Mitarbeitergespräch

Jährliche Chefaudienz steht in der Kritik  

Eine Zeit lang galten sie als modernes Instrument der Mitarbeiterführung. Jetzt stehen die Jahresgespräche in der Kritik. In vielen Firmen sind sie zu einem lästigen und sinnentleerten Ritual geworden. Einige steigen deshalb aus der jährlich gewährten Chefaudienz aus. VDI nachrichten, Bonn, 4. 9. 09, cha

„Wir sprechen fünf Minuten über die allgemeine Lage der Firma, fünf Minuten über die Hausrenovierung des Chefs und dann sind alle froh, dass es vorbei ist.“ So beschreibt Ingrid Gärtner*, Mitarbeiterin eines großen Automobilherstellers, den typischen Ablauf ihres Jahresgesprächs. Eigentlich sollen während der Unterredung gemeinsam Ziele für die Zukunft formuliert werden. Doch das ist graue Theorie: „Die persönlichen Ziele legen die Mitarbeiter größtenteils selbst fest“, berichtet Gärtner. Was nicht unbedingt ambitionierte Pläne produziert. Ernsthaft geführt werden die Mitarbeitergespräche in diesem Betrieb nur innerhalb der Personalabteilung, die restlichen Führungskräfte setzen auf stillen Boykott: Obwohl die Gespräche im April stattfinden, sind im August die Gesprächsprotokolle oft noch nicht unterschrieben.

Ähnlich wie beim Arbeitgeber von Ingrid Gärtner sieht es in vielen Betrieben aus: Mitarbeitergespräche sind zum lästigen Ritual verkommen – und genau deshalb werden sie bei immer mehr Unternehmen abgeschafft. Die Liste der Abtrünnigen reicht vom Drogeriemarkt dm über die Personalberatung Egon Zehnder bis zum Logistikdienstleister WM-Logistik, Bocholt.

Oft geht der Widerstand vom Führungspersonal selbst aus. „Ich kenne eine Managerin, die die Feedback-Formulare einfach wieder an die Personalabteilung zurückschickt“, berichtet Niels Pfläging, Berater und Buchautor. Er kämpft seit Jahren vehement gegen das Instrument Mitarbeitergespräch, nennt es eine „menschenverachtende Praxis“. Die Liste von Pflägings Kritikpunkten ist lang: „Mitarbeitergespräche beruhen auf dem Glauben, dass es so etwas wie eine Einzelleistung gibt – doch das ist eine gefährliche Illusion“, wettert der Berater. Außerdem sei es unsinnig, einmal im Jahr Feedback zu geben, weil sich die Führungskraft nur an jene Leistungen erinnern könne, die wenige Tage zurückliegen. Und obendrein würden die Gespräche mit Zusatzthemen wie dem Gehalt, Motivationen und Zielvereinbarung völlig überfrachtet.

Laut einer 40 Jahre alten Studie von General Electric sind Lob und Tadel egal

Unterstützung für die Gegner der Vier-Augen-Gespräche kommt aus den USA. Schon vor 40 Jahren hatte dort eine Studie des Konzerns General Electric ergeben, dass weder Lob noch Tadel des Managers einen Einfluss auf die Leistung des Mitarbeiters hat. Nicht einmal Bonuszahlungen können auf Dauer motivieren, fanden die Psychologen heraus. Moderne Versuche mit Hirnscannern bestätigen jetzt die Ergebnisse der GE-Studie. Der Autor Charles Jacobs kommt in seinem aktuellen Bestseller „Management Rewired“ sogar zu dem Ergebnis, dass selbst positives Feedback demotivierend wirken kann.

Auch deutsche HR-Experten beurteilen die Jahresgespräche zunehmend kritisch. „Zu starr, zu formalistisch“ – so lautet das Urteil von Christian Scholz, Professor an der Universität des Saarlandes. Der bekannte Personalexperte nimmt vor allem Anstoß an den Formblättern, die Führungskräfte und Untergebene im Umfeld der Gespräche ausfüllen müssen. „Mitarbeiter, die völlig glücklich in ihrem Job sind und eigentlich keine Perspektive suchen, werden plötzlich dazu gezwungen, sich Entwicklungsziele auszudenken.“

Ganz abschaffen würde Scholz die ungeliebten Unterredungen allerdings nicht. „Das ist purer Populismus. Die eigentliche Frage lautet doch: Was wäre die Alternative?“, gibt der deutsche Personalguru zu denken. Würde die offene Leistungsbeurteilung abgeschafft, läge sie verdeckt als Zettel im Schreibtisch der Führungskraft, erwartet Scholz – keine gute Lösung.

Außerdem hätte der Mitarbeiter keine Gelegenheit mehr, sich zu artikulieren. „Feedback sollte in kürzeren Abständen gegeben werden“, fordert Scholz, „außerdem müssen Themen wie Gehalt gesondert besprochen werden.“ Genau diesen Weg gehen viele Firmen, die die klassische Chefaudienz am Jahreswechsel derzeit abgeschafft haben. Wie könnte das Mitarbeitergespräch der Zukunft aussehen? Es kann sein, dass es gar kein Gespräch mehr ist – zumindest, wenn sich ein elektronisches Feedback-System namens Rypple verbreitet, das in amerikanischen Firmen derzeit getestet wird. Das Prinzip: Der Mitarbeiter sucht sich einen Kreis von Kollegen und Vorgesetzten aus, denen er jederzeit via Intranet Fragen zuschicken kann wie „War meine Präsentation heute morgen gelungen?“ (Fragen dürfen nicht länger als 140 Zeichen sein). So angesprochene Personen können über eine einfache Daumen-hoch/-runter-Funktion ihre Meinung kundtun. Der Clou: Der Mitarbeiter kann zwar erkennen, wie er angekommen ist, aber nicht, wer welches Urteil abgegeben hat. CONSTANTIN GILLIES

Von Constantin Gillies

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