Heiko Mell

Soll ich oder soll ich nicht?

Frage:

Ich habe es an Ihren Empfehlungen am meisten geschätzt, daß auch in Situationen, die in der Frage des Lesers völlig eindeutig zu sein schienen und in denen das Opfer sich völlig unschuldig in der Misere wähnte, häufig die sehr gut nachvollziehbare Antwort lautete, man möge sich doch auch selbst ein wenig an die Nase fassen und nicht nur die Schuld bei allen anderen suchen.

Seit knapp 1,5 Jahren arbeite ich in meiner ersten Anstellung nach dem Studium bei einem kleinen Unternehmen als Projektleiter. Die Technik, mit der wir uns beschäftigen, ist ebenso interessant wie zukunftsorientiert. Die Arbeit hat mir von Anfang an sehr viel Spaß gemacht, aufgrund meines Engagements und wohl auch meiner Fähigkeiten durfte ich nach sehr kurzer Zeit ein Projekt leiten. Inzwischen ist dieses erfolgreich abgeschlossen, mir wurde ein zweites, wesentlich umfangreicheres übertragen. Weiterhin bin ich für zusätzliche Aufgaben zuständig.

Ich war an der erfolgreichen Akquisition beider Projekte maßgeblich mitbeteiligt. Die Aufgaben führten zu einer Wochenarbeitszeit von 50 bis 60 Stunden und etlichen Arbeitswochenenden. Ich durfte sehr schnell alleine auch kritische Verhandlungen mit Kunden führen. Die mir übertragene Verantwortung läßt sich in meiner jetzigen Position kaum noch erweitern. Die Aussagen meines Chefs sind positiv, zu Kollegen und Teammitgliedern habe ich ein gutes Verhältnis. Aus folgenden Gründen kamen bei mir jedoch allmählich Enttäuschungen auf:

a) Seit mehreren Monaten informiere ich meinen Chef darüber, daß die Arbeitsmenge zu groß für mich ist. Er war verständnisvoll, hat Hilfe zugesagt geschehen ist nichts. Mehrere Gespräche blieben ergebnislos, ich habe das Gefühl, keine echte Unterstützung zu bekommen und verschlissen zu werden.

b) Meine vor drei Monaten gestellte Frage nach meinen zukünftigen persönlichen Weiterentwicklungsmöglichkeiten in der Firma (kurzfristiger finanzieller und langfristiger hierarchischer Aufstieg) als Anerkennung für bestätigte Leistungen wurden von meinem Chef nur sehr mißmutig aufgenommen. Nach mehrmaligem Nachfragen wurde ein Tarifsprung in Aussicht gestellt (keine definitive Zusage). Mein Chef hat mir mitgeteilt, daß er mich als potentiellen Kandidaten für eine zu besetzende Gruppenleiterstelle sieht. Ich sehe darin eher einen Köder als eine echte Chance, da ich dann als Leiter der Jüngste der Gruppe wäre und die geringste allgemeine Berufserfahrung hätte.

c) Im Zuge eines rasanten Firmenwachstums steht eine Umstrukturierung unserer Abteilung (Aufteilung in mehrere Gruppen) an. Mein Chef wollte wissen, in welcher Gruppe ich arbeiten möchte. Ich teilte ihm mit, daß die Voraussetzung für meine Entscheidung eine Stellenbeschreibung wäre. Die aber gibt es bis heute nicht. Witzigerweise konnten die Mitarbeiter unserer Abteilung dann aber in der Zeitung lesen, welche Aufgaben sie erwarteten. Dort war eine Stellenanzeige zu lesen, in der Mitarbeiter für einige Gruppen gesucht wurden. Damit war eine Tätigkeitsbeschreibung verbunden. Ich fühlte mich auf den Arm und nicht für voll genommen. Es gibt sogar Kollegen, die weder gefragt noch informiert wurden, in welcher Gruppe sie sich wiederfinden wollen oder werden.

d) Die Geschäftsführung hat als oberstes Ziel genannt, „wir wollen Erträge erwirtschaften“. Es gibt aber kein Controlling. Wir wissen nicht, für welche Leistung wir wieviel Geld ausgegeben haben. Mein Vorschlag, ein Controlling einzurichten, stieß bei meinem Chef auf Begeisterung, geschehen ist nichts. In verschiedenen Projekten gab es aufgrund mangelhafter Kalkulation größere Budgetlücken.

e) Auch in anderen Bereichen fehlt die Unterstützung durch meinen Chef oder die Geschäftsführung. Der dahinter verborgene tiefere Sinn dieses Verhaltens ist mir bis jetzt verschlossen geblieben. Mehrere erfahrene Know-how-Träger sind bereits zum Wettbewerb gegangen.

Ich habe meine Sorgen bisher immer still in meinem Herzen getragen und nur bei geeigneten Anlässen meine Meinung vorsichtig geäußert, um niemandem „auf den Schlips zu treten“, schließlich bin ich ja noch Berufsneuling.

Durch den Anruf eines Headhunters habe ich jetzt den Kontakt zu einer Konkurrenzfirma bekommen. Ich werde wohl ein Vertragsangebot erhalten. Die aufgaben dort entsprechen im wesentlichen meinen jetzigen. Bei auch sonst sehr guten Konditionen erhielte ich einen AT-Vertrag mit + 34% im Einkommensbereich (gerechnet auf der Basis des Ist-Gehaltes, die Zusagen für eine Steigerung beim heutigen Arbeitgeber sind nicht verbindlich). Eine Gruppenleiterposition nach zwei Jahren wurde in Aussicht gestellt. Über alles andere habe ich mich sorgfältig informiert, es klingt positiv.

1. Bei einem Wechsel hätte ich nur eine Dienstzeit von 1,5 Jahren. Mir ist bewußt, daß ich ein Problem haben werde, wenn mir der neue Job nicht gefällt und ich früh einen dritten antreten wollte. Inwieweit könnte ich den Wechsel mit Karrieregründen (z.B. Gehaltsanstieg) begründen?

2. Habe ich mich überschätzt und mein Durchhaltevermögen ist nicht so ausgeprägt, wie es sein sollte? Sind das die Schwierigkeiten des Arbeitslebens, die einen überall erwarten und denen man ins Gesicht sehen muß?

3. Sehe ich das neue Angebot eventuell mit der „rosa Brille“? Weil mir beim möglichen neuen Arbeitgeber alles paradiesisch vorkommt, weil die für mich aktuellen Probleme dort nicht auftreten, dafür aber andere, vielleicht viel schlimmere, die ich nur nicht sehe?

4. Mit welchen Methoden kann ich versuchen, meine persönliche Entscheidung objektiv zu gestalten?

Antwort:

Diese Einsendung habe ich umgeschrieben, dabei zahlreiche Detailinformationen neutralisiert und alles entscheidend gekürzt(!). Daten und Fakten gab es also genug.

Ein Kernproblem wird im Punkt e) der Aufzählung angesprochen: Warum reagieren Vorgesetzte häufig so, daß der „tiefere Sinn“ ihres Tuns oder Nicht-Tuns den Mitarbeitern verborgen bleibt? Wobei ich mich ja schon darüber freue, da Sie als noch recht junger Mensch einen solchen tieferen Sinn immerhin unterstellen.

Das war nicht nur vorsichtig formuliert, sondern auch völlig richtig. Denn es gibt immer Gründe für das Handeln höherer Dienst-grade. Immer! Und Mitarbeiter sind gut beraten, so lange zu überlegen und nachzuforschen, bis sie wenigstens eine Theorie haben. Ob die dann stimmt, ist eine andere Sache.

Es gilt: Wer für das Tun seines Chefs überhaupt keine Erklärung findet, hat erheblichen Nachholbedarf. Und er lebt gefährlich. Stolpert er doch über ein „Schlachtfeld“, ohne zu wissen, wer da auf wen mit welchen Zielsetzungen schießt.

Ein paar Beispiele: Ihr Chef könnte schon mögen, kommt aber bei Geschäftsführung und/oder Gesellschaftern damit nicht durch. Oder er ist zu schwach, um es überhaupt zu versuchen. Oder er tut nur so, als stimme er Ihnen zu, seine Versprechungen sind nur Beschwichtigungen. Oder Sie „nerven“ ihn sehr mit Ihren „ewigen“ Vorstellungen, Wünschen und Forderungen im Augenblick aber braucht er Sie und mag Sie nicht tiefgreifend verärgern.

Zur Sache: Ihr Problem ist, daß Sie noch zu jung und unerfahren sind, um komplexe Situationen richtig analysieren und um dann richtig reagieren zu können. In Ihrem „Berufsalter“ stehen andere noch in einem Traineeprogramm und dürfen gerade man so in die ersten Aufgaben hineinschnuppern.

Vielleicht, die Vermutung liegt nahe, hat man Ihnen für Ihren Erfahrungshintergrund auch tatsächlich zu viel aufgebürdet. Kleine, schnell wachsende Unternehmen neigen dazu. Dann kommt es leicht zu folgender Diskrepanz: Mehr oder minder ungeplant rutschen Sie in Aufgaben hinein, die eigentlich einen viel erfahreneren Mitarbeiter erfordern würden. Der aber nicht vorhanden ist! Betrachtet man Sie hingegen „höheren Ortes“ in Sachen Geld + Aufstieg, sind Sie wieder der junge Anfänger mit gerade erst einem Jahr Praxis. „Beförderung nach ein paar Monaten hat man so etwas schon gehört.

„Natürlich haben Sie formal gesehen „recht“ wer die Leistung erbringt, müßte auch adäquat entlohnt werden. Da das aber an die steinernen Mauern eingefahrenen Denkens und betrieblicher Gewohnheiten stößt, bliebe nur die Alternative, Ihnen die tolle, herausfordernde Aufgabe wieder abzunehmen und Sie bezahlungsgemäß zu beschäftigen. Wären Sie damit zufrieden?

Diese Verantwortung in so jungen Jahren ist Ihre Chance! Daran reifen und wachsen Sie, damit profilieren Sie sich, darauf gründen Sie später(!) Ihre Karriere. Noch in Jahrzehnten werden Sie eingestehen, daß diese Aufgabe, dieses Vertrauen Ihrer Chefs in Sie einen ungeheuer prägenden Einfluß auf Ihre gesamte Persönlichkeitsentwicklung hatte. Wenn Sie je nach oben wollen, müssen Sie vor allem das Positive an Ihrer Situation sehen und selbige erfolgreich durchstehen.

Mein wichtigster Rat lautet: Denken Sie im eigenen Interesse vorrangig langfristig. Sie müssen vermutlich noch mehr als dreißig Jahre arbeiten. In einer Langfristbetrachtung ist das, was Ihnen jetzt so bedeutsam erscheint, nur eine Episode.

Lassen Sie mich einmal kurz auf Ihre Frustrationsgründe eingehen:

Zu a) Natürlich ist das ein Argument. Aber mir fiel auf, daß Sie später davon nicht mehr sprechen. Geht es vielleicht doch nur ums Geld und die Überbelastung ist nur ein Argument, um Ansprüche zu begründen?

Außerdem muß ich einmal an Ihren Ehrgeiz appellieren. Sie haben bisher längst nicht alles herausgeholt aus sich, haben Ihr Leistungsvermögen erst in einer einzigen Phase Ihres Lebens so richtig erfolgreich demonstriert, bei vielen anderen Gelegenheiten haben Sie andere „laufen“ lassen und sind müde hinter dem Feld hergetrottet. Sollen wir einmal in die Details gehen? Mir scheint, Sie können es vertragen. Also dann, halten Sie sich fest:

Sie sind ein „Einser-Absolvent“. Richtig schön an einer TH nach zehn Semestern „sehr gut“. Das also ist Ihr Potential, das können Sie. Und was haben Sie bisher aus diesen Anlagen gemacht? Abitur mit fast 20 und fast 3, und das noch mit so dramatischen Leistungsfächern wie Kunst. Na ja.

Bundeswehr: „Seine Führung war befriedigend.“ Na ja. Natürlich bedeutet das nichts. Aber es gibt einen Grundsatz: Mein Name wird nur mit Top-Urteilen verbunden.

Diplom-Vorprüfung „befriedigend“. Nicht unüblich, aber doch wohl zwei Stufen unter Ihrem Standard, nicht wahr? Dann das Hauptexamen „sehr gut“. Toll, aber halt bisher ein Einzelfall in Ihrem Leben. Oder war das die Ausnahme und der Rest war Ihrem Vermögen eher angemessen?

Was der spätere Analytiker Ihrer Unterlagen lesen will, ist die solide, durchgängige, zuverlässige, dauerhafte Zugehörigkeit zur Spitzengruppe, nicht „teils-teils“.

Nun also stehen Sie da, wo Sie, der Einser-Kandidat, sich selbst hingestellt haben. Also zeigen Sie es denen, dann schütteln Sie sich und gehen als Sieger vom Feld. Mit einem Top-Zeugnis. Und nie wieder im Leben „riecht“ jemand an Ihren Unterlagen! Und murmelt etwas über die „Fähigkeiten zur gelegentlichen, aber unkalkulierbaren Spitzenleistung“. Sondern jeder sagt: „Na gut, ein Spätentwickler! Aber ab dem… (Datum Ihres Examens) ist er top.“ Lassen Sie also die Aufgaben richtig kommen. Andere gehen nach dem Studium erst einmal zwei Jahre irgendwo ins Ausland. Das ist teilweise auch kein Zuckerschlecken.

Zu b) Keine Beförderung und nur kleine Gehaltserhöhungen nach einem Dienstjahr, das ist Industriestandard. Nehmen Sie es einfach hin. Werden Sie irgendwann Geschäftsführer oder Vorstand, da ist die Bezahlung schon deutlich besser.

Arbeiten Sie dort insgesamt mindestens drei Jahre konzentriert durch, bringen Sie Erfolge und sichern Sie sich in fachlicher und persönlicher Hinsicht eine Top-Beurteilung. Dann überlegen Sie, ob Sie dort etwas werden können oder gehen müssen (in kleinen Firmen sind tolle Chancen systembedingt seltener). Und dann handeln Sie entschlossen.

Zu c) Chaos dieser Art ist zum großen Teil Industriestandard. Stellen Sie nicht zu hohe Anforderungen an andere Menschen. Machen Sie Karriere und dann als Chef alles besser. Außerdem: Sie z. B. hat man doch vorher gefragt, freuen Sie sich darüber.

Zu d) Schlimm, aber Sie können als Anfänger nicht mehr tun, als eine Anregung zu geben. Sie sind mit der Firma nicht verheiratet. Beschließen Sie halt, dort nicht alt zu werden.

Zu e) Siehe oben und zu d.Soviel dazu. Der so plötzlich aufgetauchte potentielle neue Arbeitgeber (Angebot) macht das, was man auch tun kann: Man wirbt aus der Branche die gut ausgebildeten jungen Leute ab, spart sich deren Einarbeitung, zahlt exorbitante Gehälter (an schon „fertige“ neue Mitarbeiter) und macht immer noch ein Geschäft. Mit dem Gehalt dort säßen Sie im „goldenen Käfig“, es wäre zu viel für die geringe Praxis. Befördern wollen die Sie auch erst vielleicht(!) in zwei Jahren. Sieh mal einer an!

Also: Bleiben Sie, lassen Sie nicht „ohne Not“ kurze Dienstzeiten entstehen, damit fallen Sie immer wieder auf. Und Sie wissen nicht, was noch kommt. Ihre „Ausrede“ (Frage 1) würde nichts taugen. Man will Leute mit Stehvermögen, nicht mit Erklärungen. Damit sind die Fragen 1 bis 3 beantwortet. Zu 4: Sie können Tabellen aufstellen, aber die meisten Menschen belügen sich dabei. Wichtiger ist die Frage, gegen welche Grundregeln man verstieße, wenn man…

Also ärgern Sie sich nicht zu lange über mich und schicken Sie mir in zehn Jahren Ihre Visitenkarte. Wollen wir einmal sehen, ob dort etwas steht, das Ihrem Potential entspricht.

Kurzantwort:

1. Für den jungen Berufsanfänger ist die Praxis am Anfang gewöhnungsbedürftig. Das gilt besonders, wenn er schon Hochwertiges tun darf und erfolgreich ist. 2. Es gehört zu den Grundpflichten eines Mitarbeiters, stets zu wissen oder doch zu ahnen, warum Chefs etwas tun oder nicht tun. Wer statt dessen nur den Kopf schüttelt, lebt gefährlich.

 

Frage-Nr.: 1118
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

Von Heiko Mell

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