Management

Schneckenpost ist in deutschen Unternehmen Alltag  

Von „Time is money“ keine Spur.

Seit „KonTraG“ und „Oxley Act“, der deutschen und der US-amerikanischen Gesetzgebung zur Risikokontrolle, können sich Manager nicht mehr so leicht auf Nichtwissen berufen, wenn etwas schief geht. Deshalb überrascht das Ergebnis einer Befragung von Führungskräften in 105 deutschen Großunternehmen. Es weist auf erhebliche Defizite im Prozess- und Informationsmanagement hin. In mehr als 30 % der Firmen dauert es zum Beispiel länger als drei Tage, bis Berichte über sich abzeichnende Probleme den Vorstand bzw. die Geschäftsführung erreichen, in rund 15 % sogar länger als sieben Tage.

Die vom Business Application Research Center (Barc), Würzburg, durchgeführte Studie ergab zudem, dass nur 40 % der Unternehmen kritische Geschäftsprozesse in ihrer Lieferkette, in der Produktion oder Entwicklungen auf den Absatzmärkten, automatisch überwachen. Nur 36,2 % der Befragten arbeiten mit einer „Balanced Scorecard“ – einem Konzept zur Umsetzung der Unternehmensstrategie anhand definierter und laufend kontrollierter Erfolgsfaktoren und Kennziffern. 10,5 % können mit dem Begriff „nichts anfangen“.

„Unterentwickelte Informationssysteme beeinträchtigen letztendlich die Corporate Governance“, so Christoph Kaderli, Marketing-Direktor der Cognos GmbH, Anbieter von Unternehmens-Software und Mitinitiator der Studie. Viele Unternehmen verzichteten auf die Möglichkeit einer effizienten Steuerung. „Ein Management ist nur so gut wie die Informationen, die ihm zur Verfügung stehen“, unterstreicht Ingrid Tunsch. Die Chef-Analystin bei D&B, Darmstadt, einem Spezialisten für B2B-Informationen und -Analyse, beziffert die Größenordnung drohender Schäden: ein Produktionsausfall in der Halbleiterfertigung von nur wenigen Minuten erzeuge Kosten im fünfstelligen Eurobereich. Eine Rückrufaktion von rund 870 000 VW- und Audi-Fahrzeugen wegen Mängeln an der Vorderachse habe den Börsenwert des Automobilkonzerns am 29. 4. 2004 um 1,7 % gedrückt. Nachschub- bzw. Qualitätsprobleme korrespondierten oft mit wirtschaftlichen Problemen bei Zulieferern. Unter Tausenden müssten Schwachstellen geortet, bewertet und den zuständigen Entscheidern gemeldet werden.

Laut Barc-Studie haben zwar rund zwei Drittel der Unternehmen ihre potenziellen Risiken erkannt, doch fließen die Informationen zu langsam und nicht im Kontext. Durchschnittlich liefern rund acht unterschiedliche Informationssysteme konzernweit Daten für Reporting und Planung. Die Nennungen reichen insgesamt von einem bis zu 60 Systemen. „So kommt es vor, dass Mitarbeiter für ihren Bereich separat Auswertungen in handgestrickten Tabellen vornehmen, ihre Kollegen, und damit das Gesamtunternehmen, davon jedoch nichts erfahren“, bemängelt Tunsch. Dabei gebe es bereits Möglichkeiten, selbst unterschiedliche Hard- und Software innerhalb eines Unternehmens durch XML-Schnittstellen so intelligent zu vernetzen, dass konsolidierte Informationen jederzeit auf Knopfdruck zur Verfügung stünden. In zwei Konzernen geht das laut Barc innerhalb von fünf Minuten, in 13,8 der Unternehmen immerhin binnen 30 Minuten, wobei allerdings keine Angaben zur Qualität der Daten gemacht werden.

Auch die Unternehmenspublizität, einer der wesentlichen Aspekte der Corporate Governance, ist von den zur Verfügung stehenden Informationssystemen abhängig. Es werden im Durchschnitt knapp drei Monate benötigt, um nach Ende des Geschäftsjahres die Abschlussdaten zu veröffentlichen, wobei die Bandbreite von weniger als einem Monat bis zu sechs Monaten reicht.

Der Handlungsdruck in den Unternehmen scheint trotz gesetzlicher Auflagen und erkannter Risiken noch nicht groß genug zu sein. Zwar bestätigen über 90 % der Befragten, die Notwendigkeit besserer IT-Systeme. Jedoch sind in 41 % der Unternehmen keine konkreten Projekte vorgesehen, was Cognos-Sprecher Kaderli als „überaus erschreckend“ bezeichnet.

MANFRED GODEK

www.barc.de/complience

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