Personalmanagement

„Wir speichern unser Wissen nicht einfach auf Festplatte“

Wichtige Veränderungen in der Unternehmensstrategie sind nur dann realisierbar, wenn die Mitarbeiter den Kurs unterstützen und ihr Wissen ständig, zum Beispiel über eine Firmen-Uni, aktualisiert wird. Wir sorgfältig dies bei DaimlerChrysler geschieht, schildert Personalvorstand Günther Fleig im folgenden Interview.

VDI nachrichten: Herr Fleig, ist DaimlerChrysler nach den großen Schwierigkeiten in den USA für Ingenieure noch ein interessantes Unternehmen?
Fleig: Selbstverständlich. In Deutschland ist DaimlerChrysler im vergangenen Jahr bei mehreren repräsentativen Umfragen unter Hochschulabsolventen zum attraktivsten Arbeitgeber gewählt worden. Diese anhaltende Anziehungskraft gilt insbesondere auch für Ingenieure – die wissen genau, dass DaimlerChrysler ein hochinnovatives Unternehmen mit klaren Zukunftsperspektiven ist. Deswegen investieren wir auch kontinuierlich in Personalmarketing und Nachwuchsrekrutierung. Vor kurzem haben wir zum Beispiel übers Internet weltweit über 1000 Ingenieure, Naturwissenschaftler und Informatiker angesprochen und davon die 200 besten Bewerber nach Untertürkheim zu einem International E-Day eingeladen. Erfreulich ist, dass es in Folge der Veranstaltung zu 100 intensiven Gesprächen gekommen ist mit jungen Leuten, die bei uns mitarbeiten wollen.
VDI nachrichten: Das ist aber doch nur ein Teil der Ingenieure, die DaimlerChrysler in diesem Jahr sucht. Wie viele sind es denn insgesamt?
Fleig: In Deutschland werden wir rund 2000 Hochschulabsolventen einstellen, davon 70 % Ingenieure und Naturwissenschaftler. Weltweit suchen wir sogar rund 2500 junge Akademiker.
VDI nachrichten: Wo suchen Sie denn?
Fleig: Wir arbeiten weltweit mit vielen Hochschulen zusammen. Besondere Partnerschaften bestehen mit renommierten Business Schools. Zusätzlich nutzen wir im Rahmen des Personalmarketing neben den klassischen Printmedien immer stärker auch neue Medien (z.B. online-Messen). Vorher ermitteln wir in den einzelnen Bereichen wie etwa Pkw, Transporter, Omnibus den Personalbedarf.
VDI nachrichten: Und bei der Personalsuche müssen Ihre Mitarbeiter in den Personalabteilungen unter dem Eindruck der Probleme bei DaimlerChrysler und der sinkenden Autonachfrage jetzt doch außergewöhnlich innovativ sein.
Fleig: Das sind sie immer. Aber die Situation hat sich in den letzten Monaten bei der Personalrekrutierung nicht dramatisch verändert. Wir stellen kein nachlassendes Interesse an unserem Unternehmen fest. Ein Beispiel: Wir hatten im vergangenen Jahr in Deutschland 60 000 Bewerber für Lehrstellen, 3000 wurden eingestellt.
VDI nachrichten: Was reizt die Leute denn konkret so sehr an Daimler Chrysler?
Fleig: Ganz klar noch immer das Produkt Auto. Aber die jungen Leute interessiert auch die Zukunft, ob wir beispielsweise wie bei der Brennstoffzelle in neue Technologien investieren oder wie schnell und konsequent wir e-Business-Lösungen umsetzen. Die Technologie- und Innovationsführerschaft unseres Unternehmens begreifen die Einsteiger jedenfalls als Chance, eigene Ideen einzubringen. Außerdem bietet unser Konzern viele Möglichkeiten zur individuellen Weiterentwicklung.
VDI nachrichten: Was bedeutet denn in Ihrem Haus persönliche Weiterentwicklung?
Fleig: Wir zeigen vor allem jungen Ingenieuren, die sich orientieren wollen, in welche technologischen Felder sie sich aufgrund ihrer fachlichen und persönlichen Voraussetzungen hineinbewegen können. Wenn die Leistung stimmt, übernehmen sie früh in Projektgruppen Verantwortung. So können sie sich positionieren und werden attraktiv für den Arbeitsmarkt. Damit meine ich aber zunächst einmal den internen Arbeitsmarkt, denn diese jungen Leute sehen wir am liebsten bei uns in Führungsfunktionen.
VDI nachrichten: Mit welchen Vergütungsmodellen wollen Sie diese Ingenieure bei der augenblicklichen Marktlage denn halten?
Fleig: Da haben wir mehrere Bausteine, die auf dem Grundsatz der wertorientierten Führung basieren. So erhalten alle Mitarbeiter des Fahrzeuggeschäfts in Deutschland eine Ergebnisbeteiligung, die sich am Operating Profit des Unternehmens ausrichtet – für das Jahr 2000 waren dies 3111 DM. Seit etwa einem Jahr gilt zudem für Führungskräfte im tariflichen Bereich eine variable Vergütung, die an Zielvereinbarungen gekoppelt sind. Leitende Führungskräfte haben mit Stock Options noch einen Erfolgsbaustein mehr.
VDI nachrichten: Die ideale Quelle für die jungen Top-Mitarbeiter müssten dann ja eigentlich die internen Nachwuchsgruppen sein?
Fleig: Nicht nur, aber die Berufseinsteiger in diesen Gruppen, die meist über eine direkte Bewerbung angesprochen wurden, entwickeln sich sehr schnell und zählen gewöhnlich zu den Besten. Wie exklusiv diese Gruppen besetzt sind, können Sie daran erkennen, dass in den Nachwuchsgruppen nur rund 100 junge Leute pro Jahr ausgebildet werden.
VDI nachrichten: Nun ist die Top-Ausbildung der Nachwuchskräfte das eine. Wie sorgen Sie aber dafür, dass die Mitarbeiter danach und auch im späteren Berufsleben auf der richtigen Stelle landen und zudem ständig weiterentwickelt werden?
Fleig: Um dies sicher zu stellen, haben wir vor einiger Zeit ein System zur Führungskräfte-Entwicklung und –Bewertung realisiert, das auf weltweit einheitlichen Kriterien basiert und alle rund 20 000 Führungskräfte des Unternehmens umfasst. Die Einschätzung des direkten Vorgesetzten und weitere Meinungen im Sinne eines umfassenden Feed Backs bilden eine Schnittmenge, die nach unserer Erfahrung eine gute Beurteilung zulässt. Der Mitarbeiter weiß damit, wie er von anderen eingeschätzt wird und wo seine Verbesserungspotenziale in Bezug auf eine gezielte Fortentwicklung liegen.
VDI nachrichten: Wer von ihnen kann dann anschließend an Seminaren der DaimlerChrysler Corporate University teilnehmen?
Fleig: Leitende Führungskräfte aller Ebenen können an Seminaren der Corporate University teilnehmen, die im übrigen keine institutionelle, sondern eine virtuelle Universität ist. Dahinter verbirgt sich die Idee, Wissen und Erfahrung zu managen. Dies geschieht über Vorträge oder Seminare, die gemeinsam von uns und bekannten Business Schools entwickelt werden. So arbeiten wir beispielsweise mit IMD in Lausanne und Insead in Paris eng zusammen.Die Inhalte der Veranstaltungen werden an den Schwerpunkten unserer Konzernstrategie ausgerichtet: E-Business, Globalisierung, Wissensmanagement. Ein internes Netzwerk entwickelt sich so über Standortgrenzen hinweg immer weiter, gleichzeitig werden die Mitarbeiter ständig im Dialog an das aktuelle Wissen herangeführt. Bei uns wird das Wissen nicht einfach auf der Festplatte abgelegt.
VDI nachrichten: Sie betonen immer wieder die Bedeutung des einzelnen Mitarbeiters für den gesamten Konzern. Eine zentrale Rolle muss da doch die Personalarbeit spielen. Wie realisieren Sie denn als Personalvorstand Ihre Ideen?
Fleig: Jedes Jahr überdenken wir zusammen mit den Führungskräften aller Ebenen unsere Personalstrategie, überprüfen und optimieren dabei ständig auch Strukturen und Prozesse. Und wir ermitteln den Personalbedarf hinsichtlich Quantität und Qualität. Orientierungspunkt ist für uns die Gesamtstrategie des Unternehmens, zu deren Umsetzung wir nachhaltig beitragen wollen. Denn es ist leicht nachvollziehbar, dass unternehmerische Entscheidungen Schall und Rauch sind, wenn sie nicht von den entsprechenden Personalressourcen umgesetzt werden können. G. FRECHEN/H. JOKA

Von G. Frechen/H. Joka

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