Kommunikation von Großprojekten

Ingenieure stehen auf beiden Seiten

Großprojekte bedürfen intensiver Aufklärung. Die Teilnehmer an der Podiumsdiskussion zur Infrastruktur der Zukunft waren sich einig: Ingenieure sollten mitten im Kommunikationsnetz sitzen.

Gegner des Bahnprojekts Stuttgart 21 demonstrieren vor dem Südflügel des Hauptbahnhofs. 

Gegner des Bahnprojekts Stuttgart 21 demonstrieren vor dem Südflügel des Hauptbahnhofs. 

Foto: dpa/Franziska Kraufmann

„Sie glauben gar nicht, wie oft Sie im Ausland auf ,German Engineering‘ angesprochen werden.“ Tom Buhrow, Moderator der Tagesthemen und des Deutschen Ingenieurtages 2013, traf während seiner Auslandseinsätze immer wieder auf Menschen, die Deutsch und Technik als natürliche Symbiose betrachteten.

Auf dieses Klischee dürfe man stolz sein, man dürfe sich auf diesen Lorbeeren aber nicht ausruhen. „Es hat in der Gesellschaft ein Umdenken stattgefunden, das Ihren Beruf radikal verändern wird“, prophezeite Buhrow. „Das Bild des Ingenieurs von seiner Aufgabe ändert sich radikal.“

Umstrittene Projekte wie die Startbahn West, Stuttgart 21, der Flughafen Berlin-Brandenburg und die Elbphilharmonie rufen den „Wutbürger“ auf den Plan, der sich verschaukelt fühlt und Teilhabe verlangt. Ingenieure, die nicht nur technisch versiert sind, sondern dem Bürger den Sinn der Projekte nahe bringen und erklären könnten, seien verlangt. Das war allgemeiner Tenor unter den Teilnehmern der Podiumsdiskussion „Infrastruktur der Zukunft – Menschen sinnvoll vernetzen“.

Neue Kultur offener Diskussionen

Und längst nicht für jeden Ingenieur bedeutet technische Innovation gesellschaftlichen Fortschritt. „Den einen Ingenieur gibt es nicht mehr“, sagte Aktivist Fritz Mielert. „Ingenieure stehen auf beiden Seiten.“ Auch auf Seite der Gegner von Großprojekten. So wie Mielert. Der Ingenieur engagiert sich seit 16 Jahren im Bürgerprojekt „Die AnStifter“.

Inzwischen sind Ingenieure, wie aus der diesjährigen „Göttinger Studie“ hervorgeht, die größte Berufsgruppe innerhalb der Protestbewegungen in Deutschland.

VDI-Direktor Willi Fuchs begrüßt die neue Kultur offener Diskussionen. Der VDI sehe das als Chance, schließlich treffe man angesichts hochkomplexer Techniksysteme auf kompetente Gesprächspartner.

Bürger schon bei der Planung mit ins Boot holen

Voraussetzung für produktive Gespräche, so Fuchs, sei neben Offenheit die Ehrlichkeit – und die Bereitschaft, die Bürger mitzunehmen. Bei einem Jahrhundertprojekt wie der Energiewende, die von fast allen Bürgern gewollt sei, müssten die Menschen bereits bei der Planung ins Boot geholt werden. Fuchs: „Menschen sind heute dazu bereit zu sagen: ,Gut, das ist nicht unsere Idealvorstellung, wir sind aber gehört worden, mit dem Kompromiss können wir leben.'“

In die gleiche Kerbe schlug Kommunikationsfachmann Klaus Eck: „Bei Stuttgart 21 hat man von Beginn an zu wenig mit den Menschen diskutiert. Man hat geglaubt, dass ein Planfeststellungsverfahren, das Jahrzehnte zuvor angelaufen ist, noch zu vermitteln sei.“

Juristisches Hickhack vermeiden

Die zuweilen nervenaufreibende Beteiligung vieler Fachleute sei weit billiger als das juristische Hickhack, das entstehe, wenn die Bevölkerung nicht frühzeitig und ausreichend informiert werde, so Eck: „Das sieht man bei Stuttgart 21, wo die Kosten ins Unermessliche gestiegen sind, weil spät gegengesteuert wurde.“

Klaus Grewe, hauptverantwortlich für die Infrastrukturprojekte der Olympischen Spiele in London 2012, bestätigte die große Bedeutung bürgerlicher Teilhabe. „Aber wenn gebaut wird, wird gebaut. Dann dürfen wir uns nicht mehr stoppen lassen. Dann geht es um Milliarden Euro, die verloren gehen könnten. Im Sinne des Bürgers muss in solchen Fällen Schluss sein mit den Diskussionen.“

Staatssekretär Rainer Bomba (CDU) sieht sich bereits zahlreichen weiteren Diskussionen mit „Wutbürgern“ gegenüber: „Es wird viele Projekte geben, bei denen wir mit Bürgern reden müssen, auch, weil wir Eingriffe in die Natur vornehmen werden. Es gibt Projekte, um die wir nicht herumkommen.“

Im Vergleich mit anderen Industriestaaten liege Deutschland mit seinem Verkehrsnetz weit vorne. Bomba: „Aber wir fahren auf Verschleiß. In die Infrastruktur muss wesentlich mehr investiert werden. Nicht nur, um sie zu erhalten, sondern, um sie zu modernisieren und eventuell auszubauen.“ 

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