Heiko Mell

50, krank und Auflösungsvertrag

Frage:

Ich heiße Max Schulze und bin 50 Jahre alt. Ich bin Diplom-Chemiker, war in der ehemaligen DDR in der Chemieindustrie tätig und bin seit Anfang der 90er Jahre als Verwaltungsangestellter in einem Staatlichen …-Fachamt in den neuen Bundesländern beschäftigt. Davor war ich zehn Jahre als Schichtleiter/Betriebsingenieur tätig.

Mir wurden seit meiner Arbeitsaufnahme im Amt nie Abmahnungen erteilt.
Das erste Leistungsgespräch wurde mit mir vor wenigen Monaten in Gegenwart des beamteten Abteilungsleiters (Mitte 30) geführt. Inhalt des Gespräches: Weiterbeschäftigung dort nicht mehr möglich, da die von mir abgegebenen schriftlichen fachtechnischen Stellungnahmen nicht den Anforderungen in stilistischer Form entsprechen; d. h. Sachverhalte werden nicht komprimiert genug zu Papier gebracht, wie in der Verwaltung gefordert.

Es gab weiterhin Vorwürfe im Hinblick auf mangelhafte Anleitung der Sachbearbeiter und den Vorwurf fachlichen Versagens bei einer Stellungnahme meinerseits. Ich habe dabei jeweils Gegenargumente, die ich für überzeugend halte.
Aufgrund dieser Unzulänglichkeiten meinerseits hat mein Fachamt der vorgesetzten Behörde empfohlen, mir zu kündigen. In einem Gespräch habe ich mich spontan bereit erklärt, mir eine neue Arbeit zu suchen. Daraufhin wurde mir ein Auflösungsvertrag vorgelegt, den ich nicht unterschrieben habe. Mein Chef hat mir erklärt, daß er im Rahmen seiner Möglichkeiten alles unternehmen werde, um mich aus seiner Abteilung zu entfernen. Bisher erfolgte keine Kündigung.

Seit einigen Monaten bin ich wegen dieser andauernden psychischen Belastung krank und werde deshalb z. Z. u. a. nervenärztlich betreut, wegen anderer Krankheiten war ich bereits vorher in ärztlicher Behandlung.

Die Chancen auf dem Arbeitsmarkt sind für mich sehr gering. Was würden Sie mir aus Ihrer Sicht empfehlen?

Antwort:

Lassen Sie mich in bewährter Form Gedanken dazu auflisten:

1. Dies kann und darf keine arbeitsrechtliche Beratung sein oder werden.

2. Wer so viel Lebenserfahrung hat wie ich, der wird niemals ein Urteil fällen wollen, wenn er in einem Streitfall nur eine Seite gehört hat.

3. Wenn ein gestandener Mann mit 20 Jahren völlig andersartiger Berufserfahrung, der u. a. zehn Jahre Schichtleiter in der Produktion war, dann plötzlich als Verwaltungsangestellter in ein Amt kommt, ist „höchste Alarmstufe“ angesagt – für ihn! Er denkt nicht wie ein staatlicher Verwaltungsangestellter, er schreibt nicht so, er redet nicht so und er arbeitet auch nicht so.

Die Wahrscheinlichkeit, daß dieses „Experiment“ klappt, ist als äußerst gering anzusehen. Es hätte damals bei Ihnen gelegen, sich intensiv und vorrangig an die völlig andere Umgebung anzupassen. Vermutlich haben Sie dieses Problem unterschätzt bzw. gar nicht erkannt. In jedem Fall haben Sie bisher die Umstellung, die da von Ihnen gefordert war, nicht bewältigt. Für die Amtsleitung dürften Sie stets ein „Fremdkörper“ geblieben sein, der „nicht so ist wie wir“ – ein immer und überall nahezu „tödlicher“ Vorwurf.

4. Die Unterstellung eines Mannes Ihres Alters und Ihres beruflichen „Vorlebens“ unter einen so konsequent „anders“ erfahrenen und so viel jüngeren Chef ist eine stark konfliktträchtige Situation. Auch hier war viel Sensibilität und Anpassungsbereitschaft von Ihnen gefordert (auch von Ihrem Chef, aber der saß ja „bombensicher“, dem konnte nichts passieren – der „Klügere“, der bekanntlich nachgibt, mußten eindeutig Sie sein).

5. Sie schreiben tatsächlich nicht besonders effizient. Nehmen wir allein den Anfang Ihres (im übrigen von mir stark gekürzten und neutralisierten) Briefes. Die Einleitung mit der Nennung des eigenen Namens ist – sagen wir es so – unglücklich, langatmig und total überflüssig. Wenige Zentimeter darüber steht ja Ihr Name im Briefkopf. Was also bringt der Einleitungshalbsatz an Informationen? Dafür können Sie nichts: Man ist entweder zehn Jahre Schichtleiter oder brillanter Formulierer, aber kaum beides gleichermaßen.

6. Nimmt man Ihre Gesamtsituation, also Alter, Berufsweg, die geschilderten Probleme im Beschäftigungsverhältnis und die von Ihnen erwähnten Krankheitsbilder, dann gilt mit Sicherheit: in Sachen Chancen auf dem Arbeitsmarkt sieht es für Sie sehr, sehr schlecht aus.

7. Jeder Leser dieser Reihe weiß, wie engagiert ich grundsätzlich von arbeitsrechtlichen Auseinandersetzungen abrate. In Ihrem speziellen Fall sehe ich das anders: Noch haben Sie einen Arbeitsplatz im öffentlichen Dienst, bei dessen Verlust Sie kaum einen anderen finden dürften. Ich rate also dazu, um diesen Platz zu kämpfen. Lassen Sie sich rechtlich beraten und schöpfen Sie ggf. die entsprechenden Möglichkeiten aus. Denken Sie dabei auch an eine interne Versetzung. Gerade im Bereich öffentlicher Arbeitgeber wird ein solches Vorgehen nicht als die bösartige „Kriegserklärung“ gesehen, als die es im privatwirtschaftlichen Bereich gilt.

Dazu gehört aber auch: Analysieren Sie Ihr Verhalten in der Vergangenheit, erkennen Sie eigene Fehler und entwickeln Sie auch Verständnis für Ihre Vorgesetzten, die es sicher nicht leicht mit Ihnen hatten. Auch für Ihr Amt gilt: Ein guter … (z. B. Verwaltungsangestellter) ist jemand, den seine Vorgesetzten dauerhaft dafür halten. Hatten Ihre Anlaß, Sie zu halten? Also …

8. Ihre Auffassung, es sei ein positives Zeichen, daß Sie bisher keine Abmahnungen erhalten hätten, ist leider total naiv. Zwischen dem erstrebenswerten „Meine Chefs halten mich für einen guten Mitarbeiter“ und einem „Noch nie hat man mich abgemahnt“ liegen mehrere Dimensionen. Es ist als würde jemand sagen: „Ich bin ein guter Autofahrer. Beweis: Noch nie hat man mir den Führerschein wegnehmen wollen.“ Darüber würden erfahrene Autolenker nicht einmal lachen.

Ich wünsche Ihnen vor allem schnelle Genesung, damit Sie sich engagiert und einsatzfreudig in den Kampf um Ihr Arbeitsverhältnis stürzen können. Und bitte fühlen Sie sich nicht etwa „verfolgt“. Auch Sie haben sicher Fehler gemacht – und Pech gehabt. Und letztlich dürften auch Sie ein Opfer des Niederganges des alten DDR-Systems sein.

Kurzantwort:

Wer beruflich ein völlig neues Terrain betritt, ist zu extremen Anstrengungen aufgerufen, sich der ungewohnten Umgebung anzupasssen.

Frage-Nr.: 1318
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

Von Heiko Mell

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