Management

„Wir haben mehr Chancen, mutig zu sein“  

VDI nachrichten, Winnenden, 19. 8. 05 – Dass sich deutsche Industrieunternehmen nur dank überlegener Innovationen auf dem Weltmarkt behaupten können, ist ein Allgemeinplatz. Aber wie kommt das Neue in die Firmen? Wie werden aus Ideen erfolgreiche Produkte? Was kann man aus Flops lernen? Fragen an Hartmut Jenner, Geschäftsführer des schwäbischen Reinigungsgeräteherstellers Kärcher.

Jenner: Wir haben eine bestimmte Kultur für Innovation im Unternehmen. Der Gründer, Alfred Kärcher, war ein typisch schwäbischer Erfinder-Unternehmer wie Gottlieb Daimler oder Robert Bosch. Die Innovationsfreudigkeit, das ständige Generieren von Neuem für den Markt – das begann 1950 mit der Erfindung des Hochdruckreinigers durch Alfred Kärcher.

1984 wurde von uns der tragbare Hochdruckreiniger entwickelt, und das ging so weiter. Vor zwei Jahren haben wir beispielsweise den Robo-Cleaner, einen kleinen Haushalts-Staubsaug-Roboter, auf den Markt gebracht …

VDI nachrichten: Aber Erfindergeist allein genügt doch nicht …

Jenner: Natürlich nicht. Produktentwicklung ist kein Zauber oder Voodoo. Wir haben sehr gut beschriebene klassische Prozesse im Unternehmen, nach denen eine Entwicklung läuft. Mit der klaren Definition der Prozesse sind die Entwicklungen strukturiert: Bei uns gibt es Lasten-/Pflichten-Hefte, Milestones, Quality Gates – das wird heute sehr professionell gemacht. Immerhin haben wir über 400 Ingenieure, die ausschließlich an Neuentwicklungen arbeiten.

Schon Alfred Kärcher war nicht der Innovator im stillen Kämmerlein. Wir kommen ganz, ganz stark von der Anwendungstechnik her. Das heißt, wir fragen nach dem Bedürfnis des Kunden: Was ist das Reinigungsproblem? Was konkret ist sein Thema? Auf dieser Basis finden wir die Lösungen.

VDI nachrichten: Wie hoch sind Ihre F+E-Investitionen?

Jenner: Generell liegen sie bei über 4 % vom Umsatz, aber – im Gegensatz zu anderen Industrien – rechnen wir da Werkzeuge und Betriebsmittel nicht mit hinein. Das sind bei uns Investitionen und keine Grundbestandteile der F+E-Aufwendungen.

VDI nachrichten: Nochmals zu Ihrer Innovationskultur: Wie pflegen Sie diese Kultur denn im Unternehmen?

Jenner: Ich glaube, gerade bei Familienunternehmen muss man als Vorbild agieren, wenn man sich in leitender Position befindet. Ist also die Geschäftsführung aufgeschlossen für Neues, macht sich viele Gedanken und hat neue Ideen, dann ist das der Innovationskraft des gesamten Unternehmens zuträglich. Natürlich hängt das nicht nur von der Geschäftsführung ab – keine Frage. Denn bei uns ist jeder Mitarbeiter grundneugierig …

VDI nachrichten: Wie äußert sich das?

Jenner: Wir haben zum Beispiel ein Vorschlagwesen im Unternehmen, durch das ungewöhnlich viele Mitarbeiter ihre Ideen einbringen. So kam neulich eine tolle Idee – ein Hochdruckreiniger, per Zapfwelle von einem Traktor angetrieben. Da ist vielleicht der Markt überschaubar, aber es ist eine gute Idee.

VDI nachrichten: Sie nutzen also die Mitarbeiter intensiv als Ideenquelle für Innovationen?

Jenner: Ja, natürlich steckt dahinter auch viel Selbstbewusstsein. Wenn ein Unternehmen wie das unsrige immer wieder neue Produkte in den Markt gebracht hat, dann gibt es auch den beteiligten Menschen das Selbstbewusstsein zu sagen: Ich habe den Mut und die Motivation, etwas Neues vorzuschlagen.

Vorgesetzte wehren die Initiativen der Mitarbeiter grundsätzlich nicht als zu riskant oder zu unkonventionell ab. Und wir gehen dabei auch ein Risiko ein. Wir haben auch schon Flops gelandet. 1998 wurde von uns ein interessantes, aber leider nicht marktfähiges Produkt entwickelt: ein Stiel-Dampfsauger für die Reinigung von Hartböden, mit dem Dampf aufgebracht und gleich wieder abgesaugt wird. Ich glaube immer noch, dass das ein gutes Produkt wäre, aber die Umsetzung ist uns nicht gut gelungen, und deshalb wurde es ein Flop.

VDI nachrichten: Was haben Sie daraus gelernt?

Jenner: In diesem Fall lautete die Lektion, sich von einem innovativen Produkt nicht so begeistern zu lassen, dass von uns selbst erstellte Erfolgsvoraussetzungen vernachlässigt werden, etwa das Erreichen bestimmter Mindestwerte in verschiedenen Phasen der Marktforschung.

VDI nachrichten: Nun ist Kärcher ja ein familiengeführtes Unternehmen. Wie wichtig ist das für die Innovationsorientierung?

Jenner: Das spielt eine beachtliche Rolle. Wir haben mehr Chancen, mutig zu sein. Das wird von den Eigentümern stärker unterstützt, als ich mir das bei einer Publikumsgesellschaft vorstellen kann. Wir können das Risiko eingehen, auch mal einen Fehler zu machen. Abgesehen davon ist die Identifikation mit den Produkten und der Innovation an sich aufgrund der Familientradition elementarer Bestandteil der Unternehmensphilosophie.

Die Gesellschafter, der Verwaltungsrat und alle um das Unternehmen herum sind dem Innovationsgedanken verpflichtet. Das ist ein wichtiger Erfolgsfaktor für uns – gar keine Frage. Im übrigen ist Innovation nicht nur Produktinnovation. Wir waren 1991 das erste Unternehmen der Branche, das ISO 9001 hatte. Und seit 1996 sind wir die einzigen, welche die Umweltzertifizierung ISO 14001 haben. Das bringt neue Prozesse und Innovationen ins Unternehmen hinein.

VDI nachrichten: Das heißt, Sie investieren in zukunftsweisende Innovationen, auch wenn kurzfristig die Rendite darunter leiden könnte?

Jenner: So ist es, korrekt!

VDI nachrichten: Sie haben im vergangenen Jahr Entwicklungskapazitäten am Stammsitz in Winnenden aufgebaut. Warum die Konzentration auf einen Standort?

Jenner: Wir haben letztes Jahr 12 Mio € am Standort Winnenden investiert, also praktisch unsere Entwicklungskapazitäten speziell auch bei den Prüfräumlichkeiten und bei den Ingenieursarbeitsplätzen verdoppelt. Und wir haben das erste und modernste Testzentrum für so genannte Scheuersaugmaschinen und Kehrmaschinen entwickelt. Auch für die Auslandsmärkte entwickeln wir zentral in Winnenden, denn wir operieren in einem Nischenmarkt. Dafür brauchen wir spezifisches Wissen. Dieses Wissen zu duplizieren, ist nicht ganz so einfach.

VDI nachrichten: Deutet diese Konzentration in der Entwicklung auch darauf hin, dass Sie dem Standort Deutschland die Treue halten?

Jenner: Sicherlich sind wir standorttreu. Die Hälfte aller Kärcher-Mitarbeiter arbeitet in Deutschland. Da wir aber eine Auslandsquote von 80 % haben, ist klar, dass wir dieser Entwicklung auch bei den Mitarbeitern mittelfristig folgen werden. Das heißt aber nicht, dass hier Arbeitsplätze abgebaut werden. Es heißt nur, dass die Belegschaft im Ausland stärker wächst als im Inland. Wir haben aber dieses Jahr in Deutschland schon 50 Mitarbeiter eingestellt. Aktuell suchen wir Ingenieure.

VDI nachrichten: Wo sehen Sie denn vor allem die Wachstumsmärkte für Ihre Reinigungssysteme?

Jenner: Wir sind noch europäisch orientiert, und hier haben wir auch einen profilierten Markennamen. Doch auch auf dem US-Markt verstärken wir unser Engagement. Kurz- und mittelfristig sehen wir dort die besten Wachstumschancen. Deshalb haben wir auch die Reinigung der Präsidenten-Köpfe am Mount Rushmore durchgeführt, die viel Aufmerksamkeit erregt hat.

ULRICH W. SCHAMARI/ps

Die Serie „Insight: Technologieunternehmen im Fokus“ wird in der kommenden Woche fortgesetzt.

Alfred Kärcher

Kärcher ist ein führender Hersteller von Reinigungssystemen – vor allem für Gebäude und Fahrzeuge. Die Produktpalette reicht vom Hochdruckreiniger zur Terrassenreinigung über die Aufsitzkehrmaschine bis zur Pkw-Waschanlage.

Der Umsatz wird in diesem Jahr bei rund 1,1 Mrd. € liegen. Davon entfällt jeweils etwa die Hälfte auf die Bereiche Investitionsgüter und Endverbraucherprodukte. Regional verteilt sich der Umsatz zu 70% auf Europa und zu 30% auf den Rest der Welt.

Derzeit sind rund 5800 Mitarbeiter beschäftigt – davon etwa die Hälfte in Deutschland.

Gesellschafter des 70 Jahre alten Unternehmens sind die beiden Kinder des 1959 verstorbenen Firmengründers Alfred Kärcher. scha

Hartmut Jenner

wurde 1965 in Stuttgart geboren. An der TU Stuttgart absolvierte er von 1986 bis 1991 ein betriebswirtschaftliches sowie ein ingenieurwissenschaftliches Studium. Seitdem ist er bei der Alfred Kärcher GmbH & Co. KG in Winnenden beschäftigt. Im Jahr 2000 wurde er Geschäftsführer der Kärcher-Gruppe und 2001 zusätzlich Sprecher der Geschäftsführung. Mit der Eigentümerfamilie ist er nicht verwandtschaftlich verbunden. scha

Von Schamari/Ps Scha

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