Management

New Economy hat Spuren hinterlassen

Die Stars der New Economy mussten teilweise hohes Lehrgeld bezahlen. Doch Trude Herr wusste es ja schon: Niemals geht man so ganz. Und ein bisschen New Economy ist (fast) überall drin in den Unternehmen, egal wie alt diese sind.

Ungläubiges Staunen: „Mensch, der hat „ne Meise!“ Nicht alle Kollegen verstanden Magnus Graf Lambsdorff damals. Wie kann der nur seine sichere Stellung aufgeben, wenige Monate vor der lukrativen Beförderung zum Partner? Der reine Wahnsinn! Doch Lambsdorff wagte den Schritt: Am 1. Februar 2000 kündigt der Headhunter seinen Posten bei der altehrwürdigen Personalberatung Egon Zehnder und steigt beim Start-up Tallyman ein. Flugtickets übers Internet verkaufen, so lautet der Businessplan der Studententruppe. „Wir haben völlig geglüht“, begeistert sich der 41-Jährige noch heute.
Kurz darauf sollte der Umsteiger traurige Berühmtheit erlangen. Denn Lambsdorffs Gastspiel in der wilden Wirtschaft sollte nur kurz sein: Nach zehn Monaten war alles vorbei. Tallyman wird abgewickelt und Lambsdorff kehrt auf seinen alten Posten bei Zehnder zurück. Damit war der Politikerneffe Deutschlands erster so genannter Bumerang, ein Rückkehrer von der neuen in die alte Wirtschaft. Sein persönliches Fazit der New Economy hat Lambsdorff schon gezogen: „Unter gleichen Bedingungen würde ich mich wieder so entscheiden.“ Wie aber steht es mit dem Gesamterbe der Internetjahre? War wirklich nur alles Hype? Sind die Träume der jungen Wilden gecrasht, zusammen mit den Kursen an der Börse? Es ist höchste Zeit für eine Bilanz.
Stichwort Internet: Das Web hat sich längst seinen Platz in der Wirtschaftswelt erkämpft. „Ich war überrascht, wie positiv viele Unternehmen das Netz heute bewerten“, sagt Bernd Wirtz, Professor für Betriebswirtschaft an der Universität Witten/Herdecke. In einer Studie hat er den digitalen Status der Nation erfasst. Erstaunliches Ergebnis: 30,2 % aller Unternehmen hierzulande glauben, dass das Internet in Zukunft eine hohe Bedeutung für ihre Geschäftstätigkeit hat. Zum Vergleich: Selbst im Boomjahr 1999 lag dieser Wert nur bei 7,8 %. Ohne Web geht in der Deutschland AG in Zukunft nichts mehr.
Stichwort Kickertisch: Zugegeben, mit den Schmankerl am Arbeitsplatz haben die Cyberserker damals ein bisschen übertrieben. Kickroller-Rennen, Massagen vorm PC, Arbeitskleidung T-Shirt – diese bunte Arbeitswelt ist mit Start-ups zusammen untergegangen. Was bleibt, sind Relikte: In vielen Unternehmen gibt es die zwanglose Freizeitkleidung am Freitag noch, hier und da auch kostenloses Obst. Aber die Idee war richtig: „Nur wenn die Umgebung stimmt, sind Wissensarbeiter produktiv“, warnt der US-Berater Paul Glen, ausgewiesener Experte für die Führung der Generation @, „und nur, wenn die Computerkids von gestern mitspielen, kann ein Unternehmen in Zukunft überleben.“ Das hatte die junge Garde viel früher als die alte Wirtschaft verstanden. Und die New Economy-Manager reagierten: Sie machten es zu ihrer Hauptaufgabe, Mitarbeiter zu finden, zu binden – und zu halten. Damit hat die New Economy die Blaupause für die Personalpolitik der Zukunft geliefert.
Stichwort roter Teppich: Sechsstelliges Einstiegsgehalt, Designer-Schreibtischlampe, Playstation in der Pause – im Fordern waren die jungen Jobeinsteiger anno boom ganz groß. Dank Fachkräftemangel konnten sie es sich leisten. Und der kommt spätestens 2005 wieder, warnen Experten. Die UN hat ausgerechnet, dass die deutsche Wirtschaft jedes Jahr rund eine halbe Million Einwanderer braucht. Doch die kommen nicht. Und so können sich Arbeitgeber hierzulande schon mal auf Dauer-New-Economy einstellen: Keine Antwort auf Stellenanzeigen und freche Bewerber, die Megagehälter und ein gutes Arbeitsklima verlangen.
Stichwort Pink Slip: Abgewrackte Ex-Gründer, die ihren Dotkummer beim letzten Caipirinha runterspülen, trifft man höchstens in einschlägigen Frustforen. Von Pink Slips (Entlassungsschreiben) redet niemand mehr. Die Gekündigten der New Economy haben längst ihren Gang durch die Institutionen angetreten. Sie digitalisieren den Mittelstand oder leiten Internetprojekte bei Großkonzernen. Hier sind die so genannten Comebacker gerne gesehen. „Sie denken unternehmerischer, handeln aktiver in Hinblick auf neue Geschäfte“, lobt Hermann Simon, Chairman der Bonner Unternehmensberatung Simon-Kucher & Partners. Er weiß, wovon er spricht: Zu Boomzeiten hatten einige Berater den Verlockungen der Wildwirtschaft folgend seinem Haus den Rücken gekehrt. Nach dem Crash nahm Simon die Rückkehrer wieder auf – und setzte sie teilweise sogar in führenden Positionen ein.
Das Fazit muss also, frei nach Mark Twain, lauten: Die Nachricht vom Tod der New Economy ist stark übertrieben. Die Auswüchse der Hypezeit wurden zurückgestutzt, doch der Einfluss bleibt. Rückkehrer Lambsdorff meint ihn schon zu spüren: „Schauen Sie sich die Führungsetagen der großen Unternehmen an: Da sitzen viele, die mit der New Economy zu tun hatten.“ Er glaubt, typische Start-up-Werte wie der freie Fluss von Information und flache Hierarchien seien auf dem Vormarsch.
Auch Stephan A. Jansen, Präsident der Zeppelin University am Bodensee, glaubt, dass die New Economy nachwirkt: „Die Idee, dass man an Hierarchien vorbei Erfolg haben kann, ist in der Generation von 30 bis 40 als Virus angelegt.“ Auch wenn viele Angestellte und Studenten derzeit aus Angst eher klassische Karrierewege einschlügen. Auf lange Sicht hält Jansen, selbst Gründer eines überlebenden Start-ups, die Innovationskultur der jungen Wilden für überlebenswichtig: „Wer was Neues in die Welt bringen will, muss so arbeiten.“ CONSTANTIN GILLIES

Von Constantin Gillies

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