Personalmanagement 07.01.2005, 18:36 Uhr

Ohne Arbeit, aber mit ein wenig Hoffnung

Nach dieser „Zauberformel“ wollen Firmen in wirtschaftlicher Schieflage massiv Stellen abbauen. Neben Abfindungszahlungen sind dabei besonders die Transfergesellschaften beliebt: Bei ihnen wird ein guter Teil der Kündigungskosten auf die Allgemeinheit der Sozialversicherten abgewälzt.

Die Betriebsruhe zwischen Weihnachten und Neujahr konnten viele Opel-Mitarbeiter in Bochum nutzen, um die Abfindungsangebote ihres Unternehmens mit Angehörigen zu besprechen. 200 000 € und mehr werden langjährigen Mitarbeitern in Aussicht gestellt, wenn sie freiwillig das Werk verlassen. Halten Opel und die Ex-Beschäftigten zudem noch die Kündigungsfristen ein, so signalisieren die Agenturen für Arbeit, dass sie auf Sperrfristen verzichten wollen, wenn der Opel-Mitarbeiter Arbeitslosengeld beantragt. Auch KarstadtQuelle lockt mit Abfindungen, die aber bescheidener als bei Opel ausfallen sollen.
Doch Abfindungen sind in der Hauptsache nur für die Beschäftigten interessant, die sich schon einer neuen Stelle sicher sind: Dann können sie – zum Teil steuerfrei – das Geld kassieren und nahtlos weiterverdienen. Mündet die Abfindung dagegen in Arbeitslosigkeit, so rechnet spätestens beim Bezug vom Arbeitslosengeld II (Alg II) die Agentur für Arbeit die verbliebene Abfindung als Vermögen gegen Leistungen an und streicht/kürzt das Alg II.
In den drei Opel-Werken in Rüsselsheim, Kaiserslautern und Bochum wird die Masse des Personalabbaus daher voraussichtlich über Transfergesellschaften abgewickelt. Die Voraussetzung, Arbeitnehmer an eine Transfergesellschaft zu überstellen, um die sofortige Arbeitslosigkeit zu vermeiden, ist bei Opel gegeben: Die Firma plant eine „Betriebsänderung“, also etwa die Stilllegung oder Einschränkung des Betriebes, eine grundlegende Änderung der Betriebsorganisation und die Entlassung eines erheblichen Teils der Belegschaft. Im Bochumer Opel-Werk sollen beispielsweise die Achsenproduktion und die Komponentenfertigung eingestellt werden, rund 4000 Mitarbeiter sind damit „übrig“.
Bevor Opel die nicht benötigten Mitarbeiter in die Transfergesellschaft überstellt, müssen in einem Profiling deren Vermittlungsaussichten festgestellt werden. Die Transfergesellschaft wird dann für längstens ein Jahr neuer Arbeitgeber. Kündigungsfristen brauchen beim Übergang in die Transfergesellschaft nicht eingehalten werden. Die Arbeitnehmer erhalten Kurzarbeitergeld, also etwa 63 % des bisherigen Nettoentgelts für Kinderlose bzw. 67 % für Beschäftigte mit Kind. Zum Kurzarbeitergeld zahlt der Arbeitgeber weitere Aufstockungsbeiträge – zumeist aus dem Geldtopf, aus dem sonst die Abfindungen fließen sowie aus den Mitteln, die frei werden, weil die Kündigungsfristen nicht eingehalten werden. Die Transfergesellschaft übernimmt Arbeitnehmer- und Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung auf der Basis von 80 % des bisherigen Bruttoentgelts. Letztlich muss der abgebende Betrieb – im beschriebenen Fall die Opel AG – diese Beträge refinanzieren.
Ziel der Transfergesellschaft ist es, den Arbeitnehmer in ein neues Arbeitsverhältnis zu vermitteln oder ihn, wenn das Profiling Vermittlungshemmnisse aufgedeckt hat, zuvor zu qualifizieren. Die Vermittlungsquoten liegen bei bis zu 60 %, wie es bei den Transferfirmen heißt. Belastbare statistische Erhebungen gibt es aber nicht. Kommt es zu keiner Vermittlung, kann im Anschluss an den Bezug von Kurzarbeitergeld (in der Transfergesellschaft) Arbeitslosengeld bezogen werden. Dieses wird auf der Basis des früheren Vollzeitentgelts berechnet – allerdings ohne Überstundenzuschläge. Die Arbeitslosigkeit wird für die Beschäftigten damit im schlechtesten Fall um ein Jahr hinausgezögert.
Bei Opel sollen die Transfergesellschaften noch im laufenden Monat die Arbeit aufnehmen: Mitarbeiter, die in diese Firmen überwechseln und keine neue Stelle bekommen, können sich damit Ende Januar 2005 arbeitslos melden. Damit würden für sie noch die bisherigen Fristen für den Bezug von Arbeitslosengeld gelten. Es würde maximal 32 Monate von den Agenturen für Arbeit überwiesen. Alle, die nach dem 1. 2. 06 arbeitslos werden, erhalten dagegen nur noch kürzer Arbeitslosengeld – üblicherweise nur für zwölf Monate. Anschließend gibt es das deutlich niedrigere Alg II.
Vor allem in den alten Montanregionen haben Transfer- oder – unter altem Namen – Beschäftigungsgesellschaften einen wahren Boom erlebt. Eine der größten ist die Petram Personaltransfer- & Arbeitsmarktagentur GmbH (Dortmund). Sie ist hervorgegangen aus dem früheren Stahlkonzern Hoesch AG (Dortmund), der massiv Personal abgebaut hat. Inzwischen hat Petram Niederlassungen in ganz Deutschland und schon für große Unternehmen wie die Deutsche Bahn AG und die Automobilfirmen BMW AG und VW AG Transfergesellschaften organisiert. MARTIN ROTHENBERG

 

Ein Beitrag von:

  • Martin Rothenberg

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