Heiko Mell 01.01.2016, 14:06 Uhr

Über die Distanz (ohne Plural) zwischen Chef und Mitarbeiter

Antwort:

Sicher muss ich zuerst den in Klammern gesetzten Zusatz erläutern. Die Sache ist ganz einfach: Die „Distanz“ hat mehrere Bedeutungen. Die anderen, die hier nicht interessieren, können in die Mehrzahl gesetzt werden, dann sind es eben Distanzen, also Entfernungen, Strecken, Boxrunden etc. Hier jedoch ist „Reserviertheit, abwartende Zurückhaltung“ gemeint. Und in dieser Bedeutung hat der Begriff keinen Plural.

Jüngere Aufsteiger in ihrer ersten Führungsposition sind besonders gefährdet: Sie konzentrieren sich auf die ihnen nun unterstellten Mitarbeiter, tun alles, um sie bei Laune zu halten – und versuchen, bei diesen Menschen beliebt zu werden. Das jedoch ist häufig der Anfang vom Ende. Letzteres ist dadurch gekennzeichnet, dass die frischgebackene Führungskraft mehr Kraft und Zeit darauf verwendet, bei ihren Vorgesetzten die Interessen der unterstellten Mitarbeiter zu vertreten als ihre eigentliche Pflicht zu tun: von oben kommende Vorgaben, Zielsetzungen und Erwartungen mittels der zugeordneten Mitarbeiter erfolgreich umzusetzen.

Zwar muss unbedingt motiviert werden, sind Mitarbeiter im Rahmen des Möglichen zu begeistern, ist ein sachlich-korrektes, in Grenzen berechenbares, vorbildliches Chef-Verhalten angesagt. Denn die Führungskraft ist auf ihre Mitarbeiter, deren Einsatz und deren Bereitschaft zur konstruktiven Mitwirkung angewiesen. Aber auf die Frage „Wie werde ich bei meinen Leuten beliebt?“ gibt es nur eine Antwort: Das ist kein anzustrebendes Ziel, das steht nicht in Ihrem Vertrag. Manche Chefs erreichen es scheinbar „nebenbei“, aber versuchen Sie es nicht konkret!

Führen verlangt auch Härte, Durchsetzungsvermögen, bittere personelle Entscheidungen sowie auch die Ablehnung diverser Wünsche der Geführten. Es verlangt die Bereitschaft, Unbequemes zu fordern. Und es erlaubt in der Umsetzung anspruchsvoller, durch die nächsthöhere Ebene gesetzter Ziele nicht einmal permanente Gerechtigkeit.

Wer führt, muss jederzeit frei sein, zu kritisieren, zu reglementieren, zu strafen und auch zu entlassen. Das ist mit dem – verständlichen – Streben nach Beliebtheit nicht zu vereinbaren. Das geht ohne eine gewisse Distanz im obigen Sinne nicht. Extrem starke Persönlichkeiten schaffen es, Kegel- und Saufbruder ihrer Mitarbeiter zu sein und dennoch am nächsten Tag unbeeinflusst ihre erforderlichen Entscheidungen zu treffen. Aber: Winchester nannte einst seine besonders gut gearbeiteten, aus der Masse herausragenden Gewehre „eins von tausend“ – die Quote gilt sicher auch für ideale Menschen.

Wer nicht darunter fällt, dem droht in den Augen seiner für ihn lebenswichtigen Chefs schnell das Urteil „Kumpan statt Führer“, „zu weich“ oder „Mini-Betriebsrat seiner Abteilung“. Und damit ist er dann ziemlich erledigt.

Kurzantwort:

Sicher muss ich zuerst den in Klammern gesetzten Zusatz erläutern. Die Sache ist ganz einfach: Die „Distanz“ hat mehrere Bedeutungen. Die anderen, die hier nicht interessieren, können in die Mehrzahl gesetzt werden, dann sind es eben Distanzen, also Entfernungen, Strecken, Boxrunden etc. Hier jedoch ist „Reserviertheit, abwartende Zurückhaltung“ gemeint. Und in dieser Bedeutung hat der Begriff keinen Plural.

Frage-Nr.: 166
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 27
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-11-07

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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