Management

Visionen verändern und gestalten den Wettbewerb

Deutsche Unternehmer versäumen es im Gegensatz zu ihren amerikanischen Kollegen, den Nährboden für Kreativität und Visionen zu schaffen, glaubt 3M-Mitarbeiter Karl-Werner Kreckel. Zu sehr ließen sich deutsche Firmen von dem Motto „Zeit ist Geld“ leiten.

Eine Vision muss simpel sein!“ So wie man einen Baum nicht in die Wüste pflanzen kann, ohne dass er stirbt, trägt auch keine Vision auf einem Boden Früchte, der noch nicht beackert ist. Bietet Deutschland den Nährboden, auf dem Visionen gedeihen können?
Gerade noch rechtzeitig vor der Jahrtausendwende entstaubt die Wirtschaft ein nicht mehr ganz so neues Modewort: Vision. Ein Wort, das nach Geld riecht. „Um eine Vision zu verwirklichen, braucht man Hilfe und Ressourcen. Wir müssen Leute, die dieses visionäre Talent, den Ehrgeiz und Mut haben, unterstützen mit allem, was wir haben – sonst funktioniert das nicht.“
Der das sagt, entspricht so gar nicht dem souveränen, selbstbewussten, dynamischen und sicheren Unternehmertypus, den wir aus den verschiedensten Medien vorgestellt bekommen. Karl-Werner Kreckels Auftreten ist eher bescheiden: Er trägt ein offenes Hemd, keine Krawatte und ähnelt von seinem Äußeren mehr dem freundlichen Nachbarn von nebenan. Seine Präsenz wirkt angenehm, sein Lächeln kommt von Herzen und seine Stimme ist warm und beinahe leise. Als Corporate Scientist steht er in der Hierarchie der Wissenschaftler auf der obersten Sprosse der Karriereleiter des amerikanischen Chemie-Riesen 3M. Weltweit gibt es nur 20 Mitarbeiter mit diesem Titel. Einziger Deutscher ist Karl-Werner Kreckel (52), der kreative Kopf im 3M-Europalaboratorium der Klebstoff-Spezialisten in Neuss.
Auf die Frage, ob man ihn auch als „Technischen Visionär“ bezeichnen kann, lächelt er verlegen und macht eine Pause. „Visionär – das ist natürlich ein großes Wort. Visionen muss jemand verkünden, der Power hat, etwas durchzusetzen. Und Power haben nur die Leute, deren Aussagen keine große Diskussion mehr hervorrufen.“ Laut Kreckel ist ein Visionär ohne Power wie ein Feldherr ohne Heer. Der Chemieingenieur denkt an Bill Gates und erklärt, dass auch dieser bereits 1996 die Möglichkeiten des Internets erkannte und alle 20 000 Mitarbeiter auf diese Entwicklung ausrichtete. „Jedes einzelne Projekt musste internetgängig sein.“ Etwas verlegen lächelnd ergänzt der Forscher nach einer erneuten Pause: „Ich sehe mich eher in einem Team, das die Vision umsetzt. Ich entwickele Ideen.“
Und bis eineVision realisiert ist, bedarf es vieler Ideen, denn im Gegensatz zu einer Idee ist eine Vision etwas Langfristiges. Der Visionär hat, so Kreckel, eine Vorstellung von einem Marktsegment. Er hat ein Gefühl, kann die einzelnen Schritte zum Ziel aber noch nicht deutlich machen. „Eine Vision ist etwas, das die Basis des Wettbewerbs verändert. Also eine Problemlösung für existierende Probleme, die auf einem total anderen Ansatz aufbaut.“
Genau in diesem Punkt liegt für den passionierten Klebstoff-Experten die Herausforderung der deutschen Gesellschaft, die sich traditionell im Rahmen festgesetzter Normen entwickelt. Auf die Frage, ob sich der deutsche Markt im Gegensatz zum Trendsetter USA krampfhaft an Regeln festhält, nickt Kreckel bestimmt mit dem Kopf. „Deutschland muss dereguliert werden.“ Sind Normalität und Stabilität tatsächlich so unersetzliche und unverrückbare Faktoren unserer Kultur? Und was ist schon normal? „Wir haben immer einen bestimmten Standard, und wer davon abweicht, ist eben nicht normal. Je weiter eine Vision greift, um so unglaubwürdiger ist sie am Anfang. Sie ist zunächst heiße Luft, hat nichts Handfestes und man läuft daher schnell Gefahr, als Spinner abgetan zu werden. Es ist oftmals viel Mut nötig, um sich mit solchen Vorschlägen an andere zu wenden.“
Werner Kreckel lehnt sich nachdenklich in seinen Stuhl zurück. Aus seiner Mimik lässt sich erkennen, dass Kreckel aus eigenen Erfahrungen spricht, die sein Berufsleben wesentlich geprägt haben. „Man steht anfangs alleine da und weiß, dass diese Vision nur Realität werden kann, wenn man andere für sich gewinnt.“ Der Ideenspezialist betont, wie wichtig es ist, dass ein Visionär nicht nur Ideen hat, die langfristig Veränderungen in der Gesellschaft und im Wettbewerb hervorrufen, sondern dass er diese Vision auch verkaufen kann.
Hat der Visionär das Produkt seiner geistigen Anstrengungen verkauft, ist er aber noch nicht am Ziel. Auf dem Weg erschweren zwei weitere Faktoren das Überleben einer Vision: Zeit und Geduld. „Visionen oder extrem neue Produkte müssen reifen. In dem Moment, in dem die Idee geboren ist, ist das Ganze noch lange nicht abgehakt, in seinen komplexen Strukturen noch nicht fertig. Erst nach intensiver Arbeit werden neue Aspekte erkennbar, die einen weiter bringen. Da muss man sehr, sehr lange arbeiten, bis die ganzen Puzzlestücke ein gelungenes Gesamtbild ergeben.“
Ein schwieriges Unterfangen in einer hochtechnologisierten Gesellschaft, die nach dem Motto „Zeit ist Geld“ operiert. Bei aller Offenheit, neue Ideen wettbewerbsfähig zu machen, erscheint es fraglich, ob der deutsche Unternehmer verstanden hat, den Nährboden für Kreativität und Visionen zu schaffen.
Bei der Erinnerung an seinen zweijährigen Aufenthalt in den Vereinigten Staaten überkommt Kreckel daher ein wenig Schwermut. Während er dort Ideen frei von der Leber weg vorstellte, muss er sich in Deutschland erst fünf Argumente überlegen, um den kritischen Fragen begegnen zu können. Doch durch diese Anstrengungen, meint Kreckel, werde den Ideen-Entwicklern sehr schnell der Wind aus den Segeln genommen.
Vielleicht liegt es hier zu Lande aber auch an fehlenden Visionär-Talenten? Der Forscher schüttelt vehement den Kopf: „Nein, an mangelndem Nachwuchs liegt es nicht. Es ist das Management der Talente, das sich bei uns noch nicht richtig durchgesetzt hat.“ Es gehe vor allem darum, Plattformen zu schaffen, auf denen visionäre Talente sich entwickeln können. Eindringlich empfiehlt er, Talente nicht verändern oder in Schablonen pressen zu wollen, sondern ihr Potenzial in der ursprünglichen Form zu nutzen. Nach Aussage des Mentors ist eine Firma am erfolgreichsten, wenn sie die Talente ihrer Mitarbeiter sieht und ihre Qualitäten anerkennt. Dies sind sehr häufig Qualitäten, die der Berufsanfänger nicht an der Uni lernt. „Mit Qualitäten meine ich, bereit zu sein, auch einmal gegen den Strom zu schwimmen. Nicht immer ‚ja“ zu sagen, Ideen durchzusetzen, die nicht immer offensichtlich sind und diese auch während einiger Durststrecken zu vertreten.“ Der Weg des geringsten Widerstandes ende letztlich in der Ignoranz. Der Fortschritt bliebe auf der Strecke.
Und was schlägt der Visionär dem Unternehmer konkret vor? Den Mitarbeitern mit Fantasie mehr Freiräume zu geben. „Das bedeutet nicht nur zeitliche Freiheiten, sondern auch, Kollegen von den täglichen Abwicklungen zu entbinden und ihnen auf ihrem Fachgebiet freie Hand zu gewähren – auch wenn sie einmal Fehler machen.“ An diesem Punkt bricht wieder der Erfahrungsschatz seines Amerika-Aufenthaltes durch. „Fehler machen ist in den USA nicht das Ende der Karriere, es gibt noch eine zweite, eine dritte, eine vierte Chance.“
Und trotzdem ist nicht alles ausgereift, was das Sternenbanner trägt. Schließlich steht „Made in Germany“ immer noch für Qualität und Zuverlässigkeit. Vielleicht ist den Deutschen die Entwicklung von Trends und Verwirklichung von Visionen weniger auf den Leib geschnitten als den Amerikanern. Und vielleicht haben Deutsche eher ein goldenes Händchen für die Perfektionierung des Neuen. Von der Aufgabe, die Zukunft mit Visionen anzureichern, sollte sich hier zu Lande deshalb aber niemand entbunden fühlen. JEANINE VAN SEENUS
Karl-Werner Kreckel hat Beharrlichkeit bewiesen. Seine Vorschläge, mögen sie auch noch so visionär erscheinen, finden auch in den höchsten Etagen Gehör. Das geht längst nicht allen Forschern mit Ideenreichtum so.

Von Jeanine Van Seenus
Von Jeanine Van Seenus

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