Personalmanagement

Mitarbeiter legen ihre Arbeitszeit selbst fest  

Flexible Arbeitszeitmodelle im Rahmen der Gruppenarbeit sind nach Auffassung der Personalprofis von Koenig & Bauer, Festo und Brose, das eigentliche Erfolgsgeheimnis ihrer Unternehmen. Voraussetzung für die angestrebte Flexibilität ist meist immer die Autonomie bei Arbeitszeit, Urlaub und Qualifikation.

Analoge Wanduhr, Zeiger stehen auf kurz vor zwölf

Ein Arbeitszeitkonto erhöht die Flexiblität auf beiden Seiten und lässt die Mitarbeiter Beruf und Familie einfacher miteinander vereinen.

Foto: panthermedia.net/stillfx

Arbeitszeit blockiert Tarifkompromiss“, titelten die Tageszeitungen vergangene Woche angesichts des Tarifstreits in der Druckindustrie. Lagen früher die Hoffnungen der Gewerkschaften auf der Beerdigung der 40-Stunden-Woche, soll sie nun schleunigst wieder zum Leben erweckt werden, so die aktuelle Forderung des Arbeitgeberlagers. Beim Blick auf Firmen mit erfolgreichen deutschen Produktionsstandorten können solche Schlagzeilen nur verwundern. Denn dort werden die Arbeitsstunden ihrer Mitarbeiter häufig schon gar nicht mehr gezählt. Die Antwort auf 35 oder 40 Stunden lautet bei ihnen: Flexibilität.

Flexible Arbeitszeitmodelle als Erfolgsgeheimnis

So beweist ausgerechnet die Koenig & Bauer AG (KBA), einer der größten Druckmaschinenhersteller weltweit, mit seinem Planeta-Bogenoffset-Werk in Radebeul bei Dresden, dass flexible Arbeitszeitmodelle im Rahmen der Gruppenarbeit das eigentliche Erfolgsgeheimnis sind. Dort werden seit 1995 über 1600 Mitarbeiter in 87 Gruppen beschäftigt und entlohnt. Voraussetzung für die angestrebte Flexibilität ist vor allem die Autonomie bei Arbeitszeit, Urlaub und Qualifikation. Die Gruppen entscheiden selbstständig, wer wo wie lange gebraucht wird. „Kommt es bei uns kurzfristig zu unvorhergesehenen Auftragsunterbrechungen, entscheiden die Gruppen darüber, Gruppenmitgliedern kurzfristig frei zu geben, um die wertvolle Arbeitszeit nicht zu verschwenden und so das Gruppenergebnis nicht zu gefährden“, so Personalbereichsleiter Josef Oppmann. Schließlich bestimmt die Einhaltung der Gruppenziele darüber, ob sich der Mitarbeiter zusätzlich zu seinem Lohn noch eine Leistungsprämie verdient hat.

Dazu passt, dass auch beim Thema „individuelle Leistungsbewertung“ die Vorgabe Flexibilität eine zentrale Rolle spielt und allein über 7 % der individuellen Leistungsprämie vom Tariflohn möglich macht. „Bei uns verdienen die Mitarbeiter inzwischen im Durchschnitt rund 200 Euro pro Monat nur an Gruppenprämie“, rechnet Oppmann vor, die sich durch eine Umsatzverdreifachung seit Einführung der Gruppenarbeit bezahlt gemacht hat. Selbst die Konstruktionsabteilung wird inzwischen an Terminzielen gemessen (Oppmann: „Ein Quantensprung!“).

Zeichnungen, Pläne und Fertigungsaufträge werden nun an ihrer pünktlichen Abgabe gemessen und im Erfolgsfall damit auch lohnwirksam. „Wir haben die Gruppenarbeit inzwischen so umfassend eingeführt wie kaum jemand in Deutschland und nehmen damit unseren Leuten die Ausreden.“ Probleme mit der Software, ein Kran an der falschen Stelle oder stotternde Teilelieferungen werden von den Mitarbeitern selbst gelöst, „anstatt sich wie früher nur über die da oben zu beschweren“, so Oppmann.

Auch Pneumatikspezialist Festo hat als weltweite Nr. 2 seiner Branche die starren Arbeitszeiten samt Stechuhr abgeschafft und flexible Arbeitszeiten eingeführt: Gleitzeit mit oder ohne Kernarbeitszeit, freiwillige Nachtschichtbesetzungen, variable Pausen und individuelle Schichtpläne, dazu Kurz- und Langzeitkonten, mit denen sich jeder Mitarbeiter an die Auftragslage anpassen und seine Arbeitszeit wie auf einem Girokonto überziehen oder anlegen kann.

„Mit Flexibilität zum Unternehmenserfolg“

„Wir hatten eine Mitarbeiterin, die sich damit ihren Traum, ein halbes Jahr lang Warane auf den Galapagosinseln zu studieren, erfüllen konnte, während ein anderer so viel Arbeitszeit angespart hatte, dass er bereits drei Jahre vor Beginn seiner Rente zu Hause bleiben konnte“, so Klaus Utfeld, Personalleiter am Festo-Standort St. Ingbert auf dem vor kurzem vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO in Berlin durchgeführten Kongress „Mit Flexibilität zum Unternehmenserfolg“ in Berlin.

Während bei Festo selbst die Maschinen danach ausgesucht werden, welches Modell die höchstmögliche Flexibilität erlaubt, und überraschend frei gewordene Mitarbeiter anderen Abteilungen kurzfristig per E-Mail angeboten werden, machen bei Automobilzulieferer Brose die Ideen für flexibleres Arbeiten auch vor der Büroeinrichtung nicht Halt. Während die Fachabteilungen dort früher in mehreren Gebäuden verstreut saßen, arbeiten sie nun projektbezogen in einem Raum. Möglich geworden ist das durch die Abschaffung der festen Schreibtische. Zwölf Mitarbeiter teilen sich zehn Arbeitsplätze, die meisten ihrer Unterlagen sind elektronisch abgelegt und von jedem Computer aus abrufbar, der Rest befindet sich in persönlichen Rollcontainern. Das Ergebnis: 20 % weniger Bürokosten, fast 40 eingesparte Planstellen und gestiegene Mitarbeitermotivation plus einem Krankenstand deutlich unterhalb des Branchendurchschnitts.

Auch bei KBA-Planeta bekommt man die Auswirkungen einer flexiblen Organisation deutlich zu spüren. „Früher mussten unsere Meister ihre Leute regelrecht beknien, damit jemand zur Samstagsarbeit erschien“, erinnert sich Josef Oppmann, „heute teilen sich die Mitarbeiter selbst ein, und zwar freiwillig“. Und noch immer ist er überrascht, wie effizient die Mitarbeiter arbeiten: „Unser langjähriges Problem mit offenen Forderungen wurde unlängst von einer abteilungsübergreifenden Arbeitsgruppe quasi im Alleingang gelöst, weil sie auf ganz neue Ideen kam.“

Mit solchen Beispielen kontert Oppmann auch alle kritischen Einwände, die hinter der softwaregesteuerten Pflege der für jeden zugänglichen Zielvereinbarungen mitsamt ihrer aktuellen Zwischenstände einen Kreativitätsblocker vermuten. „Diese Befürchtungen haben wir anfangs oft gehört, doch das Gegenteil ist der Fall.“ War es früher leicht, als Entwickler dem Vertrieb in sechs Monaten eine neu konstruierte Maschine zu versprechen, „führt die Transparenz heute dazu, dass jeder in der Firma Wort hält, auch beim Thema Kreativität“.

Wenn dieses Modell Schule macht, heißen die Schlagzeilen vielleicht schon bald: Flexible Arbeitszeit löst Tarifkompromiss.

Flexible deutsche Betriebe?

Sind deutsche Betriebe flexibel? Das ist uns sehr wichtig, heißt es in vielen Firmen. Aber: Es hapert bei der Umsetzung. So lautet das Fazit einer Expertenbefragung des Stuttgarter Fraunhofer-Instituts für Arbeitswissenschaft (IAO). Ein Beispiel: Das Thema „Wissen und Qualifikation“ gilt für die über 50 befragten Experten zwar als überaus zukunftsträchtig, doch kein anderer Bereich weist aktuell eine so große Diskrepanz zu fehlenden Maßnahmen in den Betrieben auf. Dabei könnten hier laut Studie Potenziale vor allem durch Wissensmanagement und systematische Personalentwicklung erschlossen werden.

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