Personalmanagement

Nachdenken auf der gefrorenen Wolke

Nicht nur der technische Fortschritt verändert mit neuen Informationstechniken das Leben im Büro. Immer wichtiger werden die so genannten „Soft Facts“, die „Wohlfühlfaktoren“, am Arbeitsplatz. Selbst in sparsamen Zeiten ein Thema für Firmen – und für die Vordenker vom Fraunhofer Office Innovation Center.

Das orangefarbene Ding mitten im Raum zieht alle Blicke auf sich. „Frozen Cloud“, gefrorene Wolke, haben es die Mitarbeiter des Office Innovation Centers (OIC) in Stuttgart getauft. Das OIC ist Informations- und Demonstrationszentrum für die kreativen Büro-ideen aus fünf Fraunhofer-Instituten vorneweg zu nennen ist das Stuttgarter Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation, IAO. Aber was hat es mit der gefrorenen Wolke auf sich?
„Wir gestalten hier Zonen, die die Kreativität fördern sollen“, erläutert Simone Kubach, Architektin am OIC. Dazu gehört z.?B. eine Projektionswand, an der mit Techniken der Virtuellen Realität (VR) eine Bahnhofshalle dreidimensional ausgestattet werden kann. Damit man, wie in der Autoindustrie üblich, Modelle gleich mit den Händen formen kann, sollte eigentlich eine große knetbare Masse die VR-Wand ergänzen.
Heraus kam stattdessen eine orange Sitzlandschaft aus Schaumstoff, die mit Nischen und Polstern zum Lagern, Lehnen und Lümmeln einlädt.
Wie Alexander Rieck, ein Kollege von Simone Kubach, beobachtet hat, bricht die Wolke mit Hierarchien. „Wenn eine Gruppe Banker um einen Tisch sitzt, nicken alle, wenn der Chef nickt“, spottet Rieck. Lümmelt die Gruppe dagegen auf der Wolke, trauen sich auch untere Dienstgrade, den Mund aufzumachen.
Es gibt noch andere schöne Dinge im Office Innovation Center, die man in einem gewöhnlichen Büro nicht findet: eine begehbare Glasplatte, die aus dem Boden hochgefahren werden kann und dann als Tisch dient, einen kuscheligen Rückzugsraum („Kokon“) mit stoffbespannten Wänden und individuell einstellbarem Licht- und Klangprogramm eine Klimaanlage, die auch Düfte verbreitet, soll hinzukommen. „Wir wollen die Sinne anregen, denn das Gehirn ist an die Sensorik des Menschen gekoppelt“, so Kubach. Hirnforscher haben mitgeplant.
Es ist eine großzügige, schicke und ein wenig schrille Bürowelt, in der die Stuttgarter arbeiten. Rund 20 Personen, meist junge Wissenschaftler aus verschiedenen Fachgebieten – Spezialisten für Informatik, Organisationslehre, Design und Betriebspsychologie darunter – verteilen sich auf rund 1000 m2 Fläche. Wände und Türen mit hohem Glasanteil lassen den Raum fast durchsichtig erscheinen.
Rund 160 Sponsoren-Firmen haben Bodenbeläge, Lampen, Möbel, Notebooks und jede Menge technisches Spielzeug beigesteuert: Prototypen aus den Entwicklungslabors, die hier getestet werden. Das OIC zieht auch zahlreiche Besucher – vom interessierten Mittelständler bis zur neugierigen Schulklasse – an. „Wir erforschen, erproben und leben das Büro der Zukunft“, sagt Isabella Jesemann, die junge Geschäftsführerin.
Fast schon selbstverständlich ist in dieser futuristischen Bürowelt das „non-territoriale Arbeiten“. Also schieben Jesemann, Kubach, Rieck und Kollegen ihre Akten in Rollcontainern durch die Gänge und suchen sich je nach Konzentrationsbedürfnis einen Platz im Einzel- oder Gruppenbüro, im Videokonferenzraum oder gleich an der Bar, wo laut Jesemann „sowieso die tollsten Gespräche geführt werden“.
Was hier so spielerisch wirkt, wird draußen in der rauen Wirklichkeit allmählich Standard. Praxisbeispiel: Die Allianz Versicherungs-AG in Reutlingen. Enge, alte Büros auf zwei Etagen verteilt, neue Kollegen und eine „unsichtbare Mauer“ zwischen Außen- und Innendienst erforderten Veränderungen.
Den Problemwust hat man mit Hilfe der Fraunhofer-Berater auf unkonventionelle Weise gelöst, erklärte Filialdirektor Uwe Rodestock kürzlich auf einem Workshop im OIC: Ein Stockwerk wurde aufgegeben, auf der verbleibenden Etage konnten Flächen zugemietet werden. Der Außendienst, sowieso selten im Büro, bekam mobile Arbeitsplätze. Für vertrauliche Telefonate wurden kleine „Denkerzellen“ eingerichtet.
Insgesamt stehen jetzt für 45 Allianz-Außendienstler nur noch 23 Tische zur Verfügung, die nach Benutzung peinlich sauber aufgeräumt werden müssen: Kein Formular darf liegen, keine Kaffeetasse stehen bleiben. Der Gerechtigkeit halber hat der Filialleiter den zehn Innendienstlern, die ihre stationären Schreibtische behalten durften, die gleiche „clean desk policy“ verordnet. „So viel Disziplin muss sein.“ Der Vergleich mit einer anderen Filiale zeigt, dass in Reutlingen trotz hoher Umbaukosten Geld gespart wird. Die Miete fällt viel geringer aus.
Über schwäbische Strenge und Sparsamkeit schüttelte Michael Mohrlang von BMW in München nur den Kopf. Denn beim bayerischen Autobauer geht man menschenfreundlicher an das Thema „neues Büro“ heran. Mohrlang, gelernter Maschinenbauer, heute verantwortlich für Ergonomie, hatte aus Befragungen erfahren, dass vor allem das Raumklima Anlass zu Beschwerden bot: Mal war es zu heiß, mal zu kalt, mal zog es, mal roch es schlecht, und fast immer war die Luft zu trocken.
Die Lösung fand der BMW-Mann mit Hilfe des Tübinger Architekten Dieter Schempp: Pflanzen mussten ins Büro. Viele Pflanzen. Einen ganzen Urwald hat der auf grüne Solar-architektur spezialisierte Architekt um die Schreibtische eines stinknormalen Großraumbüros herumgepflanzt. Inzwischen ist das Grünzeug gewachsen und die Mitarbeiter sind, wie Mohrlang berichtet, „schon heftig am Beschneiden“.
Doch das nehmen sie gern in Kauf. Denn wie neue Umfragen zeigen, sind die Mitarbeiter im „grünen Büro“ jetzt viel zufriedener. Objektive Messungen haben gezeigt, dass im Pflanzenbüro die Konzentration schädlicher Gase gesunken, die Keimbelastung zurückgegangen, ja sogar der Lärmpegel gedämpft worden ist dafür ist die Luftfeuchtigkeit auf angenehme Weise gestiegen. Und die Kosten? Wie Schempp in Stuttgart vorrechnete, hat BMW rund 600 € pro Arbeitsplatz in die Begrünung investiert. Die laufenden Kosten für Wasser und Pflanzenbetreuung hat dort noch keiner ausgerechnet – man ist ja nicht im Schwabenland.
Trends ganz anderer Art hat Birger P. Priddat ausgemacht. Der Inhaber des Lehrstuhls für Volkswirtschaft und Philosophie an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Uni Witten/Herdecke hat z.?B. in US-Firmen beobachtet, dass der Trend zur Teleheimarbeit zurückgeht. „Viele Arbeitnehmer wollen weg von zu Hause, sie haben Sehnsucht nach dem Klatsch im Büro.“
Die klassische Sekretärin sterbe aus, indem sich ihre Rollen aufspalten: Die Verwaltungsaufgaben übernimmt ein Pool von Assistenten Organisationsarbeiten junge Hochschulabsolventen, ein externer Coach ersetzt die Vorzimmerdame als Beraterin des Chefs. Insgesamt gesehen aber wird es weiblicher in den Unternehmen: „Die Frauen kommen. Sie werden als Intelligenzressource gebraucht.“ Und so müssen sich in einem Land, in dem es wenig öffentliche Kinderbetreuung gibt, Personalchefs Gedanken über betriebliche Lösungen für Mütter machen.
Auch auf unterschiedliche Altersgruppen stelle man sich in den US-Firmen ein, berichtete Priddat, „während hier in Deutschland ein fast verantwortungsloser Umgang mit älteren Mitarbeitern herrscht“. In den Büros richtet man Zonen für unterschiedliche Arbeitsgeschwindigkeiten ein, damit die Mitarbeiter, „die erst einmal etwas nachdenken“, nicht durch notorische Hektiker gestört werden.
Wohl dem, der zum Nachdenken einen Kokon hat. Oder eine orange Wolke.

Office 21
Mit einem Projekt für die Expo 2000 fing alles an: Wissenschaftler des Stuttgarter Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) gründeten ein Verbundforschungsnetz, um die Büroarbeit des 21. Jahrhunderts vorauszuahnen, und entwickelten Szenarien. In die Tat umgesetzt wurden sie ab 1999 im Office Innovation Center (OIC) in Stuttgart. Nur in einem habe man sich geirrt, sagt Isabella Jesemann vom OIC heute: „Die Zeitschiene stimmte nicht. Es ging alles schneller.“ Vieles, was für 2010 vorausgesagt worden war, sei heute bereits Realität. jr

 

Ein Beitrag von:

  • Judith Rauch

Stellenangebote im Bereich Technische Leitung

MTU Friedrichshafen GmbH-Firmenlogo
MTU Friedrichshafen GmbH Leiter (m/w/d) Montage mittlere Motoren Friedrichshafen
Evonik Operations GmbH-Firmenlogo
Evonik Operations GmbH EMSR-Projektingenieur (m/w/d) in der Planung Marl
VEKA AG-Firmenlogo
VEKA AG Leiter (m/w/d) Konstruktion Werkzeugbau Sendenhorst
PASS GmbH & Co. KG-Firmenlogo
PASS GmbH & Co. KG Stellvertretender Leiter Qualitätswesen (m/w/d) Schwelm
HLB Hessenbahn GmbH-Firmenlogo
HLB Hessenbahn GmbH Leiter Materialwirtschaft (w/m/d) Butzbach
Marley Deutschland GmbH-Firmenlogo
Marley Deutschland GmbH Bereichsleiter Produktion und Logistik (m/w/d) Kunststoffindustrie Wunstorf
METZ CONNECT-Firmenlogo
METZ CONNECT Bereichsleiter Entwicklungszentrum (m/w/d) Elektrotechnik / Mechatronik Blumberg
Die Autobahn GmbH des Bundes-Firmenlogo
Die Autobahn GmbH des Bundes Ingenieur Elektro-/Nachrichtentechnik (w/m/d) als Teamleitung Betrieb Telekommunikations- und verkehrstechnische Anlagen Leverkusen
heiden associates-Firmenlogo
heiden associates Leiter Produktion und Logistik (m/w/d) – Innovative Technologien in der Kunststoffverarbeitung Zwickau
VAMED Deutschland-Firmenlogo
VAMED Deutschland Technischer Projektleiter (m/w/d) Bauprojekt im Gesundheitswesen bundesweit

Alle Technische Leitung Jobs

Top 5 Führung

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.