Heiko Mell 01.01.2016, 12:15 Uhr

Auf eigene Schwächen richtig reagieren

Antwort:

Setzen wir einmal voraus, dass jeder Mensch neben Stärken auch klare Schwächen hat. Insbesondere letztere können ein Problem sein, auch daran besteht kein Zweifel.

Ahnen Sie, dass Sie ein bisschen faul sind? Ja? Das wäre absolut falsch! Sie sind erwachsen – und inzwischen sollten Sie es wissen, nicht nur ahnen. Die gnadenlose Selbstanalyse ist der erste Schritt zum richtigen Umgang mit eigenen Schwachstellen. Maßstäbe gibt es genug: Lehrer, Professoren und Vorgesetzte vermitteln ein Bild von „oben“ her, Kommilitonen und Kollegen sind als Vergleichsbasis auf der eigenen Ebene hervorragend geeignet.

Außerdem kann niemand durchs Leben gehen und nicht selbst schon den Verdacht gehabt haben, er sei vielleicht schwächer in der Argumentation oder beim Schreiben oder beim Überzeugen anderer oder er könne in Diskussionen nicht brillieren oder nicht auf andere charismatisch wirken oder er werde nie rechtzeitig fertig.

Nach einer sorgfältigen Analyse der Aussagen und Reaktionen des erwähnten Umfeldes steht dann irgendwann die Diagnose fest: Auf diesem Gebiet bin ich schwach, viele andere sind mir hoffnungslos überlegen.

Danach könnten Sie die Schulter zucken, die Sache herunterspielen – und versuchen, die Erkenntnis zu ignorieren. Das kommt natürlich nicht in Frage.

Also könnten Sie antreten, um etwas gegen diese Schwäche zu tun – Seminare, Bücher, Therapeuten, Selbsthilfegruppen oder so. Es verblüfft Sie vielleicht, aber ich rate ganz entschieden ab! Nicht von Kursen, nur von jenen zu diesem Zweck. Es kommt nämlich nichts dabei heraus. Außer dass Sie sich von Schulnote „ungenügend“ zu „mangelhaft“ steigern. Das kostet viel Kraft, nützt jedoch wenig bis nichts. Weil im betrieblichen Tagesgeschäft für Karriereinteressierte gilt:

Ein „Sehr gut“ als Bewertung von Leistung, Eigenschaften und Fähigkeiten ist anzustreben, ein „Gut“ gilt als Standard. „Befriedigend“ ist bereits bedenklich bis unerfreulich, „ausreichend“ ist vollkommen und diskussionslos unakzeptabel. Von „mangelhaft“ hat nie jemand auch nur gehört.

Fazit: Lassen Sie die Finger von allem, was Sie nicht „gut“ können. Dieses Niveau aber erreichen Sie durch Schulung auf „schwachen“ Feldern nicht. Streben Sie lieber Jobs an, in denen Sie Ihre Stärken ausspielen können und in denen Ihre Schwächen kein großes Handikap sind.

Und keine Kurse, keine Seminare, kein Arbeiten an sich selbst? Aber ja doch! Aber auf Gebieten, in denen Sie stark sind – damit Sie dort nahezu perfekt werden und brillieren können. Eine kluge Führungskraft schickt auch nicht den schlechtesten Redner seiner Mannschaft auf einen Rhetorikkurs, sondern den besten. Und den schlechtesten hält er von großen Vorträgen fern.

Als Fazit: Aus Schwächen wird durch Schulung höchstens Mittelmäßigkeit. Und die hat im Berufsleben auf Dauer keine Chance. Jedenfalls nicht, wenn es um Karriere geht.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 128
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 35
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-08-30

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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