Chef könnte denken: Dieser Mitarbeiter passt hier wohl doch nicht her – den wechsele ich besser noch in der Probezeit aus. Sie sollten im Gegenteil versuchen, einen glücklichen, interessierten und engagierten Eindruck zu machen. Wie ein Mann, der – selbstverständlich – überall funktioniert.

Kurzantwort:

Als Grundsatz hat sich bewährt: Auftretende Probleme werden durchgestanden, Weglaufen ist keine Lösung. Viele Werdegänge sehen jedoch aus, als sei dieses Weglaufen eine zentrale Lebenseinstellung.

Frage-Nr.: 1466
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 8
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-02-25

Von Heiko Mell

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