Management 20.07.2007, 19:29 Uhr

Manager wagen Sozialarbeit auf Zeit  

Drei Ingenieure wechselten für eine Woche vom Chefsessel in eine JVA, in ein Hospiz und in eine Klinik für Alkoholkranke.

Haben Sie schon alle wichtigen Führungskräfte-Trainings hinter sich? Über glühende Kohle gelaufen? Am Bungee-Seil in eine Schlucht gestürzt? Tagelang durchs Unterholz der Taiga gerobbt – natürlich mit Netz und doppeltem Boden? Dann sollten Sie sich über „SeitenWechsel“ informieren, ein Persönlichkeitstraining der anderen Art, bei dem Sie sich realen Härten statt inszenierten Abenteuern stellen müssen. Wer die Seite wechselt, arbeitet eine Woche im Team mit Sozialarbeitern, Therapeuten, Vollzugsbeamten, übernimmt die Pflege sterbender Menschen, begleitet Wohnungslose zum Sozialamt oder Drogenabhängige in die Klinik. Es ist eine Reise durch den Dschungel „Wirklichkeit“, auf der vieles relativiert und die eigene Weltsicht erschüttert werden kann.

„Auch Mörder können weinen“, sinniert „SeitenWechsler“ Hermann Hattermann, 57, zwei Kinder, studierter Elektrotechniker, heute in leitender Position bei Rheinmetall Defence Electronics in Bremen. „Das hat mich umgetrieben, vielleicht mehr noch als die Berührungsnähe zu Mördern und Sexualverbrechern.“ Und Hattermann ist nicht der Typ, den so schnell etwas bewegt, wie allein schon seine energische Sprache verrät. Er hat eine Woche in der Vollzugsabteilung 23 der JVA Bremen gearbeitet. „Da erwischte mich hautnah die Mühsal eines Lebens in einer unterprivilegierten Welt.“ Hattermann holt tief Luft. „Zum Beispiel die Straßenbahnfahrt mit einem AIDS-kranken Junkie, den ich zur Drogenberatung bringen musste… das war eine existentielle Erfahrung, die schwer abzuschütteln ist“, gesteht er. „Ich hatte nicht nur Probleme, eine Fahrkarte zu ziehen, weil ich sonst nie Straßenbahn fahre, ich hatte heftig Angst, dass mir der Mann abhaut!“

Umso mehr beeindruckt Hattermann, was Vollzugsbeamte leisten, „in dieser eingesperrten, drangsalierten, extrem limitierten Welt“, in der auch die Betreuer ,gefangen“ sind. „Sie haben wenig Ansehen, wenig Unterstützung, sind schlecht bezahlt – und machen doch mit viel echter Motivation ihre Arbeit.“ Nichts in diesem Lebensraum ist wie im Film. „Die Menschen gehen sehr verbindlich miteinander um die Beamten nutzen ihre Stellung nicht aus, sie befehlen nicht, sondern bitten.“ Zu dieser ganz eigenen Kultur, die der beschränkten Lebenswelt Würde verleiht, gehört auch ein spezifischer Führungsstil. „Ganz anders als meine taktisch zwar richtige, aber doch direkte Art gehen die Beamten sehr behutsam und auf vielen Umwegen vor – und erreichen doch das Ziel.“

Sich selbst in dieser anderen Welt zu spiegeln, erlebt Hattermann als persönlichen Gewinn. „Da wird man demütig und dankbar“, resümiert er. „Demütig vor den Leistungen der Vollzugsbeamten und dankbar für unsere vergleichsweise phantastischen Arbeitsbedingungen. Vor allem dankbar dafür, im Elendssektor an den Rändern der Gesellschaft nur ,Gast“ zu sein.“ Hattermann wird ungewöhnlich leise, wenn er über Menschen im Gefängnis spricht, über deren Subkultur, Sprache, strenge Hierarchie, in der Kaltblütigkeit adelt und Kindesmissbrauch als schwere Schande gilt. Er weiß inzwischen, was ein „Kifi“ ist und kennt den „Drehtüreffekt“, der jeden Dritten trifft, weil er ewig wiederkommt. Verzweiflung inbegriffen.

Ein Seitenwechsel hinterlässt Spuren, sensibilisiert für Probleme, relativiert kleine Sorgen. Wie Hattermann fehlt auch Ralf Ressel seit seinem Seitenwechsel der Sinn für Larmoyanz. Ressel, 34, Luft- und Raumfahrtingenieur, verantwortlich für die Kabine der A400M bei Airbus in Bremen, Vater eines Kindes, arbeitete eine Woche im „Hospiz:Brücke“ in Bremen. Seit dieser Woche unterscheidet er pointierter, wo er Rücksicht nehmen muss und wo eher nicht.

„Und wie selbstverständlich kommen seitdem zwischen meinen Mitarbeitern und mir andere Themen hoch, was für mich sehr wertvoll ist“, erzählt er. Ein Entwicklungsingenieur beispielsweise redete das erste Mal über den Tod seiner Frau. „Wahrscheinlich hat mir die Woche jenes Plus an ,Seniorität“ gebracht, das ein Vorgesetzter einst bei mir noch vermisste“, lächelt Ressel.

Eigentlich wollte Ressel nicht zu sterbenskranken Menschen, gesteht er. „Dann überwand ich den inneren Widerstand.“ Und er ahnt, dass er damit die Angst vor dem Unbekannten, vor dem Tod als Kränkung und ultimativer Niederlage überwand. „Ich habe die Früh-, Spät- und Nachtschicht mitgemacht, das Frühstück zubereitet, die Patienten gefüttert, mit ihnen und ihren Angehörigen gesprochen, wenn sie mich ansprachen – und das Zimmer aufgeräumt, wenn jemand gestorben ist und der Leichenwagen weg war.“ Ressel lässt Erinnerungen zu.

„Ich hatte gehofft, dass an meinem ersten Arbeitstag keine Kerze brennt doch dann brannten gleich zwei.“ Zwei Kerzen in der Eingangshalle des Hospiz bedeuten zwei verstorbene Menschen, deren Namen in das Buch vor den Kerzen eingetragen ist. Ein einfaches, aber wichtiges Ritual. „Das Beeindruckendste aber war, wie ruhig und offen mit dem Sterben umgegangen wird und wie sich die Mitarbeiter auf die ,Normalität Tod“ einstellen.“ Das bedeutet, stets Zeit zu haben, wenn es für die Patienten wichtig ist.

„Das genaue Gegenteil meines getakteten Alltags“, analysiert Ressel. „Ich habe ein Erstgespräch im Krankenhaus mit der Tochter einer Patientin erlebt, ein verwirrendes und belastetes Gespräch, da es zwischen den beiden offenbar seit Jahren keinen Kontakt mehr gab.“ Ressel sucht nicht nach Schuld er sieht die desorientierte Tochter, die leidende Mutter. Und schließlich kommt auch die Entscheidung zu spät: Die Mutter stirbt, bevor sie ins Hospiz kommt. Eine Woche und viele Schicksalsschläge. Ein völlig apathischer Mann, der nicht sterben kann, ein angeregtes Gespräch mit einem Patienten, der nach drei Tagen stirbt. „Da richtet man seine Skala anders aus man weiß wieder, dass nicht nur Hochleistung – die eigene Skala – zählt.“

Eine Woche in jener Welt, für die sonst im Leben einer Führungskraft kein Platz ist. Das empfindet auch Lars Jensen als Bereicherung. „Ich habe Zuhause noch nie so viel über meine Erlebnisse bei der Arbeit geredet, wie in dieser Woche, was ich sehr genoss.“ Jensen, 44, drei Kinder, Centerleiter Infrastruktur bei der Bremen Straßenbahn AG, hat sein „Praktikum“ bei Alkoholkranken im Klinikum Bremen-Ost, Haus Delbrück, absolviert. Er hat erlebt, dass alkoholkranke Menschen „nicht abgestempelt, nicht aufgegeben, sondern therapiert“ werden. „Ich habe Menschen nach zwölf Wochen Therapie gesehen und welche, die gerade aufgenommen wurden dazwischen liegen Welten.“ Die Erfolgsgeschichten sprechen für sich.

„Ich habe ein besseres Sensorium für Alkoholprobleme entwickelt, was auch im Arbeitsalltag hilfreich ist“, berichtet Jensen. Und auch, dass man nicht an den Willen der Kranken appellieren kann. Denn Sucht ist die Gegenwelt zum Leben eines Chefs wie Jensen, in dem Selbstkontrolle die eigene Leitungsfunktion legitimiert.

Doch Jensen wechselte die Seite, um zu lernen und zuzuhören. Und er lernte, wie überzeugend die Offenheit von Patienten und Mitarbeitern ist. Oder, dass ganz andere Teamkonstellationen, wie etwa die flache Hierarchie, hier die beste Lösung bietet. „Bereichernd waren für mich insbesonders die vielen Gespräche mit den Mitarbeitern – ein intensiver Austausch zwischen Therapeuten und Techniker, zwischen zwei Lebenswelten – tatsächlich ein Austausch, der die Persönlichkeit fordert und fördert.“ Damit resümiert Lars Jensen, was „SeitenWechsel“ letztlich intendiert: Kommunikation statt Abschottung, Verständnis statt Vorurteile. RUTH KUNZ-BRUNNER

Ein Beitrag von:

  • Ruth Kunz-Brunner

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