Management 03.12.1999, 17:23 Uhr

„In Deutschland käme Bill Gates vorsorglich in Untersuchungshaft“

Kosten zu senken und die Produktivität zu steigern, reicht im weltweiten Wettbewerb nicht mehr aus. Kundenorientierung wird wichtiger – für deutsche Ingenieure ein Fremdwort, meint Jenoptik-Vorstand Lothar Späth.

Es gibt furchtbar viele Leute – vor allem in Deutschland – die die Globalisierung verdrängen oder falsch deuten. Die meisten erzählen mir, so ganz neu sei die Globalisierung ja nicht. Es sei nur Export und Import mit anderen Mitteln.
Das ist ein entscheidender Fehler! Denn die Globalisierung ist kein Kind von Export und Import, sondern ein Kind der Kommunikation. Die neue Dimension der Kommunikation und die Offenheit der Märkte lassen die internationale Arbeitsteilung erst zu. So lösen sich die nationalen Volkswirtschaften auf.
Würde die Geschichte von Export und Import immer noch stimmen, dann wären ja Deutschland und Japan heute prosperierende Länder. Und eine Nation würden wir gar nicht finden unter den Top 20, nämlich die USA, die seit 20 Jahren keinen Exportüberschuss mehr hingekriegt haben. Interessanterweise ist die Entwicklung ganz anders, also kann die These nicht stimmen.
Unser Problem liegt woanders. Erstens: Die nationale Volkswirtschaft ist weg. Zweitens: Alles richtet sich nach Märkten. Und in internationalen Märkten, die offener werden, tun sich die Europäer mit ihrer Produktorientierung schwer. Und Amerikaner mit ihrer Marktorientierung leicht.
Der deutsche Unternehmer ist produktbezogen, und im Mittelpunkt steht immer der deutsche Ingenieur. Und der mag seine Kunden nicht. Weil für den Ingenieur immer der ein Trottel ist, der etwas anderes will als er für ihn vorgesehen hat. Wenn der Ingenieur vom Kunden zurückkommt, sagt er: „Dem verkaufe ich nichts. Vier Dinge habe ich dem genannt, was er mit der Maschine alles noch machen könnte. Und der hat gesagt, das will er nicht. Was soll ich mit so einem Kunden?“ Der Amerikaner kommt zurück und sagt, „Der Kunde will den totalen Schwachsinn: aber er ist zahlungsfähig, der kriegt den!“
Daimler war der Prototyp eines produktorientierten Unternehmens, das sogar angeordnet hat, Pkw werden außerhalb Deutschlands nicht gebaut. Und derselbe Konzern macht heute mit Chrysler ein völlig neues globales Fass auf.
Wenn ich in Australien den DaimlerChrysler-Vertreter frage, wie das Geschäft läuft, sagt er: „Gut.“ – „Da freuen sich die zu Hause“, erwidere ich. Darauf er: „Die nicht. Da freuen sich die Brasilianer, die liefern die Achsen im Moment freuen sich Frachtunternehmer in Oregon, die liefern den Motor. Dann freuen sich die Vietnamesen, denn wir machen den Aufbau zur Zeit in Ho-Chi-Minh City.“ Und auf meine Frage, worauf freuen die sich in Stuttgart, sagt er: „Weiß ich nicht so richtig. Die schicken immer die Zertifikate, dass es ein Mercedes ist, auf tschechischem Papier in Ungarn gedruckt.“ Das ist Globalisierung.
Wie aber antwortet ein Hochlohnland wie Deutschland darauf? Die Versuche, mit Kostensenkungen zu antworten, sind schon misslungen. Glauben Sie keinem Politiker, der Ihnen sinkende Lohnnebenkosten verspricht, das schafft keiner.
Die zweite Antwort der deutschen Industrie war sehr viel vernünftiger, es war nämlich eine Produktivitätsantwort. Die deutsche Autoindustrie ist wieder weltweit wettbewerbsfähig, weil sie gelernt hat, mit 20 % weniger Leuten 20 % mehr Autos zu produzieren. Jetzt übt sie, wie sie mit 40 % weniger Leuten 40 % mehr Autos produzieren kann, und die ersten werden bald überlegen, wie man mit 80 % weniger Leuten 80 % mehr Autos produzieren kann. Die Folge: Das Wirtschaftswachstum steigt und die Arbeitslosigkeit auch.
Das heißt, die Antwort Kostensenkung geht nicht, die Antwort Produktivitätssteigerung hilft beschränkt, die dritte Antwort muss der eigentliche Inhalt unserer Anstrengungen sein, und der heißt Innovation. Nun ist es aber schwierig, in einem Staat Innovation in den Mittelpunkt zu stellen, der 20 Jahre lang Schiedsrichter erzeugt hat und jetzt plötzlich Stürmer braucht.
Und da kommt der Mittelstand ins Spiel. Die Politik liebt den Mittelstand, weil die Großen alle per Saldo Stellen abbauen. Die Arbeitsplatzlösung kommt vom Mittelständler. Dort ist unsere neue Welt: beim Entrepreneur. Plötzlich entdecken alle, wir brauchen neue Ideen, neue Produkte, neue Verfahren. Nur sind wir darauf nicht vorbereitet. Wie wollen Sie Innovation erzeugen, wenn in den Schulen kaum ein Lehrer den PC beherrscht? Da müssen wir gewaltig aufholen, und wir müssen in Deutschland das Klima verändern.
Das Grundproblem lautet: Wir müssen schneller besser forschen. Die daraus folgende Frage: Wie schaffen wir Risikobereitschaft? Denn Innovation ist Risiko. Sie können keine Gentechnik entwickeln, ohne die Probleme der Gentechnik zu haben. Wir Deutsche haben vor 20 Jahren die gentechnische Entwicklung verweigert. Jetzt entdecken wir, dass die anderen sie bewältigt haben. Aber damals gab es das Klon-Schaf Dolly noch nicht. Da gab es nur amerikanische Science Fiction-Filme: Ameisen, drei Meter zwanzig groß, genmanipuliert, die durch die Wüste Nevadas wanderten. Da haben die Deutschen gesagt, bloß keine Gentechnik, sonst kommen die großen Ameisen aus Nevada. Statt dessen kam die Arbeitslosigkeit.
Die neuen Unternehmen entstehen interessanterweise nicht mehr in den Forschungsabteilungen großer Unternehmen. Sie entstehen an Universitäten, Fachhochschulen, Fraunhofer-Instituten oder in Technologietransfer-Einrichtungen.
Ich betreue gerade ein solches Unternehmen – 240 Leute, Altersschnitt 24 Jahre. Die kommen morgens um zehn Uhr mit ihren Kaffeebechern und setzen sich an die Computer. Aber die schaffen 14 Stunden. Und wenn ich mit denen über Tarif-Eingruppierung rede, sagen sie: „Make me a millionaire!“ So lösen die das Problem der Investivlöhne. Sie kriegen nämlich keine Leute, wenn Sie die nicht an irgendetwas beteiligen.
Damit sind wir beim berühmten Thema Risikokapital. Wir sagen immer, die Banken seien nicht risikofreudig genug! Ein Banker aber gibt fremdes Geld aus, der muss also Sicherheiten haben. Das ist sein Geschäft.
In Amerika kriegen Sie das Risikokapital immer von Privatleuten. Die Deutschen dagegen sind ein Immobilienvolk. Sagen Sie doch hier mal als Mittelständler einem Geschäftsfreund, sie hätten einem jungen Mann 20 000 DM gegeben, der hätte eine tolle Idee. Der guckt sie an und sagt: „Mein Gott, musst du besoffen gewesen sein. Hast du wenigstens eine Quittung?“
Wenn aber Bill Gates nach Deutschland kommt, dann wird außer dem Papst niemand freundlicher empfangen. Stellen Sie sich vor, wir hätten in Deutschland einen jungen Unternehmer, der siebzig Milliarden schwer ist. Der wäre vorsorglich in Untersuchungshaft, bis geklärt wäre, wie so was in einem anständigen Staat passieren konnte. Und das ist unser Mentalitätsproblem. Wir müssen die deutsche Neidgesellschaft wenigstens ein Stück auflösen. Aber wir brauchen genau so dringend die Reform des Sozialstaats, um weiterhin wettbewerbsfähig zu bleiben.
Die Politik wird uns diese Reform nicht bescheren, ohne dass wir Druck machen. Aber ich bin optimistisch, weil ich an die junge Generation glaube. Sie hat viel mehr von diesem Unternehmer-Geist als ihre Großeltern. Ich weiß nur nicht, wann es die Deutschen begreifen. Wenn sie es begriffen haben, habe ich die Angst, dass sie wieder zu radikal alles ändern.
Was wir brauchen ist eine Evolution, keine Revolution. Aber die brauchen wir schnell. LOTHAR SPÄTH
Lothar Späth, Vorstandschef der Jenoptik AG, stimmt der Unternehmergeist der jungen Generation optimistisch.

Ein Beitrag von:

  • Lothar Späth

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