Heiko Mell 01.01.2016, 15:35 Uhr

Zeugnisse aus der ehemaligen DDR

In Ihrer Antwort auf die Frage 1.820 führen Sie aus: „Dort gab es bis zur Wiedervereinigung entweder keine Arbeitszeugnisse oder der Mitarbeiter bekam sie nicht ausgehändigt.“

Doch, es gab sie. Sie hießen „Beurteilung“ und wurden in einem ordentlichen Betrieb („Kombinat“) dem Beurteilten zur Kenntnis gegeben und ausgehändigt.

Unterschiede zu heutigen Zeugnissen gab es insofern, als keine ausgeprägte Zeugnissprache für die „Benotung“ angewendet wurde, eine „gesellschaftliche“ Beurteilung mindestens ein Viertel des „Zeugnisses“ ausmachte, eventuelle negative Aspekte nicht geschickt umschrieben, sondern durchaus benannt wurden.

Keine Beurteilung gab es auch damals nur in „Hinterhof-Klitschen“.

Antwort:

Es kamen mehrere Zuschriften dieser Art, die Aussagen zur Sache decken sich.

Sie haben mir ein Muster (1989) mitgeschickt. Es enthält kein Ausscheidedatum oder sonstige Hinweise zur Dauer der Dienstzeit und auch keine Aussage, dass und weshalb die Beschäftigung endet. Es ist eine Beurteilung ohne Hinweis auf ihren Anlass.

Das eigentliche Problem liegt sicher in der „gesellschaftlichen“ Beurteilung. Bei Ihnen steht z. B.:

„Aufgrund seiner guten fachlichen Leistungen wurde er zweimal als Aktivist ausgezeichnet und ist Mitinhaber des Titels ‚Kollektiv der sozialistischen Arbeit’ (13x) und DSF-Kollektiv (10x). …Kollege … ist Mitglied der (Name einer Partei) seit … und gehört dem Stadtbezirksvorstand … an. Im Kollektiv war er der Verantwortliche für die DSF-Arbeit (deutsch-sowjetische Freundschaft; d. Autor). Er war Mitglied der Konfliktkommission des Bereiches … sowie der dezentralen Neuererbrigade. 19… besuchte er einen Lehrgang der Bezirksparteischule … Kollege … wurde 19… mit der ‚Silbernen Ehrennadel der Nationalen Front’ ausgezeichnet.“

Diese Beurteilung sieht gelegentlich (einige habe ich schon gesehen) noch viel „linientreuer“ im politischen Sinne aus. Heute und aus westlicher Sicht wirkt vieles davon teils fragwürdig, teils sogar komisch.

Vermutlich geben deshalb viele Bewerber vor, sie hätten aus diesen Tätigkeitsphasen gar kein Dokument. Ich kann das verstehen. Rein westlich erfahrene Bewerbungsleser können diese Beurteilungen gar nicht interpretieren – und wollen auch keine Spezialkenntnisse über diese überwundene Periode mehr erwerben.

Trösten wir uns damit: „Zeugnisse“ im heute allgemein geltenden Sinn sind das nicht (Ihr Muster enthält nicht einmal eine so simple Sache wie die Angabe des Beschäftigungszeitraums). Und über die Aussagekraft der Beurteilung könnte man sich auch streiten – die Dokumente waren „mehr“ als die bloßen Aussagen der Vorgesetzten über Führung und Leistung, wie wir sie heute verstehen.

Nur eine Mahnung muss sein: Die Toleranz der Bewerbungsempfänger betrifft höchstens die Jahre bis zur Wiedervereinigung. Ab diesem Datum gilt, was im Westen schon immer galt: Alle abgeschlossenen Arbeitsverhältnisse sind lückenlos durch Zeugnisse zu belegen, „man hat mir keines gegeben“, reicht als Entlastung nicht aus. Man könnte ja sonst als Bewerber ein schwaches Dokument schlicht als „nicht vorhanden“ erklären.

Kurzantwort:

In der früheren DDR gab es – zumindest teilweise – beim Firmenwechsel „Beurteilungen“, die jedoch dem heutigen Formulierungsstandard für Zeugnisse nicht entsprachen. Auch wegen der gewöhnungsbedürftig klingenden Aussagen zur politischen Einstellung des Mitarbeiters ist es verständlich, wenn diese Dokumente nicht gern präsentiert (oder sogar verleugnet) werden.

Frage-Nr.: 1832
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 11
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2004-03-12

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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