Personalmanagement

Heimatgefühle stärker als Lust auf große Hightech-Zentren

Geschäftlicher Erfolg ist nicht allein Kosmopoliten vorbehalten. Gemeinsame lokale Wurzeln sind häufig Basis für den familiären Charakter und damit für den Erfolg eines Unternehmens – und das auf weltweiter Ebene.

Jörn Müller, Unternehmensphilosoph der Biodata AG, beschreibt das Wesen seiner Kollegen so: „Der typische Mitarbeiter unseres Hauses ist jung oder jung geblieben, er ist geistig und zeitlich flexibel, belastbar und opferbereit, er ist in der Lage, sich Wissen selbständig aneignen, pflegt einen offenen und freundlichen Umgang mit anderen und schätzt die Kooperation.“ Und wäre da nicht jener folgende Nachsatz, so könnte diese Charakterisierung heutzutage für fast jedes Unternehmen, zumindest für die dot.coms gelten: „Er kommt aus Nordhessen.“
Vielleicht verfügt der Biodata-Angestellte deshalb auch über jenes „dicke Fell“, das ihm die Ruhe gibt, rasantes Wachstum und Zehn-Stunden-Tage zu überstehen. Wer aus dieser abgeschiedenen, strukturschwachen Gegend Deutschlands kommt, wo Wälder und Seen das Panorama bestimmen, der lässt sich durch die Hektik eines Börsenganges nicht so schnell erschüttern.
Tatsächlich liegt die Mitarbeiter-Fluktuation der Biodata, einem überaus erfolgreichen Hersteller von Sicherheitshard- und software, „bei Null“, wie Sprecher Heiko Scholz erzählt. Wie die meisten seiner Kollegen auf der Burg Lichtenfels zog es auch ihn nach dem Studium wieder in die Heimat zurück. Er ist sicher: Nicht zuletzt diese gemeinsamen Wurzeln der Menschen sorgen für den familiären Charakter und damit für den Erfolg des Unternehmens, das inzwischen Niederlassungen in Südostasien und den USA betreibt. Globaler Erfolg, so scheint es, geht nicht ohne lokale Wurzeln.
„Viele, die mal als Praktikanten hier angefangen haben, sind heute Bereichsleiter“, berichtet Jörg Gondermann, Dipl.-Ing. und Vorstandsassistent beim mittelständischen Chiphersteller Elmos AG in Dortmund. Auch dort kommen die knapp 500 Mitarbeiter überwiegend aus der Region, haben an den Universitäten in Duisburg, Bochum oder Dortmund studiert. „Dortmund gehört zu den IT-Metropolen Deutschlands“, weiß Peter Bachmann, Personalreferent des IT-Dienstleisters twenty4help Knowledge Services, der seine Europa-Zentrale Anfang des Jahres im Revier aufmachte. Inzwischen bietet das Unternehmen Arbeit für mehr als 900 Männer und Frauen, und es kommen täglich neue hinzu. Wie bei Biodata und Elmos betonen die Mitarbeiter den familiären Charakter der Unternehmenskultur, der im Meer internationaler Kontakte wie eine Oase wirkt.
„Gerade Mittelständler rekrutieren gerne regional“, berichtet Dr.-Ing. Jörg Dixkens, Mitarbeiter der Transferstelle der Duisburger Mercator-Universität. „Wir erhalten fast täglich Anfragen von Unternehmen.“ Gesucht werden meist die bodenständigeren Typen Menschen, die in ihrer Region verwurzelt sind und mit denen man langfristig planen kann. Und die, sagt Dixkens, gibt es im Ruhrgebiet häufig. Was nicht heißt, dass die Leute nur am heimischen Schreibtisch sitzen. Die Geschäfte werden weltweit erledigt, nur der Ausgangspunkt, der heißt eben Heimat.
Es ist nicht die Mentalität der Menschen allein, die im Zeitalter der Globalisierung einen gegenläufigen Trend erzeugt. Gerade innerhalb der IT- und der Multimedia Branche kristallisieren sich immer stärker Ballungszentren heraus, ein Phänomen das von örtlichen Unternehmern, Politikern und anderen Akteuren eifrig unterstützt wird und zu heftiger Konkurrenz der Standorte untereinander führt. Jüngstes Beispiel: Bernd Schiphorst, seit einem halben Jahr Medienbeauftragter der Region Berlin-Brandenburg, kündigte jüngst an, man wolle sich demnächst als „Capital of Talent“ profilieren. Damit, so der ehemalige Bertelsmann-Manager, werde man „Boston, Cambridge und Harvard“ Konkurrenz machen. Kurz zuvor hatte die Berliner Multimedia-Unternehmerschaft ein so genanntes „New Economy Programm“ aus der Taufe gehoben, um den weit über 300 Unternehmen der jungen Branche den Nachwuchs zu sichern. Der wird an den örtlichen Hochschulen rekrutiert, und nicht in Bangalore, Moskau oder Kiew.
Für Wissenschaftler, wie den Heidelberger Bildungsgeografen Peter Meusburger, sind derlei Entwicklungen wenig überraschend, auch wenn allenthalben vom globalen Dorf geredet wird. Schon ein Blick in die Geschichte zeige, dass es „Zentren des Wissens und der Macht“ gebe und das werde so bleiben. Wissen und Macht stehen in einer Wechselwirkung miteinander, heißt seine These. Indem sie sich an bestimmten Orten konzentrieren, wirken sie als Magnete. Gerade hochspezialisiertes Fachwissen ist nun mal an Menschen gebunden, betont der Wissenschaftler, die trifft man an konkreten Orten, aber nicht im Netz.
Meusburger hält die Annahme, das globale Dorf mache lokale Zentren überflüssig, für einen fatalen Irrtum, denn dann verwechsele man Informationen mit Wissen. Informationen, so seine Definition, sind öffentlich verfügbar, für jeden ohne Vorwissen zu begreifen und damit von überall her abrufbar. Wissen dagegen setzt immer Vorkenntnisse voraus, genau deshalb ist es kostbarer. „Telekommunikation führt zu Dezentralisierung von Routinefunktionen, aber auch zur Konzentration von hochrangigen Arbeitsplätzen, die auf Orientierungskontakte angewiesen sind.“
Im übrigen habe sich gerade diese Form der Technikbegeisterung schon einmal als Trugschluss erwiesen, erinnert Meusburger. Schon bei der Erfindung des Telefons im 19. Jahrhundert träumte man von der Dezentralisierung. Damals warb die Bell Company damit, man müsse nun nicht mehr in die Städte ziehen, um Geschäfte abzuwickeln, sondern könne dies nun von zu Hause aus. Es gibt eben Träume, die sind so alt wie die (technische) Zivilisation. HELENE CONRADY

Von Helene Conrady
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