Management 02.11.2007, 19:31 Uhr

Unser Know-how ist unsere Stärke  

VDI nachrichten, Vlotho, 2. 11. 07, moc – Martin Kannegiesser kennt man vor allem als Präsidenten von Gesamtmetall und harten Verhandler in Tarifrunden. Doch der Unternehmer Kannegiesser hat im ostwestfälischen Vlotho einen Weltmarktführer in Sachen moderne Wäschereitechnik aufgebaut.

Es gibt Wochen, da ist in und um Vlotho kein Hotelbett mehr zu bekommen, dann sitzen in den Hotellobbys und Restaurants der Region Menschen aus der ganzen Welt – internationaler geht es in Vlotho nicht mehr.

Was all die Menschen in die ostwestfälische Provinz zieht, ist nicht der kleine Fachwerkort Vlotho. Was sie herlockt, sind riesige Waschstraßen, die in der Stunde bis zu 4 t Wäsche waschen können. Denn hier in Vlotho sitzt einer der beiden Weltmarktführer in Sachen moderne Wäschereitechnik, die Herbert Kannegiesser GmbH.

Letzte Woche war es wieder so weit. Fast dreitausend Kunden aus gut 35 Ländern hatte Unternehmenschef Martin Kannegiesser zur alle zwei Jahre stattfindenden Hausmesse, Privatausstellung genannt, eingeladen.

In zwei großen Hallen sind die Waschstraßen aufgebaut, manche von bis zu 16 m Länge, in die vorn alle 90 s ein Berg schmutzige Wäsche eingeladen wird, während am Ende der Waschstraße im gleichen Takt ein Berg gewaschener Wäsche rausfällt. Daneben so genannte Flachwäschestraßen für Tischtücher, Laken, Handtücher.

An anderen Maschinen wird die dreckige Wäsche mit riesigen Saugstutzen angesaugt, mit Druckluft in die Waschanlage transportiert. Mit einer Beschleunigung von bis zu 800 g wird das Wasser aus der Wäsche geschleudert, automatisch werden die gewaschenen Overalls oder Bettlaken gefaltet und fallen, wie neu, aus der Maschine.

„Entscheidend für unseren Erfolg ist, dass wir in unseren Maschinen nicht nur den Materialfluss, also die Wäsche, im Griff haben, sondern auch den Informationsfluss komplett überwachen können“, so Kannegiesser. „Alle Anlagen haben eine durchgängige Systemarchitektur.“

Keine ruhige Minute hat Kannegiesser auf seiner Hausmesse, auf Schritt und Tritt wird er von Kunden angesprochen oder er zieht einen Kunden zur Seite, wechselt ein paar persönliche Wort mit ihm.

Kein Zweifel, dieses Unternehmen brummt.

Das war nicht immer so. „Anfang der neunziger Jahre hatten wir eine harte Zeit“, erinnert sich der Betriebsratsvorsitzende Friedhard Fichtner. Damals hatte das Unternehmen noch drei Standbeine, neben der Wäschereitechnik waren das Bügelautomaten für die Bekleidungsindustrie und die Pressen für die Kunststofftechnik.

Doch die Konkurrenz aus Asien im Bekleidungsmaschinenbau wurde immer härter, Kannegiesser stand vor der Wahl unterzugehen oder den Standort Vlotho aufzugeben. Schon wurde in Südchina eine eigene Fabrik geplant. „Wir haben mit offenen Karten gespielt“, erinnert sich Kannegiesser, „haben dem Betriebsrat jeden Auftrag vorgelegt und gezeigt, dass wir fast immer Verluste machten.“

Das zeigte Wirkung. Kannegiesser gelang es, den Betriebsrat zu überzeugen, dass ein drastischer Schnitt notwendig war. Das Unternehmen baute 300 seiner damals 700 Arbeitsplätze ab, entschloss sich gegen China und für Vlotho und konzentrierte sich sich auf ein Standbein: die Wäschereitechnik.

Das waren „drei, vier riskante Jahre“, so Kannegiesser heute über diesen radikalen Schnitt, „während sich das Unternehmen vollständig erneuerte“.

Sein Betriebsrat lässt nichts mehr auf den Chef kommen: „Wenn alle Chefs so wären“, sagt Fichtner voller Überzeugung, „hätten wir in Deutschland nur halb so viele Arbeitslose.“

Dass bei der Entscheidung gegen China und für Vlotho auch ein wenig Sentimentalität im Spiel war und Anhänglichkeit an einen Standort, an dem sein Vater 1948 den Grundstein der Herbert Kannegiesser GmbH legte, lässt Kannegiesser nur in Maßen gelten. „Unternehmer müssen rechnen. Das ist die Grundlage ihres Handelns. Nur aus dem Gefühl zu entscheiden, das geht nicht.“

Also konzentrierte das Unternehmen seine Energie auf die Wäschereitechnik, kaufte eine Handvoll Werke mit ergänzenden Produkten in Deutschland hinzu, produziert derzeit an fünf Standorten in Deutschland und hat sich jüngst noch ein englisches Unternehmen einverleibt.

Mit einem Umsatz von gut 220 Mio. € hat sich die Herbert Kannegiesser GmbH neben dem belgischen Unternehmen Laundry Systems Group als einer der beiden Weltmarktführer für große integrierte Waschstraßen und Wäschereitechnik entwickelt.

Weltweit hat Kannegiesser gut 1200 Mitarbeiter, am Standort Vlotho sind es 600, 50 mehr als noch vor zwei Jahren. Dazu kommen bis zu 10 % Zeitarbeitnehmer, die Ausbildungsquote liegt bei 10 % (55 Auszubildende). „Und die werden alle übernommen“, so Fichtner.

„Für Vlotho ist Kannegiesser bei Weitem der wichtigste Arbeitgeber“, so Herbert Obernolte, Wirtschaftsbeauftragter der Stadt. Und Kannegiesser ist dabei, wenn es um die Belange der Stadt geht – da werden Sportveranstaltungen ebenso gesponsert wie die örtliche Feuerwehr, die Kirchenrenovierung oder das Waldfreibad.

Aber die Region ist auch für Kannegiesser wichtig. Denn hier rekrutiert das Unternehmen die meisten seiner Mitarbeiter. „Das“, so Kannegiesser, „ist ein Fundus, den man pflegen muss.“ Einzelne Mitarbeiter, weiß Fichtner, „sind sogar schon in der vierten Generation im Unternehmen“.

Mit den regionalen Hochschulen, der Universität Paderborn, den Fachhochschulen Lippe und Bielefeld besteht eine enge Zusammenarbeit, auf Hochschultagen wirbt das Unternehmen für sich.

Von den 600 Mitarbeitern in Vlotho sind gut 100 Ingenieure, auch sie versucht Kannegiesser, vor allem aus der Region zu rekrutieren: Viele, die aus der Umgegend kommen, kehren nach dem Studium zu Kannegiesser zurück. Über 10 % seines Umsatzes investiert Kannegiesser in Entwicklung und Konstruktion.

Viel gibt es ansonsten in Voltho nicht, ein bisschen Maschinenbau, einige kleinere Unternehmen arbeiten ausschließlich für Kannegiesser. Aber den größten Teil dessen, was das Unternehmen selbst machen kann, macht es auch selbst. Die Fertigungstiefe liegt bei über 60 %.

Grund ist die hohe Komplexität und Vielfalt der Maschinen bei einer eher geringen Stückzahl. Die Grundkonfiguration der Anlagen ist ähnlich, für nahezu jeden Käufer aber gibt es spezielle Varianten.

Diese Komplexität ist zugleich die Stärke des Unternehmens. „Das Know-how, das Wissen um die mechanischen und steuerungstechnischen Komponentensowie die Software, das ist unsere Stärke“, sagt Kannegiesser. Und das ist schwer transportierbar nach China oder Osteuropa.

Waschstraßen, wie Kannegiesser sie herstellt, sind nichts für Singlehaushalte. Abnehmer sind große Hotelketten und Krankenhäuser, Kreuzfahrtschiffe, vor allem aber professionelle Wäschereiunternehmen. In Deutschland hat Kannegiesser gut 1000 Kunden, die rund 30 % seines Umsatzes ausmachen. In Zukunft, so Kannegiesser, „werden wir verstärkt in ausländischen Märkten, den USA und Asien, angreifen“.

Von Vlotho aus? Nachdenklich nickt Kannegiesser, fügt aber hinzu: „Man muss realistisch sein und Alternativen sehen.“

Vor kurzem haben ihn seine Mitarbeiter gefragt: „Wann tritt denn mal wieder Ruhe ein im Unternehmen?“ „Die kommt nie wieder“, war Kannegiessers Antwort. WOLFGANG MOCK

Von Wolfgang Mock

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