Management

Visionen, die sich aufs Machbare reduzieren  

VDI nachrichten, 27. 10. 06, Düsseldorf, moc – Anfang November macht sich eine hochkarätige Gruppe von Industriellen mit Wirtschaftsminister Michael Glos auf den Weg nach Südafrika. Die Wirtschaft will im Vorfeld der Fußballweltmeisterschaft 2010 Kontakte knüpfen und Aufträge einwerben. Denn in diesen Tagen wird das südafrikanische Parlament die für die Weltmeisterschaft vorgesehenen 1,3 Mrd. € freigeben.

Nevio Venezia gibt Gas. Noch einen kräftigen Tritt in die Pedale, und er erreicht als Erster mit seinem Mountainbike den schwefelgelben Sandhügel vor den Toren von Johannesburg. Keuchend folgen ihm Steve Stoop, Andrew Underwood, Carl Bischoff und Brian Dixon – eine verschworene Gemeinschaft von Radsportfreunden, die sich zum Abschluss ihres samstäglichen Trainingsvergnügens auf die Abraumhalde der einstigen Goldmine quält. Von hier ist der Blick über die Millionenmetropole überwältigend.

Im Süden erstreckt sich die South Western Township, kurz SoWeTo genannt. In vier Jahren werden Milliarden von Menschen auf den berühmtesten Vorort von Johannesburg blicken.

„Seht ihr es?“, fragt Venezia seine Begleiter und deutet auf einen Punkt am Horizont, inmitten des Meeres von Hütten und Häusern. Dort soll Soccer City entstehen – eine Stadt des Fußballs in der Stadt der Schwarzen in der Stadt des Goldes – Johannesburg.

Fußball ist in Südafrika der Sport der schwarzen Mehrheit. Dass Venezia und seine Freunde ebenfalls mitfiebern, wenn das runde Leder rollt, liegt hauptsächlich an ihren europäischen Vorfahren.

Auf die ist insbesondere Venezia stolz, seitdem am 9. Juli der WM-Sieg der Squadra Azzura den Italiener in dem kleinen Südafrikaner weckte. Fortan hat er den Traum, dass das Team seiner Ahnen die Trophäe in vier Jahren in Soccer City verteidigt – denn hier soll das Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 stattfinden.

Doch dass es eine Weltmeisterschaft wird wie in Deutschland, daran haben die Freunde ihre Zweifel: „So eine tolle WM werden wir wohl nicht hinbekommen.“ Wobei sie das ausdrücklich nicht auf die zu erwartende Stimmung beziehen. Von der sind sie überzeugt: „Die wird klasse sein, einmalig und unverwechselbar. Eben afrikanisch.“

Was jedoch nicht nur viele Südafrikaner skeptisch stimmt, ist der Umstand, dass etwas weniger als vier Jahre vor dem ersten Welttreffen der besten Fußballteams auf afrikanischem Boden von reger Bautätigkeit noch nicht die Rede sein kann.

Im Februar hatte die Fifa aus den zwölf vorgeschlagenen Spielorten zehn ausgewählt: zwei in Johannesburg sowie je einer in Kapstadt, Pretoria, Durban, Port Elisabeth, Bloemfontein, Rustenburg, Nelspruit und Polokwane. Die fälligen Neubauten werden allerdings erst im Januar 2007 in Angriff genommen – nachdem das südafrikanische Parlament die dafür vorgesehenen 1,3 Mrd. € freigegeben hat. Das soll in diesen Tagen geschehen.

Und ob dieses Geld reicht, weiß niemand: Als der Welt-Fußballverband FIFA vor vier Jahren die WM ans Kap vergeben hatte, gingen die Bewerber noch von Kosten von 270 Mio. € aus. Bis Anfang Oktober galten dann 833 Mio. € als Obergrenze.

Dennoch besteht Hoffnung, dass die Stadien rechtzeitig zum Anpfiff im Juni 2010 fertig werden. Denn mit dem Ingenieur-Büro Schlaich, Bergermann und Partner aus Stuttgart ist deutsches Know-how an den Projekten beteiligt.

Die Schwaben haben, gemeinsam mit den Hamburger Architekten Gerkan, Mark und Partner, das Los für den Bau der Stadien in Durban und Port Elisabeth am Indischen Ozean gezogen. Außerdem sollen unter ihrer Regie die Eröffnungs- und Halbfinal-Arena entstehen und „Soccer City“ in Soweto. Das soll mit einem Fassungsvermögen von 90 000 Zuschauern das größte Fußballstadion des Kontinents werden.

Die Ingenieure aus dem „Ländle“ bringen die Erfahrung aus zwei Welt-Championaten mit: Bei der WM 2002 in Südkorea und Japan waren sie an zwei Stadienbauten beteiligt, bei der WM in Deutschland vor drei Monaten legten sie gleich an fünf Arenen Hand an.

Entsprechend optimistisch verweisen sie darauf, dass z. B. in Durban das alte Stadion schon vor einer Weile abgerissen wurde, um dem geplanten spektakulären Neubau – mit einem Stadiondach, das an einem gigantischen Trägerbogen aus Stahl hängt – Platz zu machen.

Gearbeitet wird also schon. Auch die Bauarbeiten für die Schnellzugtrasse von Johannesburgs internationalem Flughafen über die City bis zur Hauptstadt Pretoria haben begonnen. Freilich wird bis zum WM-Start nicht wie geplant das ganze Projekt vollendet, sondern nur der erste Teilabschnitt. Eben die „afrikanische Lösung“: Visionen, die sich von selbst auf das Machbare reduzieren.

Venezia und seine Freunde trainieren auf den Hügeln rund um Johannesburg für die „Cape Argus Cycling Tour“, die in Kapstadt stattfindet. Sie ist mit 36 000 Teilnehmern das größte Publikumsradrennen der Welt. Wenn sie zu dem Ereignis anreisen, nehmen sie das Flugzeug nach Kapstadt. Zwei Stunden dauert der Inlandsflug.

Auch für die WM-Touristen in vier Jahren wird das Flugzeug das wichtigste Transportmittel sein, um die großen Distanzen in Südafrika zu meistern. Immerhin ist das Land dreieinhalbmal so groß wie Deutschland, wird aber nur von 48 Mio. Menschen bewohnt.

Und die Zugverbindungen zwischen den Metropolen am Atlantischen Ozean und im Landesinnern sprechen nur zahlungskräftige Dampflok-Nostalgiker an, die mit dem Blue Train oder Rovos Rail in vergangene Kolonial-Zeiten rollen wollen.

Schon jetzt wittern daher die internationalen Auto-Verleiher im Jahr 2010 das ganz große Geschäft.

Nicht zuletzt auch, weil es einen öffentlichen Personennahverkehr wie in Europa nicht gibt. Den übernehmen in Kapstadt Gruppentaxis. Oft hoffnungslos überladen, karren sie in klapprigen Mini-Bussen ihre menschliche Fracht zu ihrem Ziel. Sicherer für jeden WM-Touristen dürfte es daher sein, die „letzte Meile“ zum Stadion zu Fuß zurückzulegen.

Die Radsport-Enthusiasten aus Johannesburg nehmen bei ihrem Rennen in Kapstadt dafür das Rad. Denn die „Cape Argus“ endet seit 29 Jahren am Greenpoint-Stadion – und nächstes Jahr wohl vorerst zum letzten Mal.

Nach diesem Rennen sollen die Bagger anrücken, um das Stadion aus den 60er Jahren fit für die WM 2010 zu machen. Doch nicht erst seitdem stehen auch in Kapstadt die Zeichen in Sachen Fußball auf Neustart. Längst haben die Macher in Kapstadt erkannt, dass der Ballzauber auch eine touristische Initialzündung mit sich bringen kann.

Seit 1994 verzeichnet das südafrikanische Tourismusministerium bei den Gäste-Ankünften gute Zuwachsraten, 2005 stieg die Zahl um 10,3% im Vergleich zum Vorjahr auf 7,5 Mio. Besucher. Aber 2010 sollen bis zu 200 000 Fußball-Touristen zusätzlich ins Land strömen. Dann ist der Bettenmangel absehbar.

Nevio, Steve, Carl, Brian und Andrew haben vorgesorgt. Um bei den Spielen 2010 in Kapstadt dabei sein zu können, werden sie sich bei Verwandten einquartieren. Einige ihrer Cousins wohnen unweit des Tafelbergs. Von ihnen werden sich die Johannesburger mit dem Wagen ins Zentrum chauffieren lassen. Auch, um der Welt, die dann zu Gast in Südafrika ist, „gut Freund zu sein“.

Einen gewissen Schwerpunkt werden „wir dabei auf die Victoria & Alfred Waterfront legen“, grinst Nevio, den zum Kneipenviertel ausgebauten alten Hafen. Nicht ohne Grund: Wer sich hier auf der Terrasse des „Sports Café“ niederlässt, den Blick auf den Tafelberg genießt und sich mit einem „Windhoek“ afrikanische Braukunst nach deutschem Reinheitsgebot schmecken lässt, der ahnt: Alles wird gut in vier Jahren. Irgendwie. OLIVER BERGER

Von Oliver Berger

Stellenangebote im Bereich Technische Leitung

Stadt Kehl-Firmenlogo
Stadt Kehl Leitung Tiefbau, Grünflächenmanagement und Betriebshof (m/w/d) Kehl
Ludwig Meister GmbH & Co. KG-Firmenlogo
Ludwig Meister GmbH & Co. KG Technischer Leiter (m/w/d) Fluidtechnik Dachau
SILTRONIC AG-Firmenlogo
SILTRONIC AG Ingenieur (m/w/d) als Leiter Facility Burghausen, Freiberg am Neckar
über CAPERA-Firmenlogo
über CAPERA Produktionsleiter Serienbauteile (m/w) Nordhessen
Stadt Leer-Firmenlogo
Stadt Leer Leitung (m/w/d) des Fachdienstes Mobilität und Verkehr Leer (Ostfriesland)
Kölner Verkehrs-Betriebe AG-Firmenlogo
Kölner Verkehrs-Betriebe AG Dipl.-Ingenieur als Leiter Hauptwerkstatt Stadtbahn (w/m/d) Köln
Wilhelm Rohde GmbH-Firmenlogo
Wilhelm Rohde GmbH Bauleiter (m/w/d) Raum Hamburg
Stadt Frankfurt am Main-Firmenlogo
Stadt Frankfurt am Main Abteilungsleiter_innen (m/w/d) Objektmanagement Frankfurt am Main
Infraserv GmbH & Co. Höchst KG-Firmenlogo
Infraserv GmbH & Co. Höchst KG Ingenieure (m/w/d) Fachrichtung Bau und Architektur Elektrotechnik Versorgungstechnik Frankfurt am Main
über Raven51 AG-Firmenlogo
über Raven51 AG Geschäftsführer (m/w/d) Berlin

Alle Technische Leitung Jobs

Top 5 Führung