Management

Offene Märkte waren immer schon bedroht  

von der öffentlichen in private Hände, von Einkommensbeziehern zu Unternehmen und Aktionären. VDI nachrichten, Berlin, 20. 3. 09, has

Globalisierung ist als Begriff erst seit 15 Jahren in der öffentlichen Debatte – und schon mehren sich die Stimmen, die sie wieder verabschieden möchten. Bedeutet die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise das Ende der Globalisierung? Der Wirtschaftswissenschaftler Dani Rodrik, der seit Jahren die Mechanismen des internationalen Freihandels kritisiert, sieht sich nun in seiner Skepsis bestätigt.

Und in der Tat mehren sich die Indizien, dass die von der Krise betroffenen Staaten immer häufiger auf nationale Alleingänge statt auf internationale Kooperation setzen.

Alles nichts Neues, meint der Wirtschaftshistoriker Harold James. Bereits 2001, nach den Terrorangriffen auf die USA, sei das Ende der Globalisierung ausgerufen worden, bemerkt der Professor, der an der Princeton University lehrt. In einem Vortrag vor der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften unterzog er die Frage nach einem möglichen Ende der Globalisierung einer historischen Analyse.

Globalisierung, so seine zentrale These, mag als Begriff noch relativ neu sein. Der Prozess, den er beschreibt, reicht indes Jahrhunderte zurück. Und das gilt auch für die Krisen, die diesen Prozess begleiten. „Diese Krisen sind schon immer die Folge von globalen Ungleichgewichten gewesen“, erklärt James. Ungleichgewichten, wie wir sie heute etwa bei Verschuldung, Sparquote und Leistungsbilanz zwischen Ländern wie den USA und China erleben. Deshalb sei die Globalisierung – die fortschreitende Öffnung der Märkte für den Handel mit anderen Ländern – immer davon bedroht gewesen, zurückgeschraubt zu werden.

Dass der Finanzsektor Ausgangspunkt der gegenwärtigen Krise ist, ist der entscheidende Unterschied zu den früheren. „Was wir jetzt erleben, ist das Ende der Globalisierung, die durch die massive Ausweitung der Kapitalströme angeheizt wurde“, sagt James. „Das hohe Innovationstempo der letzten Jahre in diesem Bereich hat zwar zu einer Ausweitung des Wohlstands geführt, doch es gab dabei mehr Innovationen, als wir bewältigen konnten.“ Zu diesen von James kritisierten „Innovationen“ zählen jene immer komplexeren Anlagepakete, die in den Banken aus Verbriefungen und Kreditversicherungen geschnürt wurden. Dass diese Anlageprodukte sich schließlich um ein Vielfaches von dem Wert, der den Verbriefungen zugrunde lag, entfernt haben, ist im vergangenen Spätsommer ein Auslöser für die Finanzkrise gewesen.

Die Schuld daran kann aber nicht allein den Banken angelastet werden. Was Harold James als „massive Ausweitung der Kapitalströme“ umschreibt, ist das Resultat einer über zwei Jahrzehnte verlaufenden Entwicklung – eine Umverteilung der Mittel: von den öffentlichen in private Hände, von Einkommensbeziehern zu Unternehmen und Aktionären. Die Folge ist, dass immer mehr Kapital auf den Finanzmärkten nach immer neuen Anlageformen suchte. Immer höhere Renditeforderungen und -versprechungen waren dann der letzte Bestandteil jener brisanten Mixtur, die schließlich in die Krise führte.

Wie in früheren Fällen, könnte sich aber auch diesmal die Krise als Antriebskraft für einen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel erweisen. So habe die Krise 1848 in Europa und den USA den Übergang von einer agrarisch geprägten zu einer industrialisierten Wirtschaft beschleunigt, die ihrerseits 1929 ihren ersten großen Dämpfer erhielt. Mit dem Zusammenbruch der industriellen Produktion in den 1930er Jahren habe sich ein früher Dienstleistungssektor herausgebildet. Überkommene Branchen würden in solchen Übergangsphasen aber nicht völlig verschwinden, sondern deutliche Effizienzfortschritte erzielen. „Die USA sind trotz einer weitreichenden Deindustrialisierung noch immer der weltweit größte Produzent“, argumentiert er.

Die dominierende Branche der vergangenen 20 Jahre war laut James das äußerst dynamische Finanzsystem, das immer neue Produkte, aber auch eine ständig wachsende Komplexität hervorbrachte. Dieses äußerst komplexe System sei nun beim ersten Einbruch gescheitert. Die politischen Versuche, die Finanzmärkte durch eine stärkere Regulierung wieder in den Griff zu bekommen, glichen den Schritten, mit denen die Politik auf die Krise nach 1929 reagierte. Damals habe die US-Regierung die Bildung von Kartellen und Unternehmensfusionen staatlich in die Wege geleitet und die Unternehmen unter Aufsicht gestellt.

Welche Perspektive sieht James für die abgewürgte globale Wirtschaft? Erneut zieht er einen Vergleich mit der großen Depression von 1929. Auch damals seien Nationalstaaten mit individuellen Lösungsversuchen gescheitert. Einzig die USA hätten das Potenzial gehabt, durch ein internationales Eingreifen die Weltwirtschaft zu stabilisieren – was sie nicht getan haben.

In der gegenwärtigen Krise sieht James einzig China in der Lage, eine Führungsrolle im Kampf gegen die globale Wirtschaftskrise zu übernehmen. „Die Staatsfonds aus China, Südkorea und Singapur versorgen sei Jahren die USA und Europa mit frischem Kapital“, sagt er, „und sie unterliegen auch nicht einem Risiko durch die Subprime-Kredite.“ So stand der chinesische Fonds CIC in Verhandlungen über eine Übernahme der angeschlagenen Investmentbank Lehman Brothers, entschied sich angesichts der Risiken aber für einen Rückzug. Harold James sieht in diesem Schritt nicht weniger als einen „historischen Wendepunkt“. Wäre die Lehman-Pleite abgewendet worden, hätte die Krise einen anderen, weniger tiefgreifenden Verlauf nehmen können.

Dennoch erwartet James eine spürbare Umwälzung der geopolitischen Verhältnisse. Asien sei das wirtschaftliche und politische Machtzentrum der Zukunft – was auch anderen Regionen Wachstumschancen biete, wenn diese weniger ängstlich agieren würden. „Es kann aber auch sein, dass wir uns selbst von der Möglichkeit einer neuen Dynamik abschotten“, fürchtet er.

Andererseits werden die Staatsfonds aus China, Südkorea oder den Emiraten am Golf nach Ende der Krise stärker dastehen als jemals zuvor. Den Kursverfall an den Aktienmärkten haben sie genutzt, um riesige Pakete zu Spottpreisen zu erwerben. Wenn diese Werte wieder zulegen, wird die neue Machtkonstellation erst wirklich in ihren ganzen Umrissen erkennbar werden. Doch auch viele Privatinvestoren dürften längst die vielbeschworenen „Chancen der Krise“ ergriffen haben, während sich die Staaten und unzählige Arbeitnehmer auf Jahre oder Jahrzehnte verschuldet haben.

Ob die Globalisierungswelle allerdings nun zurückschwappt oder die Länder am offenen Handel festhalten, ist für James noch nicht endgültig ausgemacht. Für den Fall, dass die Länder sich für den nationalen Weg entscheiden, sieht James aber große Konflikte auf die Menschheit zukommen. Dafür Beispiele in der Geschichte zu finden, ist in der Tat nicht schwierig. Am Ende des Krisenjahrzehnts im Anschluss an den Börsencrash 1929 stand der Zweite Weltkrieg. JOHANNES WENDLAND

Von Johannes Wendland

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