Management

„Sie werden von Gier getrieben“

Aktionäre, Politiker und die Börsenaufsicht schauen nun genauer hin. Plato hatte eine einfache Regel, wenn es um Geld ging. Keiner in einer Gemeinschaft solle mehr als das Fünffache eines Arbeiters verdienen, forderte der griechische Philosoph. Mehr widerspreche der Gerechtigkeit. Was würde der große Denker wohl heute zu den Managern Amerikas sagen? Die verdienten vergangenes Jahr im Schnitt 411 Mal soviel wie ihre Angestellten, nämlich 11 Mio. Dollar. Die Top Ten der Manager kassierten 2001 etwa 150 Mio. Dollar ein – pro Nase.

Bisher hat diese Entwicklung kaum jemanden in den USA gestört. Die Bosse der großen Firmen sah man als Helden an, solange die Aktienkurse stiegen. Doch die Pleite des Energiehändlers Enron hat Amerika aufgerüttelt. Regierung, Aktionäre und auch die Börsenaufsicht schauen den Bossen jetzt strenger auf die Finger. Kleine Fehltritte, die bisher höchstens eine Verwarnung zur Folge hatten, werden nun mit aller Härte juristisch verfolgt. Und enttäuschte Aktionäre lassen sich auch nicht mehr so leicht abwimmeln.
Jüngstes Opfer der alarmierten Öffentlichkeit ist Christos Cotsakos, der Chef der Internetfirma E*Trade. Nach massiver Kritik an der schlechten Performance seines Unternehmens versprach er jetzt, die Hälfte seines 80 Mio. Dollar-Gehaltes von 2001 zurückzugeben. Cotsakos hofft, auf diese Weise drohenden Klagen von Anlegern aus dem Weg zu gehen. Auch Bernard Ebbers von der Telekommunikationsfirma Worldcom hat es erwischt. Weil die Diskrepanz zwischen seinem exorbitant hohen Salär und den extrem niedrigen Unternehmenszahlen zu groß wurde, musste er im April seinen Vorstandsposten räumen.
Für einen kam es noch schlimmer. Dennis Kozlowski, als Chef des Universalunternehmens Tyco ein Börsenstar, steht diesen Monat als gewöhnlicher Krimineller vor Gericht. Der schwerreiche Firmenboss (Jahresgehalt 100 Mio. Dollar) stolperte über seine eigene Gier. Er kaufte Gemälde von Renoir und Monet für sein von der Firma bezahltes Luxusapartment in New York, doch die Umsatzsteuer versuchte er auf illegalem Weg zu umgehen. Für diese Form von Sparsamkeit hat zur Zeit keiner mehr Verständnis. „New York steckt gerade in einer Finanzkrise, da ist es ein schweres Verbrechen, wenn ein so reicher Mann Steuern hinterziehen will“, droht Staatsanwalt Morgenthau.
Analysten sind sich sicher, dass Kozlowski während des Börsenbooms nichts zu befürchten gehabt hätte. Aber die Zeiten ändern sich. Nach dem unrühmlichen Niedergang von Enron wurde die Regierung aktiv. Verschiedene Behörden haben jetzt Reformen vorgeschlagen, die allesamt ein Ziel haben: Firmenchefs schärfer zu kontrollieren und bei Versagen schneller zur Verantwortung zu ziehen. Dabei klagen die Bosse schon jetzt über die Fahnder der Börsenaufsicht: Seit Enron veranstalte sie eine regelrechte Hexenjagd auf Aktiengesellschaften. Das sei wie „während der McCarthy-Ära“, beschwerte sich Joseph Nacchio, Sprecher der Kabelfirma Qwest, noch letzte Woche. Gegen seine Firma ermittelt die Börsenaufsicht wegen Ungereimtheiten in der Buchführung. Inzwischen hat ihn die neue Realität eingeholt: Er wurde von seinem Aufsichtsrat gefeuert.
Auch die Aktionäre machen Front gegen Manager. Vor allem die Gehälter sind ihnen ein Dorn im Auge, seitdem die Kurse sinken. Denn während Anleger ihr Vermögen verlieren, bekommen die Chefs den Misserfolg ihrer Firma nicht zu spüren. Im Gegenteil. Allein im letzten Jahr stieg das Gehalt von Managern großer Firmen im Schnitt um 9 %, während die Gewinne um 35 % schrumpften. Die Faustregel „viel Geld für viel Risiko“ stimmt ohnehin längst nicht mehr. In ihren Verträgen sichern sich die Vorstände gegen allerlei Unbill ab. Aktienoptionen, die nichts mehr wert sind, werden umgetauscht, Entlassungen ohne millionenschwere Abfindung sind fast unmöglich.
„Ich bin entsetzt“, spricht Eugene Baker vielen Kleinanlegern aus der Seele. „Diese Leute werden von Gier getrieben. Es ist Zeit, dass wir ihnen unsere Enttäuschung deutlich zeigen.“ Wie viele andere Anleger stimmte Baker dieses Jahr zum ersten Mal gegen die Entlastung der Vorstände seiner Firmen. „Die Kritik der Anleger ist dieses Jahr außerordentlich stark“, beobachtet auch Ann Yerger vom amerikanischen Aktionärsinstitut. „Aber das heißt noch nicht, dass die Firmen sich nach den Wünschen der Aktionäre richten.“ Einmal hat es aber schon geklappt. Bei der Textilfirma Jones Apparel setzten die Anleger durch, dass es keine Aktienoptionen mehr für Vorstände gibt. Und in 20 weiteren Firmen, darunter Boeing, Citigroup, Pepsi, und General Electric fordern die Aktionärsversammlungen jetzt, die Abfindungen für scheidende Manager kräftig zu kürzen. STEPHANIE WÄTJEN

  • Stephanie Wätjen

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