Management

Management-Gurus sorgen für Durchblick

Von der Fusionswelle und den Hilferufen der Vorstände profitieren weltweit Management-Prediger, die sich ihre Denkansätze fürstlich honorieren lassen. Amerikaner setzen dabei die Maßstäbe.

Die Fusionswelle wird weitergehen und alles bisher Gekannte in den Schatten stellen. Wir befinden uns auf dem Kamm einer Welle, die immer noch anschwillt. Die zehn größten Fusionen aller Zeiten fanden alle in einem einzigen Jahr statt: 1998, in Amerika. Auch unterhalb der Mega-Ebene gibt es einige Bewegung: Die Weltwirtschaft erlebt zur Zeit Woche für Woche 200 Unternehmensfusionen, berichtet der Bonner Informationsdienst „Trendletter“ in seiner März-Ausgabe. In diesen neugeschaffenen Gebilden gibt es viel zu tun.
Das Kursfeuerwerk an der Börse kommt sofort, die guten Nachrichten für die Anteilseigner kommen noch zwei, drei Quartale nach der Fusion, und dann beginnt die eigentliche Arbeit. Das fusionierte Unternehmen muß neu ausgerichtet werden, eine gemeinsame Kultur braucht Zeit, sich zu etablieren, die Mitarbeiter suchen nach neuer Orientierung. Eine Branche kann sich besonders freuen, weil ihr in diesem Umfeld auf Jahre hinaus brillante Beschäftigungsmöglichkeiten winken: Die Management-Gurus. Die Unternehmen werden sie jetzt besonders brauchen, denn in diesen turbulenten Zeiten ist die Orientierung, die die Vordenker des Managements vermitteln, besonders wichtig. Für die Gurus wird es eine hohe Nachfrage nach Kongreßauftritten, Vorträgen vor Top-Managern und Beratungstagen geben, die mit fünfstelligen Tageshonoraren abgegolten werden. In US-Dollar, wohlgemerkt. Weiter gute Geschäfte wird zum Beispiel Edward de Bono haben. Er kann einem Kunden eine Gage von 50 000 Dollar am Tag in Rechnung stellen, und dennoch gibt es weltweit eine hohe Nachfrage nach de Bono. Der Mann, der Kreativitätsmanagement einfach macht und ein verblüffend simples Patentrezept für superkurze, aber wirksame Besprechungen entwickelt hat, ist mehr als 150 Tage im Jahr auf vier Kontinenten im Einsatz. Der 67jährige legt jedes Jahr 250 000 Meilen im Flugzeug zurück, eine Strecke, die viele Manager ihr ganzes Berufsleben nicht zusammenbringt.
Anthony Robbins ist ein Kollege von de Bono. Robbins kann für sich in Anspruch nehmen, der teuerste Management-Prediger der Welt zu sein. Für einen Tag verlangt er 125 000 Dollar, und er bekommt sie. Robbins vertritt das „Power Prinzip“, eine von ihm weiterentwickelte Form der neurolinguistischen Programmierung. Hier geht es darum, mit Hilfe einfacher Rezepte sein Leben besser zu organisieren, glücklicher und erfolgreicher zu werden.
Michael Porter wird sich wieder für den Guru-Betrieb zurückmelden. Der Professor an der Harvard Universität ist Spezialist für die einfachen Weisheiten zum Thema Unternehmensstrategie. Eine Zeit lang war er abgetaucht und hatte sich anderen, mehr weltwirtschaftlichen Themen gewidmet. Aber das Wirtschaftsmagazin „Fortune“ verkündete Anfang des Jahres sein Comeback als Strategie-Vordenker. Porter hatte bereits bis 1995 allein aus den Verwertungstantiemen von vier Büchern etwa 2 Mio. Dollar eingenommen. Andere sind ebenfalls gut im Geschäft.
Wie Michael Porter ist auch Tom Peters eine hochpreisige Marke unter den internationalen Management-Vordenkern. Mit einem Unterschied: Porter wird, wie viele seiner Kollegen, als Experte für ein Thema hochgehalten. Peters dagegen ist ein Ideenmulti, er produziert heute eine neue Idee, die er schon morgen wieder in den Reißwolf wirft, um sein Publikum wieder mit etwas Neuem zu beglücken. Zu Altpapier zerschnipselt ist schon seine Chaostheorie, noch aktuell ist gerade sein „Innovationskreis“, mit dem er auch auf dem deutschsprachigen Buchmarkt aufgetaucht ist. Für die Marke Tom Peters arbeiten in den USA ein paar Dutzend Menschen, die ihren großen Boß vermarkten und an den neuen Konzepten feilen.
Immer noch bewährt ist Peter Drucker. Der Management-Community bedeutet Drucker das, was Willy Millowitsch für das Kölner Volkstheater ist. Der Übervater. Drucker, mit 88 zwei Jahre jünger als Millowitsch, ist hochgeachtet, verfügt qua Alter über Erfahrung wie kein zweiter und ist immer noch rüstig genug, um sich am weltweiten Konferenzbetrieb zu beteiligen. Der gebürtige Österreicher beglückt regelmäßig die Auditorien auf dem Alten Kontinent, wenn er vom Englischen in seine frühere Muttersprache Deutsch überwechselt.
Vieles von dem, was die jüngeren unter den Management-Gurus heute verkünden, hat der brillante und intellektuell anregende Drucker schon vor vielen Jahren gesagt und geschrieben – aber heute wird häufig das gefragt, was als neu oder neu verpackt daherkommt. An diesem Wettlauf hat sich Drucker nie beteiligt, für ihn zählt der Inhalt. Der Urvater der Management-Lehre, der heute in Claremont/Kalifornien lebt, bemerkte zur Produktion der Jüngeren: Nach dem zweiten Weltkrieg hätten alle Managementbücher zusammen in ein bescheidenes Regal gepaßt. Heute ist das ganz anders, ein Regal reicht gerade einmal für die Zwölfmonatsproduktion der Wirtschaftsverlage.
Am meisten gefragt sind die Amerikaner, weltweit wie auch in Deutschland. Sie haben die meisten Engagements und erzielen die höchsten Honorare. Warum sind sie so gefragt? Die USA-Vordenker sind Meister der Vereinfachung, der Selbstvermarktung und des Präsentierens. Viele Europäer reichen nicht entfernt an das Talent und die fast schauspielerischen Fähigkeiten ihrer US-Kollegen heran. Zudem haben diese einen weiteren Vorteil: Die globale Management-Community spricht Englisch. Die Amerikaner können annähernd in jedes industrialisierte Land einfliegen und einen Vortrag in ihrer Muttersprache halten, ohne Übersetzer. Welcher Deutsche wäre so in Brasilien, Amerika und Australien gleichermaßen willkommen?
Freilich sind die Honorare für Deutsche auf ihrem Heimatmarkt inzwischen auch reichlich fünfstellig. Als gut, brillant und teuer gilt Hermann Simon, Bonner Unternehmensberater und früher Professor an der Universität Mainz. Simon ist schon über zehn Jahre im Geschäft, zeigt keine Zeichen von Abnutzung und darf als Evergreen in einer Szene gelten, die manch anderen schon ins Aus gestellt hat. Wer erinnert sich heute noch an Gerd Gerken?
Zu den Spitzenkräften gehört auch Gertrud Höhler. Sie ist, wie Simon, eine Aussteigerin aus einer Anstellung als Professor. Heute berät sie Unternehmen und tritt als Kongreßrednerin auf. Die Seiteneinsteigerin ist das generalistische Gewissen der deutschen Management-Community – wie keinem anderen gelingt es ihr, Gedanken aus Philosophie, Literatur und Geschichte mit aktuellen Fragen des Managements zu vernetzen.
Der Dauerbrenner unter den Management-Schreibern deutscher Sprache ist Reinhard Sprenger. Der Unternehmensberater und frühere Manager hat es geschafft, sich eine starke Fangemeinde aufzubauen. Seine Bücher, alle im Campus Verlag erschienen, halten sich dauerhaft auf den Bestseller-Listen. Er ist der einzige deutschsprachige Autor, der es immer wieder schafft, mehrere Bücher gleichzeitig hochzubringen.
AXEL GLOGER
Buchhinweis: Carol Kennedy, Management Gurus. 40 Vordenker und ihre Ideen. Gabler-Verlag,Wiesbaden 1998, 222 S., 68 DM
Mit voller Kraft in die Zukunft. Nur mit Unterstützung durch Management-Berater scheinen sich die Visionäre in den Unternehmen an die Globalisierung zu trauen.

Von Axel Gloger

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