Heiko Mell

Wenn die Frist zu lang ist

Frage:

Ich bin Tarifangestellter mit einer Kündigungsfrist von sechs Wochen zum Quartal. Angenommen, die Frist ist gerade um ein paar Tage versäumt worden, dann könnte ich erst zum übernächsten Quartalsanfang beim neuen Arbeitgeber eintreten – aus sechs Wochen würden schnell fünfzehn oder noch mehr. Für viele Firmen, die jetzt inserieren, ist das möglicherweise zu lange.

Aus früheren Kündigungsfällen bei uns weiß ich, daß unser Unternehmen sich durchaus entgegenkommend zeigt und nicht auf dem Dienst bis zum letzten (Vertrags-)Tag besteht. Wie stellt man diese Aussicht in einer Bewerbung dar, ohne daß beim Empfänger der Eindruck entsteht „Na ja, die werden froh sein, ihn loszuwerden“?

Antwort:

Ich spreche oft von einer „Grauzone“, wenn es um Bewerbungen geht, Nicht alles hier ist logisch, konsequent und spontan nachvollziehbar. So wollen viele Arbeitgeber den neuen Mitarbeiter „sofort“ – aber sie wollen keinen Arbeitslosen, der das problemlos erfüllen könnte. Sie wollen einen Bewerber, der bei seinem derzeitigen Unternehmen in höchstem Ansehen steht – aber sie schütteln abweisend den Kopf, wenn der Kandidat als Zeichen von Wertschätzung, Vertrauen und – fast – Unersetzlichkeit eine Kündigungsfrist von 6 Monaten zum Halbjahresende vertraglich zugestanden bekam.

Erleichternd kommt bei Ihrer Problemstellung hinzu, daß ein Arbeitnehmer, der gekündigt hat, eigentlich kein interessanter Mitarbeiter mehr ist. Seine Gedanken sind beim neuen Unternehmen, vom alten will er nur weg und die Auswirkungen von allem, was er jetzt noch am bisherigen Arbeitsplatz plant und gestaltet, „erlebt“ er dort nicht mehr. Folgerichtig sagen viele Arbeitgeber auch: „Rei-sende soll man nicht aufhalten“ und lassen Mitarbeiter nach ihrer Kündigung möglichst schnell ziehen. Das alles hängt vom Unternehmensstil, vom Vorgesetzten, vom Arbeitsdruck in der Abteilung und von der Frage ab, wie schnell gegebenenfalls ein Nachfolger für den ausscheidenden Mitarbeiter gefunden werden kann.Unüblich ist also die Gepflogenheit Ihres Hauses nicht, Bewerbungsempfänger kennen – und schätzen(!) – so etwas.

Schreiben Sie also etwa: „Meine vertragliche Kündigungsfrist beträgt 6 Wochen zum Quartalsende. Ich gehe jedoch davon aus, daß auf Wunsch auch ein vorzeitiges Ausscheiden möglich ist.“

Der Bewerbungsempfänger wird sich darüber freuen und keine Gedanken haben, die Ihnen zum Nachteil gereichen.Generell gilt: 6 Wochen zum Quartalsende sind eine Kündigungsfrist, mit der Sie bei Bewerbungen kaum Ärger bekommen.

Kurzantwort:

Aus dem vorsichtig formulierten Hinweis des Bewerbers, er werde wohl auf Wunsch auch vor Ablauf der vertraglichen Kündigungsfrist freikommen können, schließen Bewerbungsempfänger nicht, der heutige Arbeitgeber wolle den Mitarbeiter wohl lieber loswerden als behalten.

Frage-Nr.: 1445
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 48
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1999-12-03

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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