Management

Wie aus Verlusten Gewinne werden können

VDI nachrichten, Saarbrücken, 11. 6. 04 -Die deutsche Rechnungslegung ist im Umbruch. Was das für Anleger, Berater und Unterneh-mer bedeutet – dazu im folgen-den Gespräch Prof. Dr. Karl-heinz Küting, Direktor des In-stituts für Wirtschaftsprüfung an der Uni des Saarlandes.

VDI nachrichten: Unternehmern und vielen Beratern schwirrt der Kopf. Die Hinwendung zu den IFRS und US-GAAP, die Überarbeitung des HGB durch BilReG, BilKoG und die damit verbundene Enforcement-Diskussion sind in aller Munde. Warum das Ganze?
Küting: Vor dem Hintergrund des Glaubwürdigkeitsverlustes der Unternehmensbilanzen will der deutsche Gesetzgeber mit den Entwürfen zu BilReG und BilKoG das Vertrauen aller Interessengruppen in Deutschland stärken, die auf verlässliche Unternehmensinformationen und Kapitalmarktdaten angewiesen sind. Und die Internationalisierung der Rechnungslegung ist bei den kapitalmarktorientierten Konzernen ohnehin nicht mehr aufzuhalten. Mit dem Gesetzesentwurf zum BilReG soll auch allen übrigen Unternehmen die Möglichkeit zur IFRS-Bilanzierung gegeben werden.
VDI nachrichten: Wie groß sind die Unterschiede zwischen den alternativen Bilanzierungsvorschriften?
Küting: Grundsätzlich weisen alle Rechnungslegungssysteme Gemeinsamkeiten auf. Im Detail lassen sich aber deutliche Abweichungen feststellen, wie z. B. beim Ansatz von Herstellungskosten, der Aktivierung selbst erstellter immaterieller Vermögenswerte und der Rückstellungsbildung.
VDI nachrichten: Inwieweit lassen sich Bilanzkennzahlen denn bei alternativen Bilanzierungsrichtlinien noch miteinander vergleichen?
Küting: Im Einzelfall gar nicht mehr. Abweichende Periodisierungsgrundsätze führen zu einem teilweise deutlich abweichenden Jahresergebnis aus Verlusten nach HGB werden Gewinne nach IFRS.
Tendenziell lässt sich sagen, dass die Eigenkapitalquote bei Unternehmen, die nach internationalen Normen bilanzieren, höher ist als bei HGB-Bilanzierern.
VDI nachrichten: Kann man Unternehmen derselben Branche, die nach unterschiedlichen Vorschriften bilanzieren, überhaupt noch vergleichen?
Küting: Nur noch sehr eingeschränkt. Nehmen Sie das Beispiel der Aktivierung von Entwicklungskosten in der Automobilindustrie: DaimlerChrysler, die nach US-GAAP, und Porsche, die nach HGB bilanzieren, müssen diese Kosten sofort erfolgswirksam verrechnen – also in der Gewinn- und Verlustrechnung ansetzen. Für BMW und VW, die beide nach IFRS bilanzieren, besteht dagegen für solche Kosten ein Aktivierungsgebot. So aktivierte BMW im Geschäftsjahr 2003 996 Mio. € an Entwicklungskosten, bei VW waren das sogar 2,16 Mrd. €.
VDI nachrichten: Nach den Skandalen der letzten Jahre, bei denen Anleger durch Bilanzmanipulationen bei Enron, Worldcom und FlowTex Milliarden verloren, wünschen sie sich mehr Transparenz und Sicherheit. Wird aber durch die neuen Bilanzregeln die Unübersichtlichkeit nicht weiter erhöht?
Küting: Dies ist sicherlich richtig. Und nicht nur beim Bilanzleser, sondern auch beim Bilanzierenden und beim Prüfenden besteht zurzeit ein hohes Maß an Unsicherheit bezüglich der neuen Rechnungslegungsnormen.
VDI nachrichten: Wird die Unsicherheit im Laufe der Zeit durch den Gewöhnungsprozess automatisch abnehmen, oder ist viel Aufklärungsarbeit nötig?
Küting: Beides! Man wird im Laufe der Zeit mit der Materie vertrauter, aber das wird dauern, denn es geht um Normen mit einer Fülle von Detailregelungen. Deshalb ist auch ein enormes Maß an Aufklärung nötig – also Schulungen für Unternehmen und auch Weiterbildungen für Wirtschaftsprüfer.
VDI nachrichten: Wie müssten Unternehmen Rechnung legen, damit Anleger sich mit ihrem Investment relativ sicher fühlen können?
Küting: Die vielfach weitestgehend aus quantitativen Daten bestehenden Geschäftsberichte müssen um qualitative und verbale Aussagen ergänzt werden. Nur so ist es Außenstehenden möglich, sich ein eigenes Bild vom Unternehmensgeschehen zu machen.
VDI nachrichten: Ist die IFRS-Rechnungslegung dafür besser geeignet?
Küting: Der Umfang der verpflichtend zu leistenden Anhangsangaben in der IFRS-Rechnungslegung ist auf jeden Fall größer, und das ist zu begrüßen. Auf freiwilliger Basis könnten diese Informationen aber auch nach den HGB-Regelungen gegeben werden.
VDI nachrichten: Wie hoch ist die Aussagekraft der Bilanz über die tatsächliche Situation des Unternehmens?
Küting: Eine Bilanz stellt im Wesentlichen – und hier sind sich alle Regelungskreise einig – eine Bestandsaufnahme zu einem Stichtag dar. Angereichert um Zeitraumbetrachtungen in der Gewinn- und Verlustrechnung, Zahlungsstromgrößen in der Kapitalflussrechnung, Veränderungen im Eigenkapital und eine segment- bzw. spartenorientierte Unternehmensdarstellung sollen die Kapitalmarktinformationen eine verlässliche Grundlage sein, um individuelle Anlage- bzw. Investitionsentscheidungen treffen zu können.
Im Detail bestimmt indes der Wunsch der Unternehmensleitung nach der Vermittlung fairer Daten die Aussagekraft des Jahresabschlusses. Eine Bilanz ist also so aussagekräftig, wie ein Unternehmer faire und aussagekräftige Daten einstellt.
VDI nachrichten: Wie aussagekräftig sind die unterschiedlichen Bilanzierungsregeln über die künftige Entwicklung eines Unternehmens? Haben sie Prognosequalität, oder erfassen sie nur den Status quo zum Bilanzierungsstichtag?
Küting: Unabhängig davon nach welchen Vorschriften bilanziert wird, hat ein jeder Jahresabschluss zum Selbstzweck, über den abgelaufenen Berichtszeitraum zu berichten. Hierbei fließen zukunftsorientierte Szenarien in Ansatz und Bewertung einzelner Posten ein. Aufgabe des Jahresabschlusses und insbesondere des Prognosebestandteils des Lageberichtes muss es sein, eben diese Zukunftserwartungen transparent darzustellen, qualitativ zu würdigen und über ihre Unsicherheit zu berichten.
Im Vergleich zum HGB hat der IAS-Standard einen wesentlich stärkeren Prognose-Charakter.
VDI nachrichten: Am 1. Januar kommenden Jahres machen kapitalmarktorientierte Konzernunternehmen, die also börsennotiert sind oder Anleihen begeben, den Anfang. Sie müssen nach IFRS bilanzieren. Was kommt an Änderungen auf sie zu?
Küting: Die Vielzahl der kapitalmarktorientierten Unternehmen hat bereits heute ihre Rechnungslegung auf IFRS umgestellt. Zu beachten ist aber, dass zum 1. Januar bzw. früher eine Fülle neuer IFRS in Kraft tritt, die zu einem erneuten erheblichen Umstellungsaufwand führen können.
Ich sehe deshalb die wesentliche Herausforderung nicht in dem einmaligen Umstellungsprozess der Rechnungslegung, sondern vielmehr in dem fortwährenden Veränderungsprozess.
VDI nachrichten: Die Anwendung welcher Bilanzierungsnorm würden Sie einem Unternehmen empfehlen, das beabsichtigt, zukünftig den Kapitalmarkt in Anspruch zu nehmen?
Küting: Kapitalmarktorientierte Unternehmen sind für Geschäftsjahre, die nach dem 1. Januar 2005 beginnen, verpflichtet, ihren Konzernabschluss nach IFRS aufzustellen. Möchten diese Unternehmen den US-amerikanischen Kapitalmarkt in Anspruch nehmen, müssen sie parallel einen US-Konzernabschluss aufstellen.
Für Unternehmen, die bereits den US-amerikanischen Kapitalmarkt in Anspruch genommen haben, besteht eine Übergangsfrist zur Umstellung auf IFRS-Normen bis 2007.
VDI nachrichten: Was halten Sie persönlich von dem ganzen neuen Gesetzeswust? Theoretisch kann das derzeit doch dazu führen, dass ein Unternehmen zig Jahresabschlüsse für ein Wirtschaftsjahr aufstellen muss: einen US-GAAP-Abschluss für die US-Börsenaufsicht, einen IFRS-Konzernabschluss zwecks inländischer Publizitätspflichten, einen IFRS-Einzelabschluss für das Handelsregister, einen HGB-Abschluss zwecks Ausschüttung und eine Steuerbilanz. Hoch lebe die Bürokratie?
Küting: Von dem ganzen Wust halte ich natürlich nicht viel. Mit Argwohn und Vorsicht muss man diesen hohen bürokratischen Aufwand für Unternehmen betrachten. Die Belastungen für Unternehmen sind enorm – personell, kostenmäßig und vor allem fehlt vielen von ihnen einfach das erforderliche Know-how.
VDI nachrichten: Auch die Trennung von Prüfung und Beratung soll gesetzlich forciert werden. Was bedeutet das für die Prüferbranche?
Küting: Der Trend zur zunehmenden Trennung von Prüfung und Beratung zeichnet sich seit einigen Jahren ab. Es wird argumentiert, dass ein Abschlussprüfer, dessen Unabhängigkeit gewährleistet sein muss, nicht gleichzeitig die Interessen des zu prüfenden Unternehmens vertreten kann. Das sehe ich genauso.
Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaften werden damit lukrative Beratungsmandate verlieren. Die strikte Trennung zwischen Prüfung und Beratung dient jedoch der Stärkung der Position des Abschlussprüfers und soll die Qualität seiner Arbeit erhöhen, um auch hiermit das verloren gegangene Vertrauen am Kapitalmarkt wieder zurückzugewinnen.
RENATE ELBERS-LODGE

Von Renate Elbers-Lodge

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