Personalmanagement

Schwere Zeiten für Headhunter – jetzt werden sie entlassen

Nach einigen Jahren mit überdurchschnittlichem Wachstum mussten sie im letzten Jahr Umsatzeinbußen hinnehmen – und entlassen jetzt selbst Leute.

Der Wettbewerb um Talente ist kaum noch ein Thema, über das man redet. Dennoch: „Die Jagd nach guten Mitarbeitern geht weiter. Für viele Unternehmen ist sie nach wie vor ein Thema“, sagt McKinsey-Chef Jürgen Kluge. Der Unternehmensberater verweist auf eine Studie, die der DIHK kürzlich veröffentlicht hat. Tenor: Die richtigen Mitarbeiter zu finden, fällt weiter schwer. Nur 8 % der Unternehmen sehen derzeit eine Entspannung am Personalmarkt. Aber 42 % der Firmen sagen, sie hätten nach wie vor Probleme, Stellen zu besetzen. „Gute Bewerber sind Mangelware“, konstatierte deshalb letzte Woche Jürgen Kluge beim Personalberatertag des Bundesverbandes Deutscher Unternehmensberater (BDU).
Viele Arbeitnehmer freilich spüren von dieser Lage nichts: Sie haben in der Rezession der letzten Monate ihren Arbeitsplatz verloren. Nur einige Beispiele aus den Streich-Listen der Unternehmen: Opel baut 3000 Jobs ab. Bei der Commerzbank fallen 3400 Mitarbeiter weg, bei der Deutschen Bank 9200.
„Mitarbeiter mit Qualifikationen, die nicht mehr gefragt sind, werden entlassen“, kommentiert Kluge dieses Vorgehen trocken. In vielen Unternehmen regiert daher ein erheblicher Angst-Faktor: „Auch wer noch nicht entlassen ist, hat oft Sorgen um seinen Job“, weiß Norbert Wangnick, Vorstand beim Rekrutierungs-Dienstleister Access in Köln. Ganze Branchen stünden vor einem radikalen Umbau, der abermals Arbeitsplätze kosten werde – weil die Unternehmen zwar ausreichend Mitarbeiter haben, aber nicht genau die, die sie für ihre neue Ausrichtung brauchen.
„Die Unsicherheit unter Angestellten und Managern hat erheblich zugenommen“, beschreibt etwa Edmund Mastiaux vom Zentrum für Management- und Personalberatung (ZfM), Bonn, die Stimmung seiner Beratungskunden: „Viele Manager glaubten noch vor ein paar Jahren, ihr Arbeitsplatz sei sicher. Heute sind sie hilflos – weil sie nicht mehr wissen, wie es mit ihrer Karriere weitergeht“, so Mastiaux.
Dieser Umbruch trifft eine Branche besonders hart: Personalberater, die jahrelang mit Dienstleistungen rund um Mitarbeitersuche und -auswahl gut verdient haben, klagen jetzt über schlechte Geschäfte.
„Der Markt entwickelt sich krisenhaft. Viele Personalberater verlieren Umsatz“, beschreibt Joachim Staude, Vizepräsident des BDU und Chef von TMP Worldwide in Deutschland, die Lage. Die Consultants trifft die Situation in den Unternehmen oft mit voller Wucht: Budgets werden gekürzt, Aufträge um Monate verschoben oder einfach kurzfristig abgesagt. Viele Berater hat es kalt erwischt. „Nach zehn Jahren zweistelliger Wachstumsraten müssen sie jetzt mit einem stagnierenden Markt umzugehen lernen“, erklärt der BDU-Vize. Die Aufträge kommen nicht mehr von allein, Entlassungen in der erfolgsverwöhnten Branche sind keine Seltenheit mehr.
Aussicht, dass sich das demnächst ändert, besteht nicht. Die letzten zwölf Monate liefen für viele Personalberater nicht gut – und für die Zukunft gibt es keine Entwarnung: „Die Durststrecke dauert noch mindestens zwölf Monate“, beschreibt Bjørn Johansson von Dr. Johansson Associates, Zürich, die Lage vieler Branchen-Kollegen. Die Folgen dieser miserablen Lage zeichnen sich schon ab: „Längst gibt es einen Preiskampf, obwohl offiziell keiner darüber reden mag“, sagt Johansson. Schlechte Qualität finde keine Nachfrage mehr, und etliche Beratungsunternehmen würden noch in die Pleite marschieren.
Ausgenommen von der Misere sind nur wenige: Diversifizierte Großanbieter mit einer bekannten Marke leiden nicht so stark. Beispiel Kienbaum: „Unser Geschäft läuft ordentlich“, gibt sich Wolfgang Lichius von Kienbaum Executive Consultants in Gummersbach zufrieden. Gut im Geschäft sind nach wie vor auch Headhunter, die Vorstandspositionen besetzen, und Outplacement-Berater.
Entspannung ist erst ab Mitte 2003 in Sicht. Dann soll die anziehende Konjunktur den Arbeitsmarkt erreichen. Das wird die Nachfrage nach Personalberatung wieder schüren – und auch Arbeitnehmer werden dem Wettbewerb um Talente wieder vertrauen: „Die Bevölkerung schrumpft. Es kommen immer weniger junge Menschen auf den Arbeitsmarkt“, beschreibt Meinhard Miegel, Leiter des Instituts für Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik (IWG), Bonn, den Trend: Der Demographie-Faktor wird dafür sorgen, dass Arbeitskräfte in den nächsten Jahren immer knapper werden. Das könnte die Job-Ängste, die viele heute haben, wieder dämpfen – und auch manchem erfahrenen Mitarbeiter im Alter 50plus eine Aussicht auf zehn, fünfzehn weitere Jahre mit einem sicheren Arbeitsplatz verschaffen. AXEL GLOGER

Von Axel Gloger

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