Heiko Mell 02.01.2016, 05:28 Uhr

Hilfe, ich bin Generalist

Antwort:

Sagen wir es einmal so: Dann haben Sie ein Problem.Stellen Sie sich vor, Sie haben das Zeug zum Bundeskanzler (BK). Aber Sie müssen erkennen: Das Zeug für das erfolgreiche Beschreiten der üblichen Wege dorthin, das haben Sie nicht. Also Kreisverbandsvorsitzender einer Partei, Landtagsabgeordneter, Bundestagsabgeordneter, Generalsekretär, Fach-Minister im Land oder im Bund – das alles liegt Ihnen nicht. Aber BK, Sie spüren es genau, das entspräche Ihren Talenten.

Was nun? Es müsste eine eigene BK-Laufbahn geben: BK-Assi, stv. Hilfs-BK-Anwärter, Hilfs-BK z. A. usw. bis zur angestrebten Endstufe. Damit Sie, transferiert auf industrielle Verhältnisse, ohne die lästige Spezialisierung als Entwicklungs-Ingenieur, Gruppenleiter Konstruktion und als Technischer Leiter etc. gleich in die Geschäftsführer-Laufbahn einsteigen könnten. Zwar auch erst als GF-Assi, aber dann nicht mehr zurück in das Detailumfeld irgendeiner Abteilung mit dem Zwang, sich erst als reiner, später als leitender Spezialist mühsam auf einem engen Fachgebiet qualifizieren zu müssen. Sondern Sie entwickelten sich vom Hilfs-GF über diverse Zwischenstufen einer Generalisten-Laufbahn bis rauf zum richtigen Allein-GF (oder Vorsitzenden einer Geschäftsführung).

Nun, Sie wissen es schon: Es gibt solche Laufbahnen nicht, weder beim BK, noch beim GF. Oder pauschaler: Es gibt generell in der industriellen Praxis keine Generalisten-Laufbahn. Also gibt es keine Chance, ohne Bewährung in einem überzeugenden Spezialisten-Werdegang (der offiziell gar nicht so heißt) irgendwo an die Spitze zu kommen und das angebliche Generalisten-Talent schon kurz nach dem Studium zum Durchbruch zu bringen. Es gibt immer wieder einmal Ansätze in dieser Richtung, aber eine rundum bahnbrechende Lösung war darunter noch nicht.

Was also bleibt Ihnen? So wie der Meister schon immer vorher Lehrling gewesen sein musste, so gilt auch für Sie: Es hilft nichts, Sie müssen da durch. Ohne eine erfolgreich(!) durchgezogene Laufbahn auf einem Fachgebiet gibt es grundsätzlich keinen Aufstieg in den generalistischen Olymp.

Und das ist auch gut so (nein, ich zitiere nicht, der schlichte Satz ist sprachliches Allgemeingut). Denn eine unserer „goldenen Regeln“ lautet: Wer Menschen in bestimmten Funktionen oder mit bestimmten Tätigkeiten führt, der soll vorher eine solche Funktion innegehabt bzw. Tätigkeit ausgeführt haben. Das kann nicht für alle unterstellten Mitarbeiter gelten, aber doch für einige von ihnen. Und so war in der Regel der heutige GF, dem einige Bereiche unterstehen, vorher Leiter eines solchen. Um das zu werden, war er davor Abteilungsleiter in diesem Bereich und lange davor Sachbearbeiter dortselbst.

Versuchen Sie also nicht, sich in jungen Jahren schon als Generalist zu sehen und sich den klassischen Laufbahnen zu verweigern. Das bringt Ihnen nur Frustrationen. Kämpfen Sie lieber um Erfolge in Standard-Fachgebietslaufbahnen, bis Sie den Entfaltungsmöglichkeiten Ihrer „wahren“ (generalistischen) Talente nahegekommen sind. Unser System hat keinen Raum für gescheiterte Fachabteilungsleiter, die lieber als GF brillieren möchten. Oder glauben Sie, dass hinter so manchem eher blass und unscheinbar oder sogar unglücklich operierenden Politiker der unteren Ebene tatsächlich ein überzeugender Kanzler stecken könnte? Wenn man ihn bloß ließe?

Kurzantwort:

Sagen wir es einmal so: Dann haben Sie ein Problem.

Frage-Nr.: 378
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 26
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2011-05-26

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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