Management

Pensionierte Top-Manager sollen US-Firmen auf Kurs halten

VDI nachrichten, New York, 9. 1. 04 -US-Unternehmen, die in schwieriges Fahrwasser geraten, greifen immer häufiger auf erfahrene und pensionierte Manager zurück, doch Experten entdecken darin eine eklatante Managementschwäche.

Zum allgemeinen Rückruf-Trend von bereits pensionierten Top-Managern erklärt der frühere US-Botschafter und heutige Managementberater Andrew Young: „In dem gegenwärtigen, unruhigen Geschäftsumfeld muss man jemand im Chefsessel haben, der nicht gerade auf seinem Ego-Trip ist“.
Immer mehr Hightech-Konzerne setzen in den USA derzeit eher auf die Erfahrungen und bereits erwiesenen Management-Qualifikationen, als auf den früher so hoch gepriesenen jugendlich-dynamischen Tatendrang.
Jüngstes Beispiel dazu ist der Wechsel an der Spitze des Boeing-Konzerns. Anfang Dezember musste deren CEO Phil Condit nach diversen Skandalen seinen Hut nehmen. Doch anstatt einen Jüngeren aus der bisher zweiten Reihe ins höchste Managementamt zu heben, holte das Board den 67-jährigen Harry Stonecipher aus der Pension zurück. Stonecipher kennt die Branche, schließlich war er über viele Jahre der Chef von McDonnel Douglas, bis das Unternehmen 1997 von Boeing aufgekauft wurde.
Auch Delta Airlines trennte sich zum Jahresende von seinem CEO und Präsident Leo Mullin und holte sich dafür gleich zwei Business-Veteranen an die Konzernspitze. Der 71-jährige Gerald Grinstein übernimmt den CEO-Posten. Er hat schon viele Positionen bei Delta und bei Western Airlines bekleidet, bevor Western von Delta aufgekauft wurde. Der 65-jährige Jack Smith wird den Präsidentenstuhl bei Delta einnehmen. Smith war über 40 Jahre bei General Motors, davon acht Jahre als CEO.
Ebenfalls aus der Auto-Branche stammt der 63-jährige Edward Hagenlocker, der im Frühjahr ins Board des größten amerikanischen Telekommunikations-Herstellers, Lucent, berufen wurde. Hagenlocker war viele Jahre Vice Chairman bei Ford und zuvor Chef des Zulieferers Visteon Automotive Systems. „Ed hat unschätzbare Erfahrungen in Forschung, Engineering und vor allem im internationalen Management. Das ist genau das, was wir derzeit am dringendsten benötigen“, sagte Lucents CEO Patricia Russo anlässlich seiner Berufung.
„In diesen turbulenten Zeiten, in denen sich viele Hightech-Unternehmen immer noch befinden, setzt man lieber auf jemanden, der schon mal bewiesen hat, dass er das Schiff auch durch einen Orkan steuern kann“, sagt Warren Bennis, Wirtschafts-Professor an der Universität von San Diego.
Ob aber das Zurückholen von erfahrenen Managern eine sinnvolle Unternehmensentscheidung ist, wird von vielen Experten bezweifelt. „Eine solche Personal-Entscheidung offenbart einen peinlichen Management-Fehler, nämlich die fehlende Förderung von geeigneten Nachwuchskräften“, sagt der amerikanische Leadership-Guru Professor David Berg von der Yale-Universität. Dabei verweist er auf ein Interview mit Patricia Russo, in dem diese offen zugibt, dass sie sich noch nie Gedanken darüber gemacht hat, wer sie mal ersetzen soll.
Dennis Haley, Chef der CEO Academy in New York, sieht darin sogar Methode. „Die meisten CEOs wollen doch nur Ja-Sager um sich herum haben – und das sind normalerweise keine starken Führungspersönlichkeiten.
Aber auch die zurückberufenen Manager sehen ihre Möglichkeiten inzwischen häufig genug selbstkritisch. Im vorigen Jahr holte der Technologie-Konzern Corning seinen früheren CEO Jim Houghton in den Chefsessel zurück. Der heute 67-jährige und Mitglied der Gründungsfamilie sagt über sich selbst, dass er die zurückliegenden Jahre spürt: „Meine Energie ist da, aber ich bin einfach nicht mehr so jung, ich muss den Job mehr als Marathon angehen – nicht als Sprint.“ Houghton reist deshalb heute viel weniger als früher – vor allem international – und delegiert mehr an sein Team.
Ansonsten zählt Erfahrung in den USA übrigens nur bei den absoluten Top-Managern. So schreibt das US-Arbeitsministerium schon seit dem Konjunkturabsturz vor drei Jahren regelmäßig in seinen Quartalsberichten, dass auch die erfahrensten und best qualifizierten Arbeitskräfte oberhalb von 50 Jahren kaum noch vermittelbar sind. HARALD WEISS

Von Harald Weiss

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