Heiko Mell 01.01.2016, 16:25 Uhr

Der spezielle familiäre Hintergrund

Ich weiß, dass heutzutage im Normalfall nicht mehr die Familienherkunft/Eltern in der Bewerbung eine Rolle spielen sollten. In meinem Fall liegen die Dinge allerdings nach meiner Auffassung etwas anders:

Ich habe insgesamt fünf Geschwister, zwei ältere und drei jüngere. Als ich 17 war, waren die jüngeren 12, 10 und 8 Jahre alt, während die älteren (bedingt durch ihr Studium) schon nicht mehr im Elternhaus lebten. Zu jenem Zeitpunkt ist unser Vater, ein selbstständiger Ingenieur, einem tödlichen Arbeitsunfall zum Opfer gefallen.

Ich bin der Ansicht, dass zum einen das Aufwachsen in der großen Familie, zum anderen der Tod des Vaters mich sehr geprägt haben. Ersteres hat nach meiner Auffassung Verhandlungsgeschick, Selbstbewusstsein und den auch mal nötigen Ellenbogen gefördert, letzteres die frühe, wenn auch unfreiwillige Übernahme von großer Verantwortung.

Ich würde mich über einen kleinen Tipp freuen, ob und wie ich diesen Punkt in eine Bewerbung einfließen lassen sollte.Übrigens ist mein Bruder als Maschinenbau-Ingenieur bei der XY AG tätig und hat nach seiner Aussage erheblich von Ihrer Hilfe profitiert.

Antwort:

Sie haben damals also, durch das Schicksal bedingt, die Rolle des ältesten Sohnes in Ihrer Familie gespielt. Es ist allgemein bekannt, dass ein ältester Sohn (so er denn jüngere Brüder hat) überproportional oft später Managementpositionen erringt. Demgegenüber schneiden gerade mittlere Brüder (Ihre Rolle lt. Geburtsfolge) dabei gar nicht gut ab, sie werden Medizinprofessor oder Lastwagenfahrer, aber deutlich seltener Manager in der Wirtschaft. Das muss, der Schluss ist erlaubt, am Geschwister-Umfeld liegen.

Sie sind nun eine Art „Pseudo-Ältester“, der eigentlich mittleres Kind ist. Es ist denkbar (und Ihr gutes Recht, das anzunehmen), dass die von Ihnen übernommene Rolle Sie geformt hat.

Der Tod Ihres Vaters hat sicherlich zu größerer/früherer persönlicher Reife geführt. Aber Sie teilen das Schicksal mit einer ganzen Generation: Viele meiner Schulkameraden und ich wuchsen als Kinder auf, deren Väter nicht aus dem Krieg zurückgekehrt waren. Vielleicht waren wir deshalb so tüchtig? Bewiesen ist das nicht. Mit 17 waren Sie übrigens fast erwachsen im juristischen Sinne.

Mein Rat an Sie: Provozieren Sie keine Widerstände, indem Sie unbewiesene Theorien in Bewerbungen verbreiten. Sie könnten damit den Unwillen von solchen Entscheidungsträgern hervorrufen, die als wohlbehütete Einzelkinder mit lebenden Eltern aufgewachsen sind und keinesfalls glauben, dass dies etwa als Nachteil gewertet werden müsste.

Verbreiten Sie, wenn Sie unbedingt wollen, einfach Fakten – und überlassen Sie die Wertung (oder die Entscheidung, das Thema zu ignorieren), den lesenden Fachleuten. Man schreibt ja auch nur „Abitur 1,3“ und nicht noch dahinter „und das ist ganz toll“.

Also als Beispiel:“11.7.1975: geb. in Hamburg (als eines von 6 Kindern eines selbstständigen Ingenieurs; frühzeitige Übernahme von Verantwortung nach Unfalltod des Vaters)“Das wäre erlaubt. Wer als Bewerbungsempfänger so etwas nicht mag, schüttelt den Kopf darüber – wird aber allein aus diesem Grund niemals Ihre Bewerbung ablehnen.

Noch besser: Sie lassen das weg – und überzeugen durch eine überdurchschnittlich gereifte Persönlichkeit im Vorstellungsgespräch. Als Ausrede für schlechte Noten oder ein besonders langes Studium taugen die Geschwister jedenfalls nicht.

Frage-Nr.: 1870
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 32
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2004-07-05

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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