Personalmanagement

Harte Kopfnüsse für kreative Jobkandidaten

Der Personaler überfliegt den Lebenslauf, der Kandidat versucht, gewinnend zu lächeln. Ein wenig Small-Talk, Standardfloskeln. Wo sehen Sie sich in drei Jahren? Für den Bewerber alles kein Problem. Er hat sämtliche Ratgeber gelesen und kennt die erwünschten Antworten aus dem Effeff. Der Personalchef nickt zufrieden. Und plötzlich, gerade als sich der Jobsucher geistig zurückgelehnt hat, überfährt er ihn: „Sagen Sie mal: Warum sind Gullydeckel eigentlich rund?“

Wer sich bei amerikanischen Hightech-Firmen bewirbt, muss auf Überrumplungsfragen gefasst sein. Denn US-Personaler haben neuerdings Spaß am Denksport. Arbeitgeber von Hewlett-Packard bis zur US-Armee setzen solche Hirnpuzzles ein. Das Knifflige: Es gibt keine Standardantwort.
Als Vorreiter der Trickfragen gilt der Softwarekonzern Microsoft. Angesichts von 12 000 Bewerbungen pro Monat mussten die Redmonder schon früh effiziente Auswahlverfahren entwickeln. Daraus entstand eine Kopfnuss-Kultur, die mittlerweile legendär und sogar schon Thema eines Buches ist (s. u.). Einige besonders schwierige Fragen aus den Microsoft-Interviews: „Bestimmen Sie das Gewicht eines Flugzeugs ohne Waage“ oder „Wie viele Tennisbälle sind in Neuseeland in diesem Moment in der Luft?“.
Das besondere an diesen Kopfnüssen: Es geht nicht darum, die richtige Antwort zu finden, sondern richtig über die Frage nachzudenken. „Der Kandidat soll zeigen, dass er kreativ und flexibel ist“, erklärt Heinrich Wottawa von der Ruhr-Universität Bochum.
Der Psychologie-Professor gilt hier zu Lande spätestens seit der „IQ-Show“ als Experte für knifflige Fragen schlechthin. Er glaubt, dass bei den Denksportaufgaben der Weg wichtiger als das Ziel sei, „die Personaler wollen hören, wie der Kandidat laut denkt“. Bewerber sollen Lösungsvorschläge durchspielen, Gegenfragen stellen und beweisen, wie pfiffig sie sind.
Querdenken ist also angesagt. Die Microsoft-Frage mit dem Flugzeug lässt sich z. B. so lösen: Die Maschine landet auf einem Flugzeugträger, dessen Tiefgang vorher markiert wurde. Dann startet das Flugzeug wieder, und das Schiff wird so lange mit Gegenständen beladen, deren Gewicht bekannt ist, bis der Flugzeugträger wieder seinen alten Tiefgang erreicht hat. Die Sache mit den Tennisbällen dagegen läuft auf eine Schätzung hinaus. Hier können Bewerber Pluspunkte sammeln, wenn ihnen einfällt, dass in Neuseeland zur deutschen Mittagszeit tiefe Nacht ist …
Der Bochumer Psychologe Wottawa glaubt, dass solche Testfragen auch verstärkt in Deutschland Einzug halten werden. Der Grund: Die meisten Interviews hier zu Lande haben seiner Ansicht nach kaum Aussagekraft, weil sie zu dilettantisch geführt werden. Mit Fragen zum Lebenslauf könne man heute keinen Bewerber mehr aus der Reserve locken, unterstreicht Wottawa: „Jeder, der 50 € für ein Bewerbungstraining investiert hat, ist darauf vorbereitet.“
Mit den Kopfnüssen könnten, so der IQ-Guru, die kreativen Problemlöser von den Auswendiglernern getrennt werden. Auch Jürgen Hesse, Berliner Karriereexperte und Mitverfasser mehrerer Bewerbungsratgeber, hält die exotischen Testfragen für ein geeignetes Mittel, um die Kreativität der Kandidaten zu prüfen, „solange diese Fragen nicht übergewichtet werden“.
Ganz neu ist die Idee eigentlich nicht, Bewerber mit Fragen zu überrumpeln. Hier zu Lande haben solche Attacken allerdings meist aggressiven Charakter der Personaler bemerkt etwa aus heiterem Himmel: „Ihr Zeugnis ist ja eigentlich grottenschlecht.“ Bewerbungsguru Hesse kennt die Taktik: „Hier geht es eher darum, die Stressresistenz des Kandidaten zu testen.“ Er empfiehlt folgende Gegenstrategie: Nerven behalten, die Frage ernsthaft beantworten – solange sie kein totaler Unsinn ist. Das gleiche gilt für Gullydeckel & Co: Natürlich können sich Bewerber auf eine Kopfnuss vorbereiten – mit Allgemeinwissen, Logik und ein bisschen Statistik. Doch viel wichtiger ist, sich gedanklich auf das Problem einzulassen, verschiedene Alternativen durchzuspielen. Womit wir wieder bei den Gullydeckeln wären. Denn auch hier sind mehrere Antworten möglich. Eine der besten: Weil die Deckel so nicht ins Loch fallen können. Auch möglich: Weil es einfacher ist, ein rundes Loch zu graben. Oder die praktische Antwort: Ein Arbeiter kann einen runden Gullydeckel allein transportieren, indem er ihn rollt.
CONSTANTIN GILLIES

Tipps
Richtige Reaktion
So reagieren Sie richtig auf Denksportaufgaben im Bewerbungsgespräch:
– Auf Zeit spielen. Meist ist die erste Antwort, die in den Kopf schießt, nicht die beste. Denken Sie laut nach: „Die offensichtliche Antwort wäre…“ So sieht der Interviewer, wie Sie Probleme angehen – und Sie gewinnen Zeit.
– Vorbereiten. Bei vielen Denksportaufgaben müssen Sie schätzen. Dabei hilft es, gewisse Kernzahlen im Kopf zu haben. Also: Bevölkerungszahl der Erde (6,3 Mrd.), Deutschlands (82 Mio.) oder Informationen über den Standort des Unternehmens.
– Paroli bieten. Manche Kopfnüsse sind darauf angelegt, den Kandidaten zu verunsichern. Stellen Sie Gegenfragen, bleiben Sie gelassen. Todsünde: Die Fassung verlieren und den Fragensteller verbal angreifen. CG

Von Constantin Gillies

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