Personalmanagement

Im gruppendynamischen Rausch bleibt Kreativität auf der Strecke

Brainstorming hält selten, was es verspricht, meinen neuerdings Psychologen. Aber auch sie glauben an einige wirksame Effekte der Methode.

Auch Dogmen haben heute eine kurze Lebensdauer. Rund ein halbes Jahrhundert nachdem der amerikanische Marketingstratege Alex Osborn der Welt das Brainstorming bescherte, zerpflücken Psychologen seine Schöpfung. Allen voran Adrian Furnham, Psychologie-Professor in London. Er kratzt mächtig an dem Nimbus, den die kollektive Ideenproduktion seit den 60er Jahren hat. Damals wurde Brainstorming eine sagenhafte Wirkung zugeschrieben, obwohl die Technik prinzipiell sehr simpel ist: Alle Teilnehmer einer Gruppe sollen alles, was ihnen zu einem Thema einfällt, völlig unzensiert aussprechen keine Äußerung darf bewertet, abgewürgt oder kritisiert werden. In diesem freien Spiel der Gedanken werden – so die Hoffnung – gegenseitig Assoziationen, Analogien, kurz die Kreativität stimuliert. Ursprüngliches Ziel war es, mit dem Schöpfergeist der kreativitätsbegabten Menschen den Produktionsprozess zu optimieren.

Kritiker bezweifelten von Anfang an die Effektivität des Brainstormings. Tatsächlich wurde sie auch nie belegt. Psychologen wie Dietrich Dörner, Professor an der Universität Bamberg, betrachten Kreativität ohnehin nicht als Persönlichkeitsmerkmal, das die Musen willkürlich unter die Menschen verteilten und das sich unter günstigen Bedingungen aktivieren lässt. „Manche Menschen sind aus purer Ignoranz Erfinder oder Entdecker geworden“, schmunzelt Dörner. Beispielsweise Kolumbus, der mit einer falschen Streckenberechnung nach Indien aufbrach. „Wäre ihm nicht Amerika dazwischen gekommen, hätte er verhungern müssen“, sagt Dörner lachend und erinnert, dass das wirklich große Erfinder-Genie Edison Kreativität als Arbeit bezeichnete, wörtlich als „mehr Transpiration als Inspiration“. Das ist wenig spektakulär, manchmal öde und oft eine ziemlich einsame Tätigkeit.

Mag sein, dass selbst während des Brainstormings eine Idee von der Decke fällt. Diesen Zufall leugnen weder Dörner noch Furnham. Die Grundannahme, dass sich in einem offenen Klima ohne Befangenheit produktiver arbeiten oder denken lässt als unter Druck oder Restriktionen, stimmt. Bekanntlich wirkt eine erholsame Ablenkung bei Blockaden wahre Wunder. Doch Brainstorming bietet nicht jenen schöpferischen Impetus, der den Gedankenfluss entstaut, behauptet Furnham, der Jahre lang das kollektive Treiben durchleuchtete. Denn erstens reduziere die Trägheit des Einzelnen das Gruppenresultat, zweitens werde die Selbstzensur in der Gruppe nie ganz ausgeschaltet, drittens könnten einige wenige die schöpferischen Quellen gezielt verstopfen. Selbstverständlich kann Furnham das minutiös beweisen. Zum Beispiel mit dem Seilziehtrick.

Ein Mensch allein zieht mit seiner ganzen Kraft am Strick, zu Dritt spart jeder etwa 15 % und in einer Achtergruppe begnügt sich jeder gerade noch mit der Hälfte seines möglichen Kraftaufwands. Natürlich alles rein durchschnittlich betrachtet. Sicher aber ist: In der Gruppe verlässt sich jeder auf den anderen. Gruppen entlasten das Individuum von den eigenen Leistungsforderungen. Gleichzeitig bietet eine Kleingruppe wiederum zu wenig Anonymität, um sich ganz frei zu fühlen, zumal sich alle in der Gruppe kennen. Also schaltet sich ganz automatisch die soziale Kontrolle ein: Man bleibt angepasst, zensiert sich selbst, um sich keinesfalls als Urheber „dummer“ oder „seltsamer“ Ideen zum Gespött zu machen und lässt seinen Geist lieber auf Mittelmaß treiben.

Auch wer voll im Einsatz bleibt, muss noch längst nicht kreativ sein. Manche investieren ihren ganzen Ehrgeiz, um andere mit Killerphrasen matt zu setzen. Taktierer wiederum platzieren ihre Einfälle so gezielt, dass sie als Helden aus der Runde gehen. Gewiefte Sitzungsprofis wissen, dass am Ende eines Meetings mindestens das halbe Forum in einen Dämmerzustand verfällt und mit echter Dankbarkeit quittiert, wenn eine fulminant vorgetragene Inspiration die eigene Trägheit der Gedanken überglänzt. Entsprechend kann sich profilieren, wer bis dahin die anderen reden lässt und dann deren mehr oder minder originelle Worte als eigene Idee aufwärmt. Auf diese Weise kann auch Firmenpolitik betrieben werden: Der Hellwache lenkt mit seiner richtig verkauften „Erleuchtung“ eine wichtige Entscheidung in seinem Sinne.

Kurz: Hinter dem Brainstorming steckt ein euphemistisches Menschenbild. Furnham leugnet jedenfalls, dass die Methode, die parallel zur Begeisterung für das Kollektive, für kollektives Wohnen, Arbeiten und Leben ihren Ruhm erreichte, die Phantasie beflügelt. Heute, in der individualisierten E-Epoche, sieht Furnham effektivere Verfahren. Elektronisches Brainstorming zum Beispiel. Allein vor dem Bildschirm sei der Einzelne produktiver und offener. Frei nach dem Edisonschen Motto, dass erst harte Arbeit Ingeniosität erzeugt, könnte der neue Kreative wieder zum hart arbeitenden, einsamen Tüftler oder Denker werden, vorangetrieben durch multimediale Konferenzen, spezifische Kreativitätsprogramme, Fragen- oder Assoziations-Spiele. Das gute alte Brainstorming muss trotzdem nicht eingemottet werden. Obwohl es nicht bringt, was es verspricht, leistet es zumindest einen Sozialbeitrag: Das „social loafing“, das „soziale Faulenzen“, fördert das Arbeitsklima – allein durch die Lust, nicht allein für alles verantwortlich zu sein.
RUTH KUNTZ-BRUNNER

Von Ruth Kuntz-Brunner

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