Management

Von ungeahnten Sparpotenzialen  

In der Rezession regiert der Rotstift. Bei der Suche nach Einsparmöglichkeiten nehmen Firmen die Sach-Gemeinkosten ins Visier. In ihnen stecken ungeahnte Potenziale, sagen Unternehmensberater. VDI nachrichten, Düsseldorf, 13. 11. 09, jul/cha

Aus den 80er-Jahren ist eine Dienstanweisung der Consultingfirma McKinsey überliefert: Deren Mitarbeiter mögen ihren Kaffee besser nicht in den Personalkantinen trinken. Entlassungen fürchtende Mitarbeiter könnten ihnen heimlich etwas in den Becher schütten. Nicht nur die Streitkultur hat sich inzwischen verändert. Entlassungen gelten nicht mehr als Universalschlüssel zu einer besseren Performance.

Laut Unternehmensberatung KPMG zeichnet sich ein Strategiewechsel in der Wirtschaft ab. Bei den dringend nötigen Kostensenkungen soll mit Blick auf die angesagte wirtschaftliche Erholung das Humankapital möglichst geschont werden. Der Anteil der Firmen, die ihre Mitarbeiterzahl reduzieren wollen, liegt mit 28 % deutlich unter dem weltweiten Durchschnitt (41 %). Stattdessen wollen 72 % ihre Geschäftsprozesse optimieren und 56 % die Beschaffungskosten senken.

Allerdings sind bei Rohstoffen und Halbzeugen die Einsparmöglichkeiten vielfach ausgereizt. Aus diesem Grund geraten die Sach-Gemeinkosten ins Visier. „Dieses Potenzial wurde bisher beinahe sträflich vernachlässigt“, so Arnd Halbach, Geschäftsführer der Expense Reduction Analysts GmbH (ERA), einer auf die Analyse und Senkung nicht-strategischer Kosten spezialisierten Consultingfirma. Ihre direkten Kosten hätten die Unternehmen zwar traditionell im Griff. Für Energie, den Fuhrpark oder Dienstreisen habe sich jedoch niemand so recht zuständig gefühlt.

Nun aber gibt es laut Bundesverband der Unternehmensberater einen regelrechten „Run auf die Overheads“. Mal sind es im Jahresbudget 10 % Ersparnis beim Werkschutz, die der Automobilzulieferer Decoma Innoplas, Obertshausen, verbucht, mal um 24 % niedrigere Reisekosten wie bei der Leverkusener Dynamit Nobel GmbH Explosivstoff und Systemtechnik. Rund 43 000 €/a spart das Eisenbahnreparaturwerk Brühl in Wesseling bei der Beschaffung der Flüssiggase Propan, Stickstoff und Sauerstoff sowie der Mietflaschen.

Unterm Strich addieren sich auch scheinbar unbedeutende Positionen zu einem gewichtigen Ausgabenblock. Laut einer Studie des Bundesverbandes Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME) machen die so genannten nicht-strategischen Beschaffungsfelder – Patente und Rechte, Finanzdienstleistungen, Marketingleistungen, FuE-Dienstleistungen, Verwaltung oder Travel-Management – selbst im produzierenden Gewerbe bis zu 28 % des gesamten Beschaffungsvolumens aus.

„Einsparungen in diesem Bereich sind unter den gegenwärtigen Bedingungen regelrechte Renditetreiber“, so ERA-Geschäftsführer Halbach. Ein Rechenbeispiel verdeutlicht den Hebeleffekt sehr eindrucksvoll: Nettoumsatz – gleichbleibend – 5 Mio. €, Betriebsergebnis 4 %, Gemeinkosten 500 000 €. Eine Reduzierung von nur 5 % verbessert das Ergebnis um 25 000 € auf 4,5 %. Das Renditeplus beträgt 12,5 %.

Nach Erfahrungswerten von Roland Berger Strategy Consultants lassen sich die Gemeinkosten mit „intelligenten Hebeln“ in der Regel um 10 % bis 20 % senken. Rund 14 000 von ERA weltweit ausgewerteten Projekten zufolge betragen die Einsparpotenziale bei einigen Positionen, etwa den Reisekosten oder der Abfallentsorgung, sogar 35 %.

Deshalb versteht man es auch nicht als Peanutszählen, wenn bei Unternehmenssanierungen erst einmal die indirekten Bereiche durchforstet werden. „Diese sind zumeist über Jahre stark aufgebläht. Eine Senkung ermöglicht bereits eine deutliche Verbesserung der Finanzstruktur, so Dr. Dirk Markus, CEO der auf Restrukturierungen spezialisierten Aurelius AG, München.

Martin Eisenhut, Leiter des Kompetenzzentrums Engineered Products Hightech bei Roland Berger, warnt davor, auf dem neu entdeckten Aktionsfeld einen alten Fehler zu wiederholen. Wenn beispielsweise Vertriebsleute unausgeschlafen zum Kunden kämen, weil die Business-Class-Flüge pauschal gestrichen wurden, seien Aufträge gefährdet. Das Motto müsse lauten: Sparen ja – aber nicht „koste es, was es wolle“. MANFRED GODEK

Von Manfred Godek

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