Personalmanagement

Nur gesunde Mitarbeiter können länger arbeiten  

VDI nachrichten, Frankfurt, 5. 4. 07, Fr – Die demografische und politische Entwicklung fordert die Arbeitsmedizin heraus. Denn die Deutschen werden nicht nur immer älter, sie sollen künftig auch länger arbeiten. Das Zauberwort heißt Prävention, mit der Firmen und Betriebsärzte ihre Mitarbeiter fit und arbeitsfähig halten wollen.

Die Arbeitsmedizin hat einen ganz entscheidenden Zugang zu 39 Mio. Erwerbstätigen, die potenziell chronisch krank werden“, meint Thomas Kraus, Leiter des Instituts für Arbeits- und Umweltmedizin in Aachen. Denn ältere Arbeitnehmer, so der Experte auf der Jahrestagung der Arbeits- und Umweltmediziner in Mainz, werden nicht häufiger, sondern länger krank. Hohe Ausfallzeiten bis hin zu Arbeitsunfähigkeit und Frühverrentung sind die Folgen, die die Firmen auch finanziell verkraften müssen.

Dabei ist nach Überzeugung von Kraus das so genannte Defizitmodell überholt. Zwar lasse die körperliche Leistungsfähigkeit mit dem Alter nach, nicht aber die Fähigkeit, zielorientiert zu handeln oder kreativ und kommunikationsfähig zu sein. Das betriebsspezifische Wissen, Erfahrung und Qualitätsbewusstsein nähmen sogar zu. „Viele Leistungsminderungen sind kompensierbar“, ist Kraus überzeugt.

So lehnt der Aachener Professor „Schonarbeitsplätze“ für ältere Arbeitnehmer ab und spricht sich für eine Präventionsstrategie aus, die möglichst schon in der Ausbildung beginnen soll. Im Vordergrund stehen dabei vor allem chronische Erkrankungen des Bewegungsapparats und des Herz-Kreislauf-Systems, die nach den Worten von Joachim Stork, Leiter des Gesundheitswesens beim Automobilhersteller Audi, zu den Hauptursachen für lange Ausfallzeiten im Alter zählen.

Individuelle Lösungen unter Einbeziehung der Arbeitnehmer sind gefragt. Die allerdings „gibt es nicht zum Nulltarif“, warnt der Hauptgeschäftsführer des Hauptverbandes der gewerblichen Berufsgenossenschaften, Joachim Breuer. Gesundheitsmanagement bedeute „permanentes Investment“, das sich am Ende aber lohne. Jeder in die Prävention von Krankheiten gesteckte Euro bringe den Unternehmen 4 € Gewinn, sagt Breuer. Weil also Anwesenheit und Gesundheit eines Mitarbeiters im Zeitalter der Globalisierung zu den Produktivitätsfaktoren zählen, gibt es etwa bei Audi seit 2003 nicht nur ein innerbetriebliches Benchmarking des Anwesenheitsstandes, sondern auch festgesteckte Präventionsziele von der Begrenzung von Arbeits- und Wegeunfällen über individuelle Risiken wie Rauchen bis hin zur Erhöhung der Arbeitszufriedenheit.

Auch das Pharmaunternehmen Boehringer ist überzeugt, dass sich Prävention bezahlt macht. „Fit im Leben – fit im Job“ heißt die Gesundheitsoffensive am Standort Ingelheim. Hier kann jeder Mitarbeiter über 40, also rund 47 % der Belegschaft, an einer Check-up-Untersuchung teilnehmen. An einem ersten Testlauf nahmen nach Angaben von Werksarzt Michael Schneider im vergangenen Jahr von 1000 angesprochenen Probanden 734 Personen im Alter von 42 bis 61 Jahren teil. Der Gesundheitscheck umfasst die Ermittlung von Laborwerten wie den Cholesterinspiegel, Ultraschallaufnahmen von Organen und Gefäßen sowie ergometrische Untersuchungen.

Nach zehn Wochen schließt sich ein Beratungsgespräch an. Von den Probanden hatten 32 % einen zu hohen Blutdruck, 46 % Defizite in der körperlichen Leistungsfähigkeit und 12 % waren stark übergewichtig. Vor diesem Hintergrund bilden die Bereiche Ernährung und Fitness nun wesentliche Schwerpunkte im Präventionsprogramm – offenbar ein Erfolg versprechender Ansatz. So achten 64 % der untersuchten Mitarbeiter jetzt stärker auf eine bessere Ernährung und 57 % tun mehr für ihre Fitness. Die Vorsorgestrategie, für die das Unternehmen nach Schneiders Angaben in kompletter Eigenfinanzierung 1200 € pro Untersuchung in die Hand nimmt, halten 92 % der Untersuchten für „uneingeschränkt sinnvoll“.

„Wir können eine Menge tun, um unsere Mitarbeiter fit zu halten“, erklärt auch der Personalchef von Phoenix Contact, Bernd Richter. Gesundheitsmanagement bedeutet für ihn auch Motivation und Unterstützung des allgemeinen Wohlbefindens. Deswegen können die Mitarbeiter des mittelständischen Betriebs aus Ost-Westfalen, der auf Verbindungs- und Automatisierungstechniken spezialisiert ist, seit 2003 im Gesundheitszentrum „Actiwell“ Gesundheitsdienste des nahe gelegenen Staatsbades Pyrmont in Anspruch nehmen. Zum Angebot gehören unter anderem Programme für das Herz-Kreislauf-System und den Bewegungsapparat, Entspannungs- und Nichtraucherkurse. Dem Training geht ein Gesundheitscheck und ein Beratungsgespräch voran. 40 % der Kosten übernehmen die Krankenkassen, 40 % das Unternehmen selbst, 20 % müssen die Mitarbeiter selbst beisteuern.

Ob sich das Engagement lohnt, will Phoenix Contact mit einer Kosten-Nutzen-Analyse ermitteln. Laufende Betreiberkosten und Zuschüsse für die Mitarbeiter werden mit der Stabilisierung der Arbeitsunfähigkeitszeiten und der Erhöhung der Produktivität verglichen. Untersuchungen ein halbes Jahr vor und nach dem Trainingsprogramm ergaben laut Projektleiter Ralf Ohlendorf schon jetzt „messbar“ erfolgreiche Maßnahmen etwa für das Herz-Kreislauf-System und den Bewegungsapparat. Der Professor und Facharzt für Arbeitsmedizin ist überzeugt, dass das Präventionsprogramm die mit dem Alter zu erwartende Steigerung der Arbeitsunfähigkeitsquote um Jahre nach hinten verschieben wird. „Es lohnt sich für alle Beteiligten.“ JUTTA WITTE

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