Management

Schluss mit dem Märchen vom Erlebnispark

Judith Mair ist konservativ. Zumindest, was ihre Unternehmensphilosophie angeht. Die schöne neue Arbeitswelt der New Economy hat bei der 30-Jährigen keine Chance.

Auf PR-Fotos schaut sie grimmig, gerade so, als wolle sie sagen: „Halten Sie bloß Abstand, keinen Schritt weiter!“Wem nicht schon kalt ist, den fröstelt spätestens beim Anblick dieses eiskalten Engels. „Schluss mit lustig!“ lauten schließlich auch Judith Mairs Credo und der Titel des Buches, mit dem die Gründerin des Kölner Kommunikations- und Gestaltungsbüros „Mair und andere“ medienweit für Aufsehen sorgt. Titel wie „die härteste Chefin Kölns“, „die grausame Chefin“, „Domina der Arbeitswelt“, „Hüterin preußischer Tugenden“ und „Gallionsfigur des Neokonservatismus“ lassen Schlimmes erahnen.
Judith Mair schmerzen solche reißerischen Schlagzeilen nicht. Sie lebt sogar recht gut von der medialen Inszenierung um ihre Person. Sicher ist die schüchtern wirkende und häufig lächelnde Diplom-Designerin alles andere als ein Mitarbeiter fressendes oder gefühlskaltes Monster. Sie ist aber auch Geschäftsfrau und weiß trotz ihrer erst 30 Jahre um die Praktiken, sich medienwirksam ins Scheinwerferlicht zu rücken. Und die attraktive Westfälin ist sich auch darüber im klaren, dass ein ergrauter Soziologieprofessor mit ähnlichen Thesen in der Öffentlichkeit nicht so weit vorgedrungen wäre. Das scheinbar Banale ihrer Botschaft aber deshalb als unreifes, unausgegorenes Dahergerede abzutun, wäre der vollkommen falsche Schluss.
Judith Mair, die selbst ein Rädchen im Getriebe der New Economy war, fasst – ohne großen wissenschaftlichen Anspruch zu erheben – das Märchen von der schönen neuen Arbeitswelt in ein schnörkelloses Urteil: Auch im Erlebnispark New Economy macht das Arbeiten nur sehr begrenzt Spaß, flexible Arbeitszeiten bedeuten Überstunden bis spät in die Nacht und Eigenverantwortung steht für Selbstausbeutung. Das haben Judith Mair und ihre Kolleginnen am eigenen Leib erfahren. „In den Unternehmen herrschte oft das totale Chaos. Da wusste man nicht, wer der Chef ist und wer der Praktikant.“
Als Abrechnung mit dem System will Mair ihr Buch nicht verstanden wissen. „Ich finde, man muss den Floh aber auch nicht lieben, den man unter dem Mikroskop betrachtet.“ Der Versuch, das Private ins Dienstliche zu übertragen, sei die subtilste Form, einen Menschen dem Gruppenzwang zu unterwerfen und ihn 14 Stunden und mehr an die tägliche Arbeit zu binden. „Möglichst wenige Regeln und Beschränkungen zu verordnen und alles neu auszuhandeln ist weitaus anstrengender und kostet viel mehr Zeit als Regeln mit verlässlichen Leitlinien festzusetzen. Die täglichen Diskussionen hinterlassen nur Unsicherheiten. Wenn ich morgens regelmäßig zu einer bestimmten Zeit bei der Arbeit erscheine, kann ich auch früher wieder nach Hause gehen. Ich jedenfalls lege auf meine Freizeit großen Wert.“ Und die verbringt Judith Mair auch mit Kolleginnen aus dem siebenköpfigen Team von „Mair und andere“. Die Trennung zwischen Privatem und Beruf halten die Freundinnen dabei strikt ein. „Es gibt schönere Orte als das Büro, um sich über Musik, Kino, Museumsbesuche oder andere Dinge zu unterhalten. Und zwischen Drucker und PC lassen sich schlecht private Probleme wälzen.“
Die allen Mitarbeitern verschriebene Kleiderordnung soll keineswegs an die inhumane Uniformität von „1984“ erinnern, sondern die Konzentration auf das Wesentliche betonen. „Wir wollen deutlich machen, dass es bei unserer Arbeit nicht um Äußerlichkeiten geht. Wir wollen die Qualität unserer Produkte nicht durch das Herzeigen besonders schriller Turnschuhe oder bunter Hemden kaschieren. Um diese Botschaft zu verpacken, scheinen uns die blauen Kostüme geeignet. Dass wir nicht alle gleich sind, ist doch logisch.“
Mit ihrer Heuchelei habe sich die New Economy keinen Gefallen getan. „Als Arbeitgeber kann ich nicht ständig damit beschäftigt sein, alle Arbeitsumstände so zu arrangieren, dass die Mitarbeiter möglichst viel Spaß haben: Nach dem Fitnessprogramm kommt der Masseur, am Wochenende fahren wir zusammen Ski. Steht man den ganzen Tag am Kopierer, wird einem das als Happening verkauft.“ Ehrlichkeit führe hier eher ans Ziel als Unternehmen und Arbeit zum Mythos aufzubauschen. „Es macht eben nicht alles Spaß. Es gibt Sachen, die unangenehmer sind als andere, die aber erledigt werden müssen. Wenn die Erwartungen nicht in den Himmel schießen, wird auch die Enttäuschung nicht allzu groß sein“, glaubt Judith Mair.
Spätestens, als die Unternehmen den ersten Mitarbeitern die Kündigung unter die Nase hielten, begann das böse Erwachen. „Diese Pseudo-Familien haben fast schon etwas Sektenmäßiges. Wenn man dann rausgeschmissen wird, bricht eine Welt zusammen. Viele, die gehen mussten, waren persönlich gekränkt. Nicht nur, dass sie keinen Job mehr hatten: Das ist auch eine Sinnfrage. Da entpuppt sich der Schein einer Glaubensgemeinschaft als hartes, unbarmherziges Geschäft.“
Was aber muss für Judith Mair ein vorbildlicher Arbeitgeber bieten? „Zunächst einmal Beschäftigungssicherheit und interessante Arbeitsinhalte. Darin sehe ich überhaupt einen wichtigen Beweggrund: Spaß im Berufsleben muss nicht erst durch irgendwelche Extras oder Events erzeugt werden. Die Arbeit allein kann und sollte als Motivation reichen.“ Schade für „sozial kompetente Selbstdarsteller“, denn die haben in der Arbeitswelt von Judith Mair keinen Platz. WOLFGANG SCHMITZ
www.mairundandere.de

Von Wolfgang Schmitz

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