Tipps für die Jobsuche 22.12.2014, 12:01 Uhr

Gefährdete Ingenieure sollten den Arbeitsmarkt beobachten

Filme fahren sich heute, unabhängig vom Alter, viele Ingenieure, die den Arbeitsmarkt nicht mehr kennen. Bewerbungserfolge der Vergangenheit sind nicht übertragbar. Gerade ältere Ingenieure zeigen enorme Defizite, was zeitgemäßes Bewerbungsverhalten betrifft.

Der Arbeitsmarkt sollte im Blick behalten werden.

Der Arbeitsmarkt sollte im Blick behalten werden.

Foto: Ingram Publishing / Thinkstock

Thema Arbeitsmarkt für Ingenieure: Als ich vor wenigen Jahren mit meinem Stiefsohn zusammensaß war er noch begeisterter Fußballer. Wir entwickelten ehrgeizige Pläne. Angesteckt von der Diskussion erzählte ich über meine Vergangenheit als Langstreckenläufer: Marathon unter 3 Stunden und 100 km unter 9 Stunden sind ja durchaus vorzeigbar. Ich ging zum Schrank, kramte Medaillen, Presseberichte und Fotos hervor. Schließlich bemerkte ich, dass ich noch einmal hart trainieren wolle, um lange Strecken laufen zu können. Prompt kam die klare Ansage meines Stiefsohnes: „Bernie, fahr‘ dir keine Filme. Schau dich an, du bist 20 Kilo schwerer als auf den Fotos, du hast keine Zeit und wenn du heute ein paar Meter läufst, das ist schon peinlich.“

Fahr dir keine Filme! – ein Satz, der irgendwie in meinem Kopf hängen geblieben ist. Filme fahren sich heute, unabhängig vom Alter, viele Ingenieure, die den Arbeitsmarkt nicht mehr kennen. Beginnen wir dort, wo es für die Ingenieure am gefährlichsten ist, bei der Altersklasse 50+. Wie bemerkte da doch gerade ein Projektmanager (Anfang 50) aus einem großen Elektronikkonzern: „Ich mache hier noch 10 Jahre, dann bin ich durch und danach ist es mir egal, was passiert!“ 10 Jahre sind für heutige Verhältnisse eine unglaublich lange Zeit!

Die Realität für den Arbeitsmarkt nicht ausblenden

Aus meiner Sicht kann der Ingenieur froh sein, wenn er überhaupt die nächsten anstehenden Umstrukturierungsrunden bei seinem Arbeitgeber übersteht. Sollte der Job wackeln, erklärt er weiter, dürfte dies für ihn nicht zum Problem werden. Bei der letzten Bewerbungsaktion, damals nach dem Studium (als der Arbeitsmarkt noch in Ordnung war), habe er nur zwei Bewerbungen verschickt, um zum Erfolg zu kommen. Und letztlich darf das ungeheure Erfahrungswissen nicht unterschätzt werden, das er mitbringe. Er sei für jedes andere Unternehmen der Branche und darüber hinaus ein wertvoller Kandidat.
In diesen Ausführungen wird so ziemlich die gesamte Realität am Arbeitsmarkt für Ingenieure ausgeblendet. Bewerbungserfolge der Vergangenheit sind nicht übertragbar. Gerade ältere Ingenieure zeigen enorme Defizite, was zeitgemäßes Bewerbungsverhalten betrifft. Viele Branchenwechsler, z.B. aus der Telekommunikationsbranche, verwenden in Bewerbungen den Fachjargon ihrer Branche. Diese Bewerbungen werden häufig von Personalabteilungen und Personalberatern nicht oder fehl verstanden, werden zurückgeschickt oder für unpassende Positionen weitergereicht.

Filme fahren – und den Arbeitsmarkt vergessen

Oft werden von dieser Altersklasse Bewerbungsaktionen zu zaghaft und viel zu spät im Arbeitsmarkt vorgetragen und, und, und. Man sozialisiert seine Zukunftsängste in Transfer- und Beschäftigungsgesellschaften, glaubt an den Markt der „händeringend“ sucht und merkt nicht, wie der Zug langsam abfährt. Die hohe Arbeitslosigkeit der Menschen 50+ macht auch nicht vor Ingenieuren halt und spricht für keinen hohen Stellenwert des Erfahrungswissens.
Filme fahren sich aber auch junge Ingenieure oder solche, die es noch werden wollen. Da wurde ich kürzlich von einem Bachelor belehrt: „Herr Andersch, Sie haben mir gerade geschildert, dass der Bachelor am Arbeitsmarkt keinen sehr hohen Stellenwert hat. Ich glaube, Sie sind da nicht mehr ganz auf dem Laufenden. Der Bachelor entspricht mindestens dem früheren FH-Ingenieur und die sind gefragt. Außerdem werden in Stellenanzeigen Bachelor und Master oft gleichgestellt und der Master entspricht ja dem universitären Diplom-Ingenieur.“

Ohne Berufserfahrung wenig Chancen auf dem Arbeitsmarkt

Bestechende Logik, die Realität auf dem Arbeitsmarkt sieht anders aus. In der Bewerberdatenbank von ingenieurkarriere.de finden sich nahezu 1.000 Ingenieure in der Altersklasse bis zum 30. Lebensjahr ohne Berufserfahrung. Rund 600 davon haben einen Bachelor-Abschluss. Der geringere Teil dieser Kandidaten ist seit Monaten arbeitslos. Rund zwei Drittel der Kandidaten fahren einen Bildungs-Upgrade zum Master oder haben diesen bereits abgeschlossen. Sicherlich kann man sich fragen, ob die Kandidaten in der Datenbank repräsentativ sind, der Trend ist jedoch klar und in der Datenbank befinden sich teilweise Absolventen mit hervorragenden Abschlüssen.
Aber auch die aus meiner Sicht sehr theoretischen Diskussionen um die „Generation Y“ suggerieren ein Bild des jungen Ingenieurs, der in privatorientierter Schonhaltung Spitzeneinstiegsgehälter nach Hause tragen kann – eben weil Ingenieure so gefragt sind. Überhitzt oder hervorragend ist der Arbeitsmarkt für Einsteiger unter dem Ingenieuren schon seit einiger Zeit nicht mehr. Und es ist ganz klar, Spitzeneinstiegsgehälter gibt es nur für die absoluten Cracks, die sich dann für das Unternehmen mächtig ins Zeug legen und ihr Handwerk von A bis Z beherrschen.

Zwischen 30 und 50 wird es hart auf dem Arbeitsmarkt

Schließlich kommen wir zu Ingenieuren in der Kernzeit der Karriere zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr. In diesem Zeitabschnitt müssen ordentliche Gehälter fakturiert werden damit später, wenn die Luft am Arbeitsmarkt dünn wird, möglicherweise das Aus und die Arbeitslosigkeit drohen, Rücklagen vorhanden sind. Es ist zwar nachvollziehbar, dass ein 39jähriger Produktionsingenieur mit 48.000 Euro Jahresgehalt zufrieden ist, weil ihm die Arbeit Spaß macht, er mit dem Fahrrad anfahren kann und sich keine Gedanken über Bewerbungen, Umzüge usw. machen muss. Aber hier tickt eine Zeitbombe. Wer sich heute in dieser Altersklasse befindet muss Gas geben und kann sich für spätere Zeiten nicht alleine auf die sozialen Systeme verlassen.

Er muss privat vorsorgen und das geht nur, wenn man ordentlich zurücklegen kann. Aus Bequemlichkeit oder verkehrt verstandener Loyalität sollte kein Ingenieur dieser Altersklasse unendlich lange bei einem Arbeitgeber verweilen. Er läuft Gefahr, mögliche wichtige Gehaltssprünge zu verpassen, die meist nur durch externe Wechsel vollzogen werden können. Im Gehalt gedrückt wird im Alter 50+ ohnehin schnell und gnadenlos. So berichtete ein arbeitsloser Projektleiter, der gerade noch 83.000 Euro plus variable Anteile im Jahr verdiente, dass der Arbeitsmarkt bei Bewerbungen allenfalls Gehaltsvorstellungen zwischen 50.000 und 55.000 Euro toleriert.
Fazit: Der Arbeitsmarkt für Ingenieure ist sowohl für Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer schwieriger geworden. Der fortwährende Trend nach oben scheint in vielen Segmenten des Ingenieurarbeitsmarktes gebrochen. Für beide Seiten ist die neue Situation ungewohnt. Bestehende Klischees und Vorstellungen müssen daher abgeglichen und ggf. revidiert werden. Mit realistischem Blick empfiehlt es sich dann Karriereplanung und Bewerbungsstrategie anzupassen.

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