Management

Wer über Macht nicht sprechen will, redet über Ethik

Hinter der Formel „Ethik zahle sich für Unternehmen langfristig aus“ verstecke sich das Recht des Stärkeren, behauptet der Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann, Autor des folgenden Artikels.

Wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft. Doch wenn es eine gemeinsame Überzeugung gibt, die fast alle teilen, dann ist es jene, dass das langfristig Erfolgreiche und das ethisch Richtige letztlich identisch sind. Besonders verbreitet ist diese Ansicht unter Managern und Unternehmern. „Ist eine vernünftige Ethik langfristig gut fürs Geschäft?“ So wurde in drei international ausgerichteten Studien zwischen 1961 und 1987 gefragt. Die Ergebnisse erinnern an Wahlresultate aus dem ehemaligen Ostblock: 98 %, 99 % oder schlicht: „grundsätzliche Zustimmung“, stellten die Studien fest.
Das Ergebnis würde heute kaum anders ausfallen. Wo immer das Verhältnis von Ethik und Wirtschaft thematisiert wird, stets ertönt die gleiche Botschaft: „Moral bringt Kapital“, denn „Management ohne Moral funktioniert nur kurzfristig“. Unternehmen, die so geführt werden, dass sie nicht nur heute, sondern auch morgen noch einen möglichst hohen Gewinn erzielen, sind nicht nur ökonomisch erfolgreicher, sondern genügten auch ethischen Kriterien in bester Weise. Ethik sei darum ein Instrument zur Maximierung des Gewinns.
Wer sich allerdings ein wenig in der Ethik auskennt, den muss die Grundthese dieser instrumentalistischen Unternehmensethik erstaunen. Welche Ethik soll sich denn da langfristig auszahlen? Etwa Ethik zur Gänze? Das klingt eher nach einem Wunder als nach einer realistischen Annahme. Da zerbrechen sich die Ethiker seit Jahrtausenden darüber den Kopf, wie sich das ethisch Richtige bestimmen lässt, und bekommen nun die schlichte Antwort: durch den nachhaltigen Unternehmenserfolg! Doch verbirgt sich hinter dem Label „Ethik“ tatsächlich das, was es verspricht oder nur scheinbar? Denn nicht nur für Nussnougatcremes gilt: Nicht überall da, wo Ethik draufsteht, ist auch wirklich Ethik drin.
Erstaunlich ist, dass die Auffassung, Ethik zahle sich langfristig aus, grundsätzlich akzeptiert wird, aber bislang noch niemand danach gefragt hat, warum Ethik sich denn langfristig und nicht etwa kurzfristig auszahlen sollte. Die Antwort findet sich im Stakeholder-Ansatz. Diese Theorie steht für die Auffassung, dass nicht nur die Aktionäre, die Shareholder, sondern auch andere Gruppen, für die im Zusammenhang der Unternehmensaktivitäten etwas auf dem Spiele steht, von den Unternehmen zu berücksichtigen sind. Wer gehört dazu?
Nach Auffassung des Managementtheoretikers Robert E. Freeman gehört zu den Stakeholdern einer Organisation „jede Gruppe oder jede Person, die die Verfolgung und eventuell die Durchsetzung der Unternehmensziele beeinflussen kann oder von diesen beeinflusst wird“.
Stakeholder sind also diejenigen, die Macht haben – oder haben könnten, weil sie von der Unternehmenspolitik negativ betroffen sind und sich vermutlich zur Wehr setzen. Ihre Gegenmacht wirkt allerdings nicht sofort, sondern langfristig. Dies ist das ganze Geheimnis der These, Ethik zahle sich langfristig aus. Denn natürlich liegt es im eigenen Interesse der Unternehmensleitung, die Macht, über die andere tatsächlich verfügen, zu berücksichtigen. Allerdings sind dabei nicht ethische Überlegungen, sondern Macht und Einfluss ausschlaggebend.
Wer Macht hat, bekommt Recht. Wer einflusslos ist, dessen Ansprüche bleiben unberücksichtigt, auch wenn sie legitim sind. Dies lässt sich an den Standardbeispielen belegen, die zur Stützung der These, dass sich Ethik langfristig bezahlt mache, ins Feld geführt werden.
Wenn eine Unternehmung hier und heute etwas plant oder tut, das ihren guten Ruf gefährdet – man denke an Brent Spar -, dann droht ihr langfristig – oder manchmal schon ziemlich bald – Konsumentenabstinenz oder sogar ein Boykott. Macht gibt hier den Ausschlag, die Kaufkraft der Konsumenten nämlich. Sie könnten ja, wenn man ihre „moralischen Präferenzen“ allzu sehr ignoriert, ihr Geld woanders ausgeben. Im Umkehrschluss bedeutet dies: Dort, wo die Kaufkraft kritischer Konsumenten nicht ausreicht, um ein Unternehmen zur Umkehr zu bewegen, dort zahlt sich Ethik auch nicht aus.
Dies gilt auch dann, wenn die moralischen Verfehlungen sich nicht für medienwirksame Schlagzeilen eignen, etwa weil sie nicht so eindeutig sind, so dass keine kritische Öffentlichkeit hergestellt wird und somit für kritische Konsumenten wenig Hoffnung besteht, dass ihre Missbilligung durch einen Wechsel des Anbieters nicht verpufft. Außerdem haben die Firmen einen Informationsvorsprung, so dass der Öffentlichkeit oder den Konsumenten oft der notwendige Durchblick fehlt. Überhaupt darf die prinzipielle Orientierung am guten Ruf als opportunistisch bezeichnet werden.
Diese Zusammenhänge gelten auch für die firmeninternen Beziehungen. Firmen mit einem ethisch schlechten Ruf laufen Gefahr, dass die Mitarbeiter über kurz oder lang innerlich oder äußerlich kündigen. Ethische Skandale motivieren nicht gerade. Wer möchte sich beispielsweise schon für eine ökologische Dreckschleuder engagieren oder für eine Firma, die in Korruptionsskandale verstrickt ist? Deshalb sei Ethik ein Instrument dauerhaft erfolgreicher Unternehmensführung. Doch auch hier gibt Macht den Ausschlag – nämlich die Macht der Mitarbeiter, sich nicht so engagiert für die Firma einzusetzen, wie sie es eigentlich könnten. Und wenn der Arbeitsmarkt genügend angespannt ist, dann sind etwaige Bedenken schnell wieder vergessen.
Zu den mächtigen Stakeholdern gehört auch die Politik, die Rahmenbedingungen setzt. Die These „Ethik zahlt sich langfristig aus“ bedeutet in diesem Zusammenhang: Wer etwas tut, das den Gesetzgeber zur Änderung der Gesetzeslage provoziert, der riskiert, dass er morgen vor einer Investitionsruine steht. Abermals gilt: Macht ist hier entscheidend, und zwar einschließlich der Gegenmacht der Firmen. Wer mit dem Abzug von Kapital und damit mit dem Abbau von Arbeitsplätzen drohen kann, für den ist dieser Zusammenhang weniger relevant, Ethik wird weniger „wichtig“.
So erstaunlich es vielen erscheinen mag – das instrumentalistische Konzept von Unternehmensethik läuft letztlich auf eine „Ethik“ des Rechts des Stärkeren hinaus: Nicht legitime Rechte geben den Ausschlag, sondern das Prinzip von Macht und Gegenmacht. Damit darf das Konzept, Ethik zahle sich langfristig aus, als widerlegt gelten, denn es verletzt den kategorischen Imperativ, wonach niemand einen anderen Menschen als bloßes Mittel gebrauchen soll, wie der Philosoph Immanuel Kant gelehrt hat.
Auch wenn dieser instrumentalistische Ansatz von Unternehmensethik zurückzuweisen ist, bedeutet dies aber nicht, dass die Erfüllung bestimmter ethischer Normen sich nicht auch einmal auszahlen könnte. Auf der Basis von Lug und Trug oder auf Gewalt lassen sich dauerhaft keine Geschäfte machen. Doch lässt sich daraus nicht der Grundsatz ableiten, Ethik und Gewinnmaximierung seien letztlich das selbe.
Die Legitimität des Gewinnstrebens ist vielmehr von Fall zu Fall zu klären. Dazu müssen allerdings die Beteiligten, Firmen wie Stakeholder, die Bereitschaft aufbringen, ihre eigenen Interessen nötigenfalls ethisch zu relativieren. Gewinn ist nicht die Maßgabe legitimen unternehmerischen Erfolgstrebens, sondern ein – wenn auch prominenter – Anspruch neben anderen, z. B. ökologischen Interessen, Mitarbeiter-, Bürger- oder Konsumentenrechten. Nicht das Gewinnstreben oder welches besondere Interesse auch immer soll den Ausschlag geben, sondern die ethische Vernunft, zu der alle Beteiligten aufgerufen sind. Diese schlichte Einsicht lässt sich durch wohlklingende Harmonieformeln über die angebliche oder scheinbare Identität von Ethik und Gewinn nicht außer Kraft setzen. ULRICH THIELEMANN

Von Ulrich Thielemann
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