Heiko Mell 02.01.2016, 01:52 Uhr

Führt er sein Diplom zu Unrecht?

Frage: Wie kann man herausbekommen, dass jemand zu Unrecht einen Diplomtitel trägt? Sollte dies der Fall sein: Inwieweit ist dies strafbar und kann man das anzeigen ohne vielleicht direkt in diesen Fall verwickelt zu werden?

Antwort:

a) Sachliche Betrachtung: Das wäre wohl ein Betrugsdelikt, das könnte man dann anzeigen, der Betrüger machte sich strafbar. Seine Anstellung würde er auch verlieren. Aber es muss „ob“ statt „dass“ heißen.

b) Moralische Betrachtung: Jemanden anzuzeigen und dabei anonym zu bleiben, scheint eine heimliche Leidenschaft vieler Menschen zu sein. Gestapo und Stasi dürften da über reichhaltige Erfahrungen verfügt haben.Natürlich gibt es Delikte, die sind so gravierend, dass man als Staatsbürger aufgefordert ist, „mit den Behörden zusammenzuarbeiten“ (Kindesentführung, Mord, Raub, Diebstahl etc.), aber auch dabei sollte man offen operieren, zu seinen Beobachtungen stehen und nicht mit dem Gedanken an anonyme Hinweise spielen.

c) Pragmatische Betrachtung: Neben Ihrer Absicht, als Anzeigender nicht erkannt zu werden, gefällt mir auch ein anderer Aspekt nicht. Wenn ich Ihre Zeilen richtig interpretiere, dann geht es Ihnen nicht darum, einen falschen Arzt zu entlarven, der seinen Patienten schaden könnte, sondern Sie verdächtigen Ihren Chef, einen Kollegen, oder Nachbarn, sich unrechtmäßig Dipl.-XX zu nennen. Wohlgemerkt: Sie haben einen Verdacht, keinen Beweis.Und nun fühlen Sie sich verpflichtet, diese Person „anzuschwärzen“, Ermittlungen zu veranlassen, den Menschen „seiner gerechten Strafe zuzuführen“. Lassen sie es mich so ausdrücken: Warum? Bitte werden Sie sich darüber zunächst erst einmal klar! Wenn Ihre Einsendung doch bloß nicht so fatal nach „Rache! Den mache ich fertig“ klänge.

Meine Meinung: Wer betroffen ist, darf – ja muss – dem Verdacht nachgehen. Der Chef einer Person hat dieses Recht und diese Pflicht, der Personalleiter seines Arbeitgebers ebenfalls. Denn dieser Personenkreis würde ja zu den Geschädigten gehören. Wenn es aber um einen Kollegen oder Nachbarn geht – dann müssen Sie solch einen Verdacht ja nicht haben. Punkt.

Und falls es sich um Ihren Chef handelt: Sollten Sie es schaffen, ihn auf diesem Wege „abzuschießen“, dann rächt sich die gesamte Führungsorganisation an Ihnen. Niemand will etwas mit einem Mitarbeiter zu tun haben, der seinen Chef angezeigt hat („Man liebt den Verrat, aber man hasst den Verräter“). Und falls der Chef verdächtigt würde (auch wenn das anonym geschieht), gibt es in jedem Fall Gerüchte, wer das wohl gewesen sein könnte. Sollte man dabei Sie in Verdacht haben, sind Sie dort „tot“.Anmerkung: Bitte keine Falschinterpretation! Niemand deckt hier Betrüger. Auch ich sage: Keine Gnade mit solchen Hochstaplern. Hier aber geht es um die Frage, ob ein offensichtlich weder Geschädigter noch Betroffener dieser Vermutung nachgehen und gehörig Staub aufwirbeln soll – und ob es angemessen wäre, einen vielleicht Unschuldigen in Misskredit zu bringen. Denn „wo Rauch ist, muss auch Feuer sein“ – irgendetwas bleibt immer hängen. Also Vorsicht!

d) Die technokratische Betrachtung: Bevor Sie irgendjemanden auf Verdacht anzeigen, sollten Sie nicht etwas vermuten, sondern wissen. Ich bezweifle, dass es ein Bundes- oder Landeszentralregister aller Titelführungsberechtigten gibt. Aber wie ich aus einem konkreten Betrugsfall weiß, dem der Personalvorstand eines Konzerns nachgegangen ist, sind die Universitätsprüfungsämter im konkreten Fall hilfsbereit (wer Diplom-Urkunden ausstellt, ist auch daran interessiert, dass damit kein Schindluder getrieben wird). Dafür müssten Sie aber mindestens die ausstellende Hochschule, besser noch Fakultät, genauen Titel und Ausstellungsdatum kennen. Ob man dann aber einem beliebigen Fremden hilft, der kein berufliches Interesse an dem Fall hat, müssen Sie selbst herausfinden.Lassen Sie besser die Finger davon.

Kurzantwort:

Keine Gnade für Betrüger – aber Vorsicht bei Vorliegen bloßer Ahnungen oder Verdachtsmomente ohne klaren Beweis. Und: Anonyme Anzeigen kommen überhaupt nicht infrage.

Frage-Nr.: 2306
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 16
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2009-04-15

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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