Heiko Mell

Ich will vorzeitig gehen

Frage:

Nach einem Quereinstieg aus der Hochschulforschung (Dr. rer. nat.) in die IT-Abteilung eines Finanzdienstleisters habe ich nun – nach zweijähriger erfolgreicher Tätigkeit als Spezialist – die Kündigung ausgesprochen. Ich habe ein attraktives Angebot aus der Energieversorgung angenommen, das mir bessere Entwicklungsmöglichkeiten, bis hin zur Projektleitung, ermöglicht.

Nun würde ich aber gerne meine alte Firma noch vor Ablauf der Kündigungsfrist (6 Monate) verlassen. Wie sieht hier die geschickteste Strategie aus?

Ich kann mir folgendes Szenario, immer unter Wahrung der Gebote von Freundlichkeit und Loyalität dem alten Arbeitgeber gegenüber, vorstellen: Ich biete an, noch ein für das Unternehmen wichtiges Teilprojekt abzuschließen und sauber zu übergeben, allerdings nach meinem Zeitplan.

Ist das o.k. oder was empfehlen Sie?

Antwort:

IT ist IT (wobei ich selbst spontan etwas erschüttert bin ob der argumentatorischen Wucht dieser unangreifbaren Aussage), sowohl beim Finanzdienstleister als auch beim EVU. Aber dennoch sollten Sie in Zukunft die Branchenhopperei auch nicht übertreiben. Wer vieles lernt, lernt letztlich wenig gründlich, das ist nun einmal nicht vom Tisch zu wischen. Und ausnahmslos alle Firmen sehen es gern, wenn Bewerber um anspruchsvolle Positionen aus ihrer Welt, ihrem Metier, ihrer Branche kommen. Das gilt insbesondere im Führungsbereich (also beim nächsten Wechsel).

Sehen Sie, ein Abteilungsleiter im IT-Bereich ist nicht nur „Ober-Spezialist“ über anderen Spezialisten. Er ist auch Manager unter Managern des jeweiligen Unternehmens. Und muß sein wie sie, denken und reden wie sie, sich benehmen wie sie. Dieser persönliche Aspekt macht etwa 50% seiner „Gesamtheit“ aus – die andere Hälfte ist er Fachmann.

Und wenn sich nun ein gestandener Anfangsvierziger als Abteilungsleiter in eine völlig neue Branche ganz anderer Art hineinbewirbt, dann wäre die Frage gerechtfertigt: „Paßt der hierher? Weiß der, wie man hier Leute führt, Dinge anpackt und mit Chefs umgeht?“ Das kann dazu führen, daß man „vorsichtshalber“ einen anderen Bewerber nimmt – auch wenn der branchenfremde Kandidat Top-Fachmann auf dem IT-Gebiet wäre …

Zu Ihrer Kernfrage fällt mir als erstes ein, daß Sie keinen Grund für Ihr Bestreben angeben. Üblicherweise ist es der neue Arbeitgeber, der auf frühen Dienstantritt drängt und solche Überlegungen auslöst. Das jedoch klingt nicht an bei Ihnen. Verträge müssen gehalten werden (ein alter juristischer, im Original in Latein zitierter Grundsatz). Abweichungen davon sollten wohlerwogen sein – denn Sie richten ja nun mit Ihrem Anliegen irgend etwas an beim alten Arbeitgeber (und vielleicht sogar beim neuen, wenn die Idee gar nicht von ihm kam).

Wollen Sie garantieren, daß Sie mit Ihrer Bitte nicht auch ein bißchen lästig fallen, die „Kreise“ Ihres heutigen Arbeitgebers stören und ihn so – unwillkürlich, nicht einmal absichtlich – dazu bringen, in der „Note“ Ihres Zeugnisses eine Stufe hinunterzugehen? Kurz: Ihr „ich würde nun aber ganz gerne …“ ist mir zu wenig, um dieses Risiko einzugehen.

In der Sache selbst gilt: Sie haben einen Vertrag mit Ihrem derzeitigen Arbeitgeber, der Sie für sechs Monate ab Kündigungsdatum bindet. Diesen Vertrag müssen Sie einhalten, daran ist nichts zu machen. Aber dieser Vertrag kann geändert werden – wenn sich beide Vertragspartner darüber einig sind. Ohne Zustimmung des Arbeitgebers läuft also gar nichts. Sie sind in der Rolle des Bittstellers, jedenfalls grundsätzlich.

Natürlich können Sie auch versuchen, Ihrerseits etwas anzubieten, was der anderen Seite ein Entgegenkommen erleichtert. Aber: Der Abschluß eines wichtigen Projekts wäre doch ohnehin Ihre Pflicht gewesen – das Angebot ist also für das Unternehmen nicht besonders attraktiv. Und die – unterschwellige – Drohung, sonst werde das wichtige Projekt eben nicht mehr fertig, ist ebenso undenkbar wie alle anderen Drohungen gegenüber dem eigenen Arbeitgeber.

Ihnen bleibt nur folgendes Vorgehen:

– Sie tragen Ihr Anliegen Ihrem derzeitigen Arbeitgeber als Bitte vor;- Sie geben eine vernünftige, nachvollziehbare Begründung ab, die nur in einem dringenden Wunsch des neuen Arbeitgebers liegen kann (was der alte wiederum versteht);

– Sie betonen, daß natürlich Vertragstreue, Loyalität, Pflichterfüllung und andere derartige Dinge gegenüber Ihrem derzeitigen Arbeitgeber uneingeschränkt Vorrang hätten;

– Sie geben eine Prognose ab, was Sie etwa in welcher Zeit noch abschließen/erledigen könnten – und begründen so, daß ein Ausscheiden ab diesem Zeitpunkt eigentlich unproblematisch sei (für die Firma).

Mir bekannte Reaktionen von Arbeitgebern auf diese Bitte reichen von der Freistellung am Tag der Kündigung mit absolutem Einverständnis, morgen woanders anfangen zu dürfen bis zum kompromißlosen Beharren auf Vertragserfüllung – und wenn das neun oder zwölf Monate sind.

Kurzantwort:

„Verträge müssen gehalten werden“, das gilt auch für vereinbarte Kündigungsfristen. Will eine der beiden Vertragsparteien vom Vertrag abweichen, kann sie die andere nur um Einverständnis bitten. Es empfiehlt sich, diese Bitte nachvollziehbar zu begründen.

Frage-Nr.: 1449
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 50
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1999-12-17

Von Heiko Mell

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