Unternehmens-Zusammenschlüsse

Hohe Scheidungsrate bei Unternehmens-Ehen  

Die Finanz- und Wirtschaftskrise haben den M&A-Markt 2008 deutlich geprägt. Eine steigende Zahl von Transaktionen scheiterte oder enttäuschte die Erwartungen der Beteiligten. Für das laufende Jahr befürchten Experten eine Fortsetzung dieses Trends. VDI nachrichten, Düsseldorf, 15. 5. 09, mav

„Es ist keine Hochzeit im Himmel, sondern eine Vernunftehe.“ Rund 3000 Beschäftigte im Porsche-Stammwerk Stuttgart-Zuffenhausen hören ihrem obersten Chef Wendelin Wiedeking aufmerksam zu. Rund 9 Mrd. € Schulden lasten Medienberichten zufolge auf dem Unternehmen. Porsche hat sich an der VW-Übernahme finanziell verhoben.

Dennoch verläuft die Betriebsversammlung relativ ruhig. Die Porsche-Beschäftigten müssen trotz der finanziell angespannten Lage und rückläufigen Absatzzahlen zumindest kurzfristig nicht um ihren Arbeitsplatz fürchten.

Da geht es in Herzogenaurach schon deutlich dramatischer zu. Maria-Elisabeth Schaeffler, Hauptgesellschafterin des fränkischen Familienunternehmens Schaeffler, hat Tränen in den Augen, als sie sich den 8000 Mitarbeitern anschließt. Sie stehen vor den Werkstoren ihrer Firma, um den Staat um finanzielle Hilfe für das Unternehmen zu bitten.

Schaeffler hatte im vergangenen Jahr den dreimal größeren Autozulieferer Continental gekauft und sich dabei massiv übernommen. Mehr als 10 Mrd. € Schulden lasten auf dem Unternehmen. Vor dem Hintergrund der Finanzkrise wächst nun der Druck der Banken. Ein Desaster nach nur kurzer „Ehe“ scheint programmiert, sogar eine Rückabwicklung des Conti-Deals nicht mehr ausgeschlossen.

Probleme bei geplanten oder durchgeführten Transaktionen erregen nicht immer so stark die Aufmerksamkeit der Medien, wie in den Fällen VW-Porsche oder Schaeffler-Conti. Bei vielen Projekten verlaufen die Komplikationen mehr im Stillen, dafür aber meistens nicht weniger dramatisch.

Weiche Faktoren bleiben bei der „Ehe-Anbahnung“ zu oft unberücksichtigt

Zu den Hauptgründen für unbefriedigende Ergebnisse bei Zusammenschlüssen zählt naturgemäß die Rezession. So hat die Finanz- und Wirtschaftskrise bereits 2008 den Markt für Unternehmenstransaktionen, auch Mergers & Acquisitions (M&A) genannt, deutlich geprägt. „Die Rahmenbedingungen für Fusionen und Übernahmen haben sich nachdrücklich verändert,“ sagt Prof. Günter Müller-Stewens vom Institut für Betriebswirtschaft der Universität St. Gallen. Viele Deals scheiterten oder blieben hinter den Erwartungen der Beteiligten zurück.

Die Rezession ist aber nicht die alleinige Ursache dieser Negativ-Entwicklung, denn Transaktionen bleiben meist nicht nur aus finanziellen Gründen hinter den Erwartungen. Zu den Ursachen zählten Experten auch die Tatsache, dass so genannte „weiche“ Faktoren, wie Unternehmenskultur, Einsatzbereitschaft der Mitarbeiter oder Organisationsstruktur häufig nicht oder nur unzureichend Bestandteil des Integrationsprozesses sind.

In der Regel werden im Vorfeld einer Übernahme in der Due-Dilligence-Prüfung nur die üblichen „harten“ Kennzahlen des Zielunternehmens geprüft und analysiert. „Weiche“ Faktoren bleiben dagegen oft unberücksichtigt, sagt Bibi Hahn, Senior Vice President bei der Unternehmensberatung Hay Group Deutschland.

Dass vor allem nicht-finanzielle Faktoren verantwortlich für die Fahrt in ein finanzielles Desaster sein können, zeigt ein Blick in die Vergangenheit. So übernahm 1994 BMW den britischen Autohersteller Rover. Imageprobleme sowie eine veraltet und wenig attraktiv wirkende Produktpalette ließen die Fusion zum Milliardengrab werden. Im Jahre 2000 zogen die Bayern die Notbremse. Insgesamt 9 Mrd. DM kostete BMW das Scheitern der Unternehmensehe – und den Vorstandsvorsitzenden Bernd Pischetsrieder seinen Posten.

Teuer zu stehen kam Daimler Benz 1998 der Zusammenschluss mit dem US-Autoriesen Chrysler. Zu Beginn der Liaison sprach der damalige Daimler-Vorstandsvorsitzende, Jürgen Schrempp, noch von der „Hochzeit im Himmel“. Nach rund sieben Jahren Glückseligkeit kam Ende 2005 das Aus, der Kapitalverlust war riesig. So sank der Börsenwert von Chrysler seit der Fusion um 35 Mrd. €, der von Daimler Chrysler bis zum Rückzug sogar um 50 Mrd. €.

Eine Studie des Beratungsunternehmens A.T. Kearney kommt zu dem Ergebnis, dass die meisten Übernahmen und Fusionen ohnehin keinen Wert schaffen. Im Gegenteil: So würde sich beispielsweise das um konjunkturelle Effekte bereinigte Umsatzwachstum in den ersten drei Jahren nach dem Deal im Schnitt um sechs Prozentpunkte verlangsamen. Die Zuwächse beim Gewinn würden in der gleichen Zeitspanne um rund 9 % fallen.

Fusionen bremsen das Umsatzwachstum im Schnitt um sechs Punkte

Die Folge davon sei eine Verschlechterung des Börsenwertes um durchschnittlich 2,5 %. Die Experten machen vor allem die Beschäftigung der Unternehmen mit sich selbst verantwortlich. Während der Integrationsphase würden Kunden vernachlässigt und das Hauptaugenmerk auf Synergien und Kostensenkung gelenkt, so Jörg Schrottke, Principal bei A.T. Kearney.

Da eine Fusion sehr viel Aufwand bedeute, liege es nahe, zunächst Projekte zu bearbeiten, deren Effekt sofort sichtbar sei. Doch auch im allgemeinen Trubel müssten nach wie vor die Absicherung des bestehenden Geschäfts sowie die Akquisition neuer Aufträge und Kunden an erster Stelle stehen.

Die Pleiten, Pech und Pannen-Serie bei Unternehmen-Transaktionen wird wohl auch im laufenden Jahr 2009 nicht abreißen. So rechnet M&A-Experte Müller-Stevens mit einer Fortsetzung des Negativ-Trends. Vor allem Absagen, Neuverhandlungen bei bereits abgeschlossen geglaubten Projekten und aufsehenerregende Notverkäufe könnten noch bevorstehen.

REINHARD LÜCKMANN

Von Reinhard Lückmann

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