Personalmanagement

„Stars der deutschen Wirtschaft“ vernachlässigen Ausbildungspflicht  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 16. 6. 06, ws – Einige deutsche Konzerne nehmen es mit der Bereitstellung von Ausbildungsplätzen nicht ernst genug. Diesen Vorwurf untermauern die Grünen mit einer Umfrage, bei der WM-Sponsor Adidas nach Aussage von Reinhard Bütikofer das traurige Schlusslicht bildet. Im Gespräch mit den VDI nachrichten kündigt der Bundesvorsitzende der Grünen eine Kampagne an, die ausbildungsunwillige Unternehmen eindringlich auf ihre gesellschaftliche Pflicht zur Ausbildung hinweisen soll.

Bütikofer: Die Bilanz ist außerordentlich ernüchternd. Es haben nicht alle Unternehmen geantwortet. Manche wie SAP und Altana befanden das Thema offensichtlich für nicht wichtig genug. Einige Unternehmen kann man durchaus lobend erwähnen, etwa die Deutsche Bank, TUI, Metro, Bayer, Lufthansa und MAN, die zwischen 7 % und 11 % Ausbildungsquote liegen. Bei der Mehrzahl aber ist die Quote erschreckend niedrig. Insgesamt können wir den „Stars“ der deutschen Wirtschaft kein gutes Zeugnis ausstellen. Die durchschnittliche Ausbildungsquote der Unternehmen, die geantwortet haben, liegt unter 6 %.

VDI nachrichten: Welchen Eindruck hatten Sie bei der Umfrage: Messen die Unternehmen dem Thema nicht genug Wichtigkeit bei oder blocken sie auch?

Bütikofer: Einzelne Konzerne sind sich der Bedeutung ja durchaus bewusst, wie bei TUI, wo man sehr offen auf uns zuging. Andere wurden mehrfach angesprochen, mit dem Ergebnis, dass sie sich dann doch lieber ausschwiegen.

VDI nachrichten: Adidas ist Ihnen besonders negativ aufgefallen.

Bütikofer: Adidas ist das Schlusslicht. Das Unternehmen hat, und das bestätigt Adidas auch, eine Ausbildungsquote von 2 %, oder anders gesagt: Auf 2000 Beschäftigte sind dort pro Lehrjahr 17 Auszubildende beschäftigt. Fast könnte man sagen: Adidas hat mehr Fußball-Millionäre unter Vertrag als Auszubildende. Als Erklärungsversuch führt das Unternehmen die Zahl der Praktikanten und Trainees an, die in Herzogenaurach beschäftigt werden. Das ist eine Lachnummer. Wer sich mit Praktika rausredet, der verkennt den Ernst der Lage für die jungen Menschen.

VDI nachrichten: Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt hat noch vor wenigen Wochen von einer „ermutigenden“ Entwicklung gesprochen, da Industrie, Handel und Handwerk die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge um über 2 % gegenüber dem Vorjahr gesteigert hätten, die Zahl der unbesetzten Ausbildungsplätze verzeichne Wachstumsraten um mehr als 8 %. Zweifeln Sie an den Zahlen oder sind es nur wenige, die der gesellschaftlichen Aufgabe Ausbildung nicht Folge leisten?

Bütikofer: Mit unserer Erhebung haben wir uns auf die Aushängeschilder der deutschen Wirtschaft konzentriert. Bei allem Zweckoptimismus, den Herr Hundt verbreitet, bleibt festzuhalten: Es gibt 15 % weniger Ausbildungsplätze als im vergangenen Jahr und es ist zu befürchten, dass 50 000 junge Leute nach der Ausbildungskampagne ohne Lehrstelle dastehen.

VDI nachrichten: Zweifeln Sie an der Bereitschaft der Unternehmen, Auszubildende einzustellen?

Bütikofer: Ich bin weit davon entfernt, alle Unternehmen über einen Leisten zu schlagen. Im Mittelstand liegt die Ausbildungsquote bei rund 8 % und teilweise sogar darüber. Das ist überaus positiv. Wenn wir bei einem bundesweiten Durchschnitt von 7 % lägen, gäbe es das Ausbildungsproblem nicht. Von 1 Mio. ausbildungsberechtigten Unternehmen bilden nur 500 000 aus. Das ist nicht ein Problem der Wirtschaft im Allgemeinen, sondern eines der Unternehmen, die hier nicht tun, was sie tun könnten. Da bedarf es einer kräftigen Erinnerung durch die Gesellschaft, dass wir von Konzernen als „Good Corporate Citizens“ ein anderes Vorgehen erwarten.

VDI nachrichten: Sie planen eine Kampagne. Gegen wen richtet sie sich?

Bütikofer: Wir wollen Unternehmen dazu bringen, ihrer gesellschaftlichen Pflicht nachzukommen. Die Kampagne richtet sich daher nicht gegen, sondern für etwas. Die Parole heißt: Adidas muss ausbilden.

Ich würde mich freuen, wenn sich viele Organisationen und Privatleute daran beteiligten. Schließlich handelt es sich nicht um eine Parteiveranstaltung. Auch freut es mich, dass Bundesbildungsministerin Annette Schavan in einer Zeitung angekündigt hat, sie wolle mit den Herrschaften von Adidas reden. An solchen Gesprächen sollten sich auch Bundeswirtschaftsminister Michael Glos und Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber beteiligen – mit der Botschaft im Gepäck: So könnt ihr das nicht lassen!

VDI nachrichten: Haben sich schon Kooperationspartner angeboten?

Bütikofer: Es wird etwa gemeinsame Aktionen von Grüne- und DGB-Jugend sowie von den Jusos geben.

VDI nachrichten: Reicht der gesellschaftliche Druck oder müssen Gesetze her, etwa die häufig ins Spiel gebrachte Ausbildungsplatzabgabe?

Bütikofer: Mir geht es ausdrücklich nicht darum, die alte Debatte zu wiederholen. Sicherlich könnte man wieder im Detail über Ausbildungsabgabe und Ausbildungsumlage diskutieren und darüber, wie bürokratisch die Verfahren sein dürfen. Ich meine aber, es wäre fruchtlos, da ich dafür zum einen keine Mehrheit im Bundestag sehe und zum anderen glaube, dass unsere Gesellschaft erwachsen genug ist und selbstbewusst genug sein sollte, sich nicht auf den staatlichen Druck gegenüber den Unternehmen zu verlassen, sondern selbst diesen Druck zu erzeugen. Ich möchte eine Situation erleben, in der es einem Manager peinlich ist, wenn er in seinem Kirchengesangverein oder Rotary-Club darauf angesprochen wird, warum er denn so wenige junge Menschen ausbilde.

VDI nachrichten: Gibt es Anzeichen dafür, dass die Zahl der „geläuterten“ Personen und Unternehmen in absehbarer Zeit wächst?

Bütikofer: Es gibt viele, die sich engagieren. Als die rot-grüne Regierung vor exakt zwei Jahren den Ausbildungspakt verabredet hatte, habe ich etliche Mittelständler gesprochen, die zuvor nicht ausgebildet hatten, dies aber fortan tun wollten. Dieter Philipp, damaliger Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks, war eine der treibenden Kräfte. Um diese Leute geht es nicht in der Kampagne, sondern um die schwarzen Schafe.

VDI nachrichten: Die Unternehmen klagen über teils desaströse Deutsch- und auch Mathematikkenntnisse von Schulabgängern, die von Einstellungen abhielten. Handelt es sich bei der fehlenden „Ausbildungsreife“ nicht nur um ein Ausbildungs-, sondern auch um ein Bildungsproblem oder um ein Alibi der Unternehmen?

Bütikofer: Es ist unbestritten, dass an unseren Hauptschulen rund 12 % ohne Abschluss entlassen werden. Und bei vielen, die den Hauptschulabschluss schaffen, sind erhebliche Defizite festzustellen. Es ist aber doch ein verheerender Irrweg, tausende junger Leute ihrem Schicksal auf der Straße zu überlassen, bevor sie überhaupt ins Berufsleben eingetreten sind, bevor sie eine Chance hatten.

VDI nachrichten: Wie wäre die Misere zu beheben?

Bütikofer: Statt diese Menschen allein zu lassen, sollten sich diejenigen, die sich für einen gerechten Zugang zur Bildung stark machen, mit denjenigen zusammentun, die sich für Wettbewerbsfähigkeit einsetzen. Wir können ein faireres und wettbewerbsfähigeres Bildungssystem auch in Deutschland zustande bringen, mit weniger Verlusten am unteren Rand der Gesellschaft. Wir müssen nun endlich anfangen, die bequeme Aussortiererei schon in frühen Jahrgangsstufen zu überwinden und zu einer wirklich konzentrierten individuellen Förderung jedes Kindes zu kommen. Jedes Kind hat eine Chance verdient.

WOLFGANG SCHMITZ

Von Wolfgang Schmitz

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