Management

„Irgendwann ist die Zitrone ausgequetscht“  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 24. 8. 07, ps – Haben Konzernmanager nur noch Rendite im Kopf? Zwingt der Kapitalmarkt zu immer kurzsichtigeren Entscheidungen? Für Ulrike Reisach sind viele deutsche Unternehmen in den vergangenen Jahren in die „Amerikanisierungsfalle“ getappt – so der Titel ihres Wirtschaftsbestsellers. Fragen an die Autorin, die als Direktorin in der Strategieabteilung eines Großkonzerns tätig ist.

Reisach: Ich fürchte, dass dieser Vertrauensverlust nicht nur die großen Konzerne, sondern auch manchen Mittelständler betrifft. Früher haben die Leute ihre Firmen hochgehalten. Man hat sich identifiziert mit den Produkten, war stolz darauf, etwa die besten Maschinen oder Autos zu bauen. Heute verstehen viele Mitarbeiter ihre Unternehmen nicht mehr. Seit einiger Zeit scheint nur noch eines zu zählen: die Rendite.

VDI nachrichten: Mit welchen Folgen für die Unternehmenspolitik?

Reisach: Viele Unternehmen richten ihre Strategie primär auf den Kapitalmarkt aus. Den Vorstand bewegt vor allem die eine Frage: Was werden Aktionäre, potenzielle Investoren, Analysten oder Wirtschaftsmedien zu den jüngsten Quartalszahlen sagen. Das verführt zu kurzsichtiger Portfoliopolitik. Konzerne trennen sich von Geschäften, kaufen neue hinzu, um Renditeanforderungen zu erfüllen und Kurspflege zu betreiben.

Inhaltlich vagabundiert das Unternehmen, was Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten, die Öffentlichkeit und natürlich vor allem die Mitarbeiter verunsichert. Der Mensch wird zur Manövriermasse im wechselnden Investorenkalkül.

VDI nachrichten: Das zielt vor allem auf Private Equity-Gesellschaften, die für kurze Zeit Firmen übernehmen, um sie dann mit Gewinn weiter zu verkaufen¿

Reisach: Ich bin nicht grundsätzlich gegen Beteiligungsgesellschaften. Viele von ihnen arbeiten seriös und haben auch das langfristige Wohl des Unternehmens im Blick. Was mich stört, ist die steuerliche Bevorzugung. Wer heute in Deutschland als Unternehmer aktiv ist und Gewinne macht, muss diese auch hier versteuern. Er trägt damit in erheblichem Maße zur Finanzierung staatlicher Aufgaben bei – vom Straßenbau, über die Schulen bis zum Polizisten an der Ecke.

Private Equity Fonds haben hingegen ein total cleveres Geschäftsmodell. Sie haben ihren Sitz in Steueroasen, machen zum Teil horrende Gewinne, aber zahlen so gut wie keine Steuern in den Ländern, in denen sie tätig sind.

VDI nachrichten: Aber die Gewinne werden doch versteuert, zwar nicht bei den Fonds, aber bei den Anlegern, mit deren Geld die Fonds arbeiten.

Reisach: Ja, aber nur wenn diese nicht andere Steuersparmodelle nutzen. Mir geht es aber vor allem um die steuerliche Ungleichbehandlung von produzierenden Unternehmen und Fonds. Die Firmen werden dazu animiert, mit Finanztransaktionen, etwa mit dem Kauf und Verkauf von Unternehmensteilen, ihr Geld zu verdienen statt mit Warenproduktion. Das heißt, der eigentliche Geschäftszweck tritt immer mehr in den Hintergrund mit negativen Folgen für die Beschäftigung. Ich glaube nicht, dass diese Fokussierung auf das schnelle Geld am Kapitalmarkt unserer Wirtschaft guttut.

VDI nachrichten: Für Sie tappen die Firmen damit in die Amerikanisierungsfalle. Warum eigentlich Falle? US-Unternehmen sind mit der Ausrichtung auf den Kapitalmarkt doch sehr erfolgreich.

Reisach: Ja, aber unsere Kultur ist eine andere. In den USA wird bewundert, wer mächtig ist und möglichst viel Geld macht. In dieser calvinistischen Tradition gilt der materielle Erfolg als Zeichen der Auserwähltheit.

Das ist in Deutschland und weiten Teilen Europas völlig anders. Bei uns wirkt die lange Handwerkerkultur mit ihrer Liebe zur Technik, zum Werkstück, zum Produkt nach. Auch die Tugend der Mitte, die schon in der altgriechischen Philosophie eine zentrale Rolle spielt, das Bedürfnis nach gesellschaftlicher Harmonie und Balance, die Ablehnung von Extremen, z. B. bei den Einkommen.

VDI nachrichten: Deshalb auch die Empörung über hohe Gewinne und steigende Managergehälter – während gleichzeitig die realen Arbeitnehmereinkommen seit Jahren sinken?

Reisach: Ja, das ist hierzulande kaum zu vermitteln. Wenn schon verzichtet werden muss, dann aber bitte alle, so denken die meisten. Da hilft auch nicht der Hinweis, dass Topmanager im Ausland oft viel mehr verdienen.

VDI nachrichten: Was ist das Ergebnis? Frustrierte Mitarbeiter, innere Kündigung?

Reisach: Ja, die Gefahr besteht. Das symbolische Handeln des Vorstands, vor allem des Vorstandsvorsitzenden, prägt die Innen- und Außenwahrnehmung eines Unternehmens. Eine gewisse Bescheidenheit, auch bei der eigenen Vergütung, ist deshalb ratsam. Sonst kann sich der Vorstand schlecht vor die eigenen Leute stellen und die Extrameile einfordern¿

VDI nachrichten: ¿das heißt, die kulturelle Sensibilität des Topmanagements schwindet?

Reisach: Ich will das nicht pauschalisieren. Aber es hat in den vergangenen Jahren Negativ-Beispiele gegeben. Hohe Gehälter oder Abfindungen sind da aber nur ein Symptom. Ein anderes ist die unglückliche Kombination amerikanischer und deutscher Traditionen. Da haben wir den Personenkult um High-Potentials, die höchste Aufmerksamkeit und Förderung genießen, während das Wissen und Können der anderen im Zuge von Auslagerungen zunehmend als entbehrlich eingestuft wird. Oft gibt es auch einen vermeintlich allmächtigen CEO, der sich im Scheinwerferlicht der Medien sonnt und damit die in Deutschland ohnehin übliche Distanz zu den normalen Mitarbeitern noch erhöht.

VDI nachrichten: Ein moderner Sonnenkönig, der sich mit einem willfährigen Hofstaat umgibt?

Reisach: Es gibt Fälle, die sind von Ihrem Bild in der Tat nicht weit entfernt. Das ist auch gemeint, wenn ich von Amerikanisierungsfalle spreche: Mancher Vorstand will amerikanischer sein als die Amerikaner – und hat sein Vorbild doch nicht verstanden. Denn in den USA ist der CEO zwar die dominante Figur. Er ist aber zugleich für jedermann ansprechbar. Die Tür zu seinem Büro steht offen. Wenn jemand eine Idee hat, scheut er sich nicht, direkt zum obersten Chef zu gehen. Das wäre in Deutschland undenkbar. Da liegt in vielen Unternehmen, besonders natürlich in den großen, eine Lähmschicht zwischen Vorstand und Belegschaft. Und diese Schicht ist dicker geworden in den vergangenen Jahren.

VDI nachrichten: Was tun, damit die Mitarbeiter nicht mehr fremdeln im eigenen Unternehmen?

Reisach: Es fehlt an einer offenen, ehrlichen und – wo nötig auch selbstkritischen – internen Kommunikation. Da muss der Hebel angesetzt werden. Die Mitarbeiter müssen mitgenommen werden. Es ist ja wahr, dass die Kapitalmärkte immer wichtiger werden und dass Beteiligungsgesellschaften auch in Europa an Bedeutung gewinnen. Es ist ebenso wahr, dass Großunternehmen auch an der Börse in scharfem Wettbewerb um Investoren stehen. Diese Entwicklung lässt sich nicht zurückdrehen¿

VDI nachrichten: ¿auch wenn sie in Deutschland auf Unverständnis und großes Misstrauen stößt.

Reisach: Ja, aber warum? Die Deutschen sind ja nicht per se wirtschaftsfeindlich. Viele Topmanager haben es aber bisher nicht verstanden, ihren Mitarbeitern die Veränderungen zu erläutern, die die Globalisierung der Waren- und Kapitalmärkte mit sich bringt. Sie haben sich um die Frage nach notwendigen Veränderungen der Unternehmenskultur gedrückt. Es wurde zu viel von oben herab entschieden, statt mit den Mitarbeitern gemeinsam nach einer neuen, zukunftsfähigen Unternehmensidentität zu suchen.

VDI nachrichten: Aber das Kernproblem bleibt doch bestehen: Die wachsende Macht von Finanzinvestoren verschärft den Renditewettbewerb. Der Druck, sich von defizitären oder margenschwachen Unternehmensteilen zu trennen, nimmt zu.

Reisach: Gegen eine gute Rendite hat ja keiner etwas einzuwenden. Ich glaube nur, dass man das Ziel besser mit als gegen die Mitarbeiter erreicht. Auch die Belegschaft hat doch ein Interesse daran, dass das Unternehmen floriert…

VDI nachrichten: …vor allem, wenn sie auch selbst am wirtschaftlichen Erfolg teilhat.

Reisach: Eben. Deshalb ist die aktuelle Debatte über eine verstärkte Kapitalbeteiligung der Arbeitnehmer auch so wichtig. Wir brauchen viel mehr Mitarbeiter, die zugleich Anteilseigner an ihren Unternehmen sind und damit direkt am Gewinn partizipieren. Das sorgt auch dafür, dass sich der Einzelne viel stärker mit seinem Unternehmen, dem Markt, den Wettbewerbern auseinandersetzt. Einem Unternehmen kann nichts Besseres passieren, als dass es eine große Zahl gut informierter Mitarbeiteraktionäre hat. Das sind die verlässlichsten Anteilseigner.

VDI nachrichten: Wird sich das, was Sie als Amerikanisierung geißeln, fortsetzen oder hat ein Umdenken begonnen?

Reisach: Ich bin optimistisch. Sie können dieses Spiel des Kaufens und Verkaufens nicht endlos spielen. Irgendwann ist die Zitrone ausgequetscht. Die Unternehmen geben dann nichts mehr her. Wir stehen derzeit am Ende einer Entwicklung. Die aktuelle Krise an den Finanzmärkten zeigt das sehr deutlich. Die Banken stellen den Beteiligungsgesellschaften weniger Geld für ihre Übernahmen bereit und die Politik denkt ernsthaft über Regulierungen nach. Das wirkt disziplinierend.

Auch in der Investment-Community setzt ein Umdenken ein. Solide Werte werden eine Renaissance erleben, wenn es dem Management gelingt, Analysten und Fondsmanagern ihren langfristigen Mehrwert richtig zu verkaufen. Es kann nicht darum gehen, nur im Quartal die jeweils besten Zahlen zu haben. Was zählt, sind solide Erträge auf mittlere Sicht. Und dass das Unternehmen seiner ökologischen und gesellschaftlichen Verantwortung gerecht wird, d. h. eine nachhaltige Unternehmenspolitik betreibt. Das ist ein Thema, das an den Finanzmärkten künftig viel stärker gespielt werden wird. PETER SCHWARZ

  • Peter Schwarz

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