Management 10.09.1999, 17:22 Uhr

Zeit-Effizienz belohnt die Gruppe

Der VDI will ein neues Zeitwirtschaftssystem zur Leistungserfassung als Richtlinie zum Stand der Technik festschreiben. Doch diese „Handlungs-anweisung“ findet bislang keine allgemeine Zustimmung.

Programmatisch schon der Name: Richtlinie VDI 3000! Da kann vom VDI nach den Regeln der Dezimalklassifikation noch mehr kommen! Arbeitgeberverbände und Gewerkschaft sind hellwach, sehen die Gefahr der Einschränkung anderer Modelle, fürchten Streitigkeiten aus den Abstimmprozessen und lehnen daher die Freigabe zum Weißdruck ab: Die Richtlinie VDI 3000 ist noch nicht geboren und stößt schon auf Widerstand bei anderen Vereinigungen, die schon lange auf diesem Feld arbeiten.
Dabei geht es gar nicht so sehr um den Inhalt, sondern eher um das Festschreiben einer Methode. Ob das neue Führungssystem unter dem Signum VDI bundesweit anerkannt wird, ist daher fraglich – auch nach der knapp gewonnenen Einspruchsverhandlung zur Zurücknahme der Richtlinie VDI 3000 am 19. August. Am 17. September, also in einer Woche, wird das VDI-Präsidium entscheiden, welcher Weg eingeschlagen wird.
Der Entwurf der Richtlinie VDI 3000 beschreibt ein Führungssystem, in dem die Leistungsbeurteilung von Gruppen an Zeiten gemessen wird, die betriebsspezifisch vereinbart werden. Nicht also die gemessene Individualleistung und die sekundengenaue Wiederholbarkeit, die nach anerkannten Methoden ermittelt wird, steht im Vordergrund, sondern die „Sollzeit“, auf die sich Betriebsführung und Gruppe abgesprochen haben. Diese „Produktivzeit“ in Bezug zur „Anwesenheitszeit“ der Gruppenmitglieder wird zur Führungskennzahl. Dabei werden nur Gut-Teile berücksichtigt.
„Das schafft Transparenz im Betrieb“, sagt Dr. – Ing. Kurt Redecker, Geschäftsführer der VDI-Gesellschaft Produktionstechnik (ADB), unter deren Ägide die neue Richtlinie entstand. „Die Mitarbeiter können nun selbst an den Stellschrauben drehen, um die gemeinsamen Ziele zu erreichen“, erklärt der Produktionstechniker Redeker.
Unterstützt wird dieses Führungsmodell – laut Redeker – von Arbeitgeberverbänden wie Gesamtmetall, dem Verband der Bayrischen Metall- und Elektro-Industrie und dem Verband der Metallindustrie Baden-Würtemberg. Auch der DGB, Firmen der Großindustrie wie Daimler? Chrysler, Siemens und Bosch seien dafür, ebenso wie das arbeitgebernahe Institut für angewandte Arbeitsforschung (IfA) in Köln.
Alle sind bereit, dieses Führungsmodell redaktionell zu überarbeiten und die Verbreitung der Methode zu fördern. „Aber“, so Redeker, „sie lehnen als Standardisierungsinstrument eine VDI-Richtlinie ab.“
So warnt auch Prof. Eberhard Kuppe, Vorsitzender des Refa-Präsidiumsausschusses Entwicklung Bildung, vor den Konsequenzen einer Richtlinie VDI 3000. Sie ziele nur auf Zeit- bzw. Leistungsdaten ohne erkennbaren Bezug auf vorangehend gestaltete Arbeitsprozesse und -systeme. „Zudem“, so Prof. Kuppe, „werden ausschließlich wertschöpfende Vorgänge und Handlungen betrachtet – ein fundamentaler Widerspruch zum Anliegen der Gruppenarbeit.“
Bedenken äußert weiterhin Norbert Baszenski, Leiter des Referates Mensch-Arbeit-Technik beim Arbeitgeberverband Gesamtmetall in Köln. Für ihn ist der VDI unstrittig „der“ Ingenieurverein in Deutschland, wenn nicht in Europa. Daher stehe es ihm frei, sich zu Themen zu äußern, die in den Unternehmen, in denen die Mehrzahl der Ingenieure tätig ist, diskutiert werden.
“ Ob er dazu jedoch auch die notwendige Kompetenz hat, mag nach der Vorlage des Entwurfs der VDI-Richtlinie bezweifelt werden“, äußert sich Baszenski explizit. Denn VDI-Richtlinien würden im Beruf stehenden Ingenieuren die Sicherheit geben, sich an anerkannten Regeln der Technik zu orientieren. Inhaltlich gehe es nur um einen von mehreren vorhandenen und auch künftig weiter denkbaren Ansätzen.
„Wir sind dagegen offen für alle neuen Beiträge zu diesem Thema und haben auch angeboten, den dahinterstehenden Gedankenansatz mit unseren Mitteln zu verbreiten und zu diskutieren“, beurteilt Baszenski die augenblickliche Situation.
ADB-Geschäftsführer Redeker sorgt sich um sein Projekt: „Der VDI muß nun Farbe bekennen, ob er hier Position beziehen will oder ob die erfolgreiche und anerkannte Arbeit des Fachausschusses durch ungeeignete Verbreitungsträger in der Versenkung verschwinden soll.“
KÄM
„Produktive Zeitnutzung“, BMBF-Verbundprojekt 02PV4500 , Abschlußbericht (erhältlich ab Oktober 99) . 66 S. DIN A4, 40 Abb. 40 DM, 7,5 % Mwst. incl. Porto: Projektträger für Produktion und Fertigungstechnologien (PFT), Karlsruhe. Tel: (07247) 82-4573, Fax -5456 ( Dipl.- Ing. E. Steinebrunner). E-Mail: Friedlinde Schumann@pft.fzk.de
Die angefallenen Zeiten kann der Fertigungsleiter am PC abrufen , nachdem der per Barcode identifizierte Auftragsschein ausgewertet wurde. Veröffentlichung der Produktivzeitquote ermöglicht schnelle Reaktion auf Trends.

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