Heiko Mell

Im Geiste der siebten Kavallerie?

Nach Ende meines Studiums habe ich vor einem Jahr verhältnismäßig schnell den Einstieg als Sachbearbeiter bei einem großen, weltweit tätigen deutschen Unternehmen gefunden. Mit meinem Chef habe ich ein gutes Vertrauensverhältnis, und das Betriebsklima könnte nicht besser sein. Außerdem ist man mit meinen Leistungen sehr zufrieden. Vor kurzem ließ mein Chef anklingen, daß er in mir eine künftige Führungskraft sehe und dies fördern wolle. Das begrüße ich sehr. Meine Arbeit macht mir auch Spaß, sie hat mich bisher jedoch noch nicht besonders herausgefordert.

Nun ist ein ehemaliger Kommilitone bei einem ebenfalls großen Wettbewerbsunternehmen in der meiner entsprechenden Abteilung tätig. Die jedoch bearbeitet weitaus interessantere Projekte und will sich vergrößern. Den dort zuständigen Abteilungsleiter kenne ich aus einem Vorstellungsgespräch, das ich dort anläßlich meiner damaligen Bewerbungsaktion hatte, bei dem ich jedoch scheiterte. Er hat nun meinem Kommilitonen erklärt, daß er an mir interessiert sei und daß ich mich erneut bewerben solle.

1. Durch die aufmerksame Lektüre Ihrer Ru-brik weiß ich, daß ein Wechsel des Arbeitgebers nach rund einem Jahr bei späteren Bewerbungsempfängern keinen guten Eindruck hinterläßt. Würde dann die Begründung akzeptiert, man habe beim zweiten Arbeitgeber wesentlich interessantere Projekte bearbeiten können?

2. Grundsätzlich bin ich an einem beruflichen Aufstieg und an der Übernahme größerer Verantwortung sehr interessiert. Würde der frühe Wechsel diesem Vorhaben nachhaltig schaden?

3. Würden Sie mir raten, mich vor einem Wechsel zunächst mit meinem heutigen Chef zu unterhalten?

4. Inwieweit ist es sinnvoll, in meiner Situation finanzielle Anreize, sollte es sie überhaupt geben, mit in die Überlegungen einzubezie-hen?

Antwort:

Der amerikanische Reitergeneral Custer hat in einer berühmt gewordenen Schlacht gegen die Indianer am Litte Big Horn seine gesamte 7. Kavallerie verheizt und mit all seinen Männern bei einem unfachmännisch geführten Feldzug den Tod gefunden. Er soll ein ziemlich eitler Mann gewesen sein, der viel auf Äußerlichkeiten gab.

Soweit die Historie. Fragt sich nur, womit Sie diesen Hinweis verdient haben. Denn gegen den Untergang einer ganzen Einheit nimmt sich Ihr Vorhaben doch wirklich ziemlich harmlos aus. Übrigens, auch das muß man sehen: Hätte Custer gesiegt, spräche heute niemand mehr von ihm. Das aber soll nicht zur Lust am Untergang anregen …

Nun, liebe Leser, die Sie auf meine Begrün-dung warten: Ich bin im Vorteil Ihnen gegen-über: Ich sehe den Brief des Einsenders im Original, Sie leider nicht.

Schade eigentlich. Denn oben links prangt ein mehrere Zentimeter großes graphisches Element. Unsauber gedruckt, aber flammend rot mit etwas Gelbem in der Mitte. Ich sehe darin Reiter im Angriff. Einer schaut wie ein Indianer aus, andere tragen Fahnen – das muß die Kavallerie sein, Indianer neigten nicht zu Tüchern am Stock. Und da kam ich auf die 7. Kavallerie. Weil sie halt die bekannteste von jenen ist, die mit Indianern zu tun hatte. Auch wegen des Endes, das sie fand; dazu würde das Rot gut passen.

Das, geehrter Einsender, haben Sie nun davon. Aber auch von Ihren Fragen sollen Sie etwas haben, ich erkenne Ihre Problemsituation durchaus – und auch an.

Also nicht für Geld und gute Worte ging ich zu diesem „fremden“ Unternehmen:

1. Daß „die“ dort interessantere Probleme lösen, fällt vermutlich auch unter die „Kirschen in Nachbars Garten“, die manchem süßer vorkommen als die eigenen. „Die“ kochen dort auch bloß mit Wasser – vermutlich kann Ihr Bekannter nur interessanter erzählen als Sie. Und selbst wenn dieser Punkt nicht zuträfe, änderte das gar nichts.

2. Ich apelliere an Ihren Stolz, an Ihre Vernunft und alles, was Sie sonst noch wollen: „Die“ dort haben Sie im Vorstellungsprozeß kennengelernt. Und abgelehnt. Und andere eingestellt an Ihrer Stelle. Damit ist klar: Sie passen dort nicht optimal hin, entsprechen im Normalfall deren Standardanforderungen (oder dem Geschmack des Chefs) nicht. Jetzt aber sind „die“ dort im Druck. Und wenn er im Druck ist, frißt der Teufel Fliegen. Also weitet man zwangsläufig die Maßstäbe etwas aus – und ist jetzt bereit, Leute einzustellen, die eigentlich „zweite Wahl“ waren. Motto: Besser den als gar keinen.Und das finden Sie lustig? Was glauben Sie, welche weiteren Chancen Sie auf Dauer dort hätten?

3. Ihr ehemaliger Kommilitone: Der hat da-mals den Job dort bekommen, Sie nicht. Der liegt also voll auf der Anspruchslinie, Sie nicht. Der hat dort schon ein Dienstjahr, Sie nicht. Ist Ihnen klar, in welchen Konflikt Sie hineinsteuern, wenn Sie dorthingehen? Der andere würde sicher vor Ihnen befördert: Was wesentlich weniger schmerzt, wenn es in verschiedenen Firmen stattfindet …

4. Daß Ihr besonderes Risiko darin liegt, in der neuen Position zu scheitern und dann zwei aufeinanderfolgende Problemphasen im Lebenslauf zu haben, das wissen Sie. Spätere Bewerbungsempfänger sehen vor allem diese Fakten, weniger die – angeblich – interessanteren Projekte.

5. Gehen Sie nach einigen Jahren von Ihrem heutigen Arbeitgeber weg, winkt Ihnen auch noch ein gutes Zeugnis. Jetzt winkte Ihnen nur die Bewertung durch einen – verständlicherweise – enttäuschten Chef.

6. Geld sollte in dem Zusammenhang überhaupt keine Rolle spielen.

7. Wenn Sie denn doch gehen sollten: Jetzt schon (nach nur einem Berufs und Dienstjahr) mit Ihrem Chef über konkrete Aufstiegspläne zu reden, wäre verfrüht; er kann noch nichts Konkretes sagen.

8. Qualifizieren Sie sich doch am heutigen Arbeitsplatz durch Einsatz, Leistung und ge-zeigtes Interesse für mehr und höherwertige Aufgaben, dann fühlen Sie sich auch mehr gefordert. Auch wir älteren Führungskräfte müssen des öfteren Dinge tun, die uns nicht alle völlig fordern …

9. Auch General Custer war gewarnt, bevor er dennoch seinem falschen Schlachtplan folgte.

Kurzantwort:

Für einen Firmenwechsel müssen sehr gute Gründen sprechen, eine „kleine Versuchung“ reicht nicht.

Frage-Nr.: 1344
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 48
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-11-27

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