Management

Macher der Globalisierung im Schußfeuer der Kritik

Zwar steckt die Globalisierung in einer ernsten Krise, aber zu stoppen ist die immer rasanter werdende weltweite ökonomische Vernetzung nicht mehr. Mehr und mehr nehmen Großunternehmen das Heft in die Hand. Internationalen Wirtschaftsorganisationen bleibt das Nachsehen.

Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. Überall muß sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen.“ Das, was Karl Marx – polemisch zugespitzt – beschrieb, firmiert 150 Jahre später als Globalisierung. Die Bourgeoisie, das sind in moderner Terminologie Unternehmen. Sie investieren und fusionieren weltweit, verkaufen ihre Produkte auf allen Kontinenten, heuern Arbeitskräfte rund um den Globus an, verbreiten Wissen und technischen Fortschritt. Auch die Konsumenten profitieren: Größere Auswahl an Waren, der internationale Wettbewerb senkt die Preise und Informationen über andere Länder und Kulturen werden schneller zugänglich.
Die Globalisierung ist heute die höchste Stufe des Kapitalismus – und in Verruf geraten. Der weltweite wirtschaftliche Abwärtstrend wird mit einer Krise der Globalisierung gleichgesetzt. Die Zahlen sind deutlich: Eine Milliarde Menschen suchen einen Job oder sind unterbeschäftigt, das Wachstum der globalen Wirtschaftsleistung halbiert sich von 4,1 % im Jahr 1997 auf 2 % in 1998. Auch die Wachstumskurve des Welthandels flacht ab: Nach einer Steigerung von 10 % in 1997 sind es 1998 nur noch 4 %. Einzig die Direktinvestitionen im Ausland werden 1998 das Rekordniveau von 440 Mrd. Dollar erreichen. Ein Jahr zuvor waren es 427 Mrd. Dollar.
Die Zahlen für die Werte von Firmenfusionen fallen noch gigantischer aus: Nach Angaben des Ökonomen Wulff Plinke von der Berliner Humboldt-Universität hat es in den „vergangenen 18 Monaten weltweit 140 angekündigte und durchgeführte Zusammenschlüsse mit einem Volumen von jeweils mindestens einer Mrd. Dollar und insgesamt 1,5 Bill. Dollar“ gegeben. Die Deutsche Bank schließt sich mit Bankers Trust zum größten Geldhaus der Welt zusammen, Exxon und Mobil wollen der größte Industriekonzern der Welt werden, Daimler rückt nach der Fusion mit Chrysler auf den dritten Platz der Automobilproduzenten auf.
Eigentlich sollten internationale Wirtschaftsorganisationen wie die Welthandelsorganisation (WTO), die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank Rahmenbedingungen für die Globalisierung schaffen. Doch sind sie der Dynamik der Globalisierung nicht mehr gewachsen. Selbst Propheten des weltumspannenden Kapitalismus wie dem Superspekulanten George Soros ist die Sache nicht mehr geheuer: „Wenn Leute wie ich ganze Währungen ruinieren können, stimmt das System nicht.“
Politiker, wie US-Präsident Bill Clinton oder Großbritanniens Premier Tony Blair, palavern über eine „Neue Architektur“ oder eine „Neue Weltordnung“ für die globale Wirtschaft und Finanzwelt. Und andere, wie Italiens Außenminister Lamberto Dini, der beim IWF Verantwortung trug, werden immerhin etwas konkreter: „Unsere Aufgabe ist es, die internationalen Organisationen zu stärken. Sie müssen in die Lage versetzt werden, die Aktionen der Regierungen zu koordinieren.“ Nur: Es tut sich nichts. Unterdessen entstehen schlagkräftige, vor Synergieeffekten strotzende Giganten in der Industrie und in der Finanzwelt.
Konzerne wie die Deutsche Bank/Bankers Trust, die eine fast dreimal so hohe Bilanzsumme aufweisen wie der Haushalt der Bundesrepublik Deutschland, entziehen sich leicht nationalen Kontrollbehörden. Über internationale Kontrollbehörden wird eifrig disputiert ein globales Kartellamt etwa dürfte es so schnell aber nicht geben. So ist das Vorhaben eines Paktes zum Schutz von Investitionen (MAI) unlängst still und leise eingeschlafen. Im Rahmen der OECD konnten die Unterhändler der 29 wichtigsten Industriestaaten keinen Konsens erreichen.
Ursprünglich als Wegbereiter der Globalisierung etabliert, sollten Währungsfonds und Weltbank über Kreditvergaben letztlich den internationalen Handel fördern: Der Fonds hilft als Feuerwehr bei Zahlungsbilanzproblemen mit Krediten aus. Die Weltbank vergibt als Bank der Armen langfristige Investitionsdarlehen an wirtschaftlich schwächere Länder.
Keine der beiden UN-Töchter konnte allerdings das Weltfinanzsystem vor Krisen bewahren. Noch gut in Erinnerung ist Bankern und Politikern die Lateinamerika-Krise Anfang der achtziger Jahre. Immerhin unter Führung des IWF und unter Mithilfe westlicher Gläubigerbanken und Regierungen konnte die Ausbreitung des Desasters auf die restliche Welt gerade noch abgewendet werden. Heute steht das System nach Ansicht von Finanzbeobachtern noch näher am Abgrund als vor sechzehn Jahren. Seit eineinhalb Jahren hält die Asienkrise international führende Banken in Schach, die notleidende Kredite an Schwellenländer in ihren Büchern haben.
Auch in Rußland zeichnet sich kein Plan zur Überwindung seiner Zahlungsunfähigkeit ab. Und ob Lateinamerika noch voll vom Krisenvirus erfaßt wird oder nicht, bleibt offen. Die Kassen von IWF und Weltbank aber sind leer. Kritiker monieren Vergabepraktiken beider Institutionen.
Realitätsferne und Ineffizienz wird der Weltbank vorgeworfen. „Die Bank versucht im sechsten Jahrzehnt, etwas zu fördern, was Entwicklung heißt. Und den Ärmsten der Welt geht es schlechter als vor fünfzehn Jahren“, zieht Ex-Weltbanker Bruce Rich bitter Bilanz. Der IWF wird zum Sündenbock für die Finanzkrise gemacht: Der Fonds habe mit seinen harten Auflagen zur Strukturanpassung und dem Zwang zur Hochzinspolitik die Länder einerseits handlungsunfähig gemacht, wettern Nicht-Regierungsorganisationen. Andererseits vergebe die Feuerwehr immer wieder Kredite und versäume es damit, den privaten Banken ein Signal über den desolaten Zustand in den Krisenländern zu geben. US-Ökonom Rüdiger Dornbusch: „Ich bin der Ansicht, daß IWF-Chef Michel Camdessus gefeuert werden müßte.“ Der US-Kongreß wirft dem Fonds Verschwendung öffentlicher Gelder vor. Die Politiker weigerten sich daher im Herbst monatelang, den IWF mit neuem Kapital zu speisen. Auf der Jahrestagung der Institute im Oktober in Washington forderten auch Ökonomen eine Beschränkung der Vergabe von IWF-Krediten: Der Währungsfonds sollte eher eine Moderatorenrolle zwischen Schuldnern und Gläubigern übernehmen, statt stets neues Geld zu verteilen.
JAN HERBERMANN

Von Jan Herbermann

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