Management

Grenzenloses Treiben von Produktpiraten fordert kreative Unternehmen heraus  

VDI nachrichten, Hannover, 5. 5. 06, ciu – Auch Produktpiraten sind auf Globalisierungskurs. So präsentierte in Hannover ein chinesisches Unternehmen ein Plagiat am Stand seiner italienischen Tochtergesellschaft. Für innovative Unternehmen ist dies ein Zeichen dafür, offensiver gegen Nachahmer vorzugehen. Auch Branchenverbände wie VDMA und ZVEI beschäftigen sich intensiv mit der Thematik

Noch im Laufe diesen Jahres will das Bundesforschungsministerium nach Informationen des Maschinenbauverbands VDMA eine Entwicklungsvorhaben für technische Schutzmaßnahmen ausschreiben. Wie vorige Woche auf der Hannover Messe bekannt wurde, sollen damit innovative Lösungsansätze gegen Produktpiraterie erforscht bzw. prototypisch getestet werden. Das scheint auch dringend nötig, denn auf der Industriemesse wurden erneut Produktkopien entdeckt.

Eine gut vorbereitete Aktion stoppte gleich am ersten Messetag in Hannover die Ausstellung von Plagiaten. Schon im Vorfeld hatten Spezialisten des Antriebsherstellers SEW-Eurodrive nach möglichen Schutzrechtverletzungen durch andere Aussteller recherchiert. Nachdem sich der Verdacht in zwei Fällen bestätigte, wurde unmittelbar der Anwaltnotdienst vom Zentralverband der Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI) eingeschaltet.

Die Produktpiraten hatten geschützte Getriebe nachgebaut und zum Verkauf angeboten. Besonders prekär: Der chinesische Hersteller bediente sich einer italienischen Tochtergesellschaft, um die Plagiate in Europa zu vertreiben. Mit dem Anwalt erwirkte SEW eine Unterlassungserklärung seitens beider Aussteller. Bei Zuwiderhandlung droht nun eine Geldstrafe von jeweils je 10 000 €. Hätten die Unternehmen die Unterschrift verweigert, so hätten einstweilige Verfügungen vor dem Landgericht Braunschweig kurzfristig erwirkt werden können.

Der ZVEI-Rechtsanwalt Till Barleben hält diese schnelle Vorgehensweise für durchaus angebracht: „Man kann es sich gerade auf Messen nicht erlauben lange zu warten, da hier ein konzentrierter Wettbewerb herrscht.“ Der Weg zu einer konkreten Maßnahme kann dann sehr kurz sein. „Es kann alles an einem Tag abgeschlossen werden, wenn die geschädigten Unternehmen konsequent vorgehen“, so Barleben.

Damit eine Schutzrechtverletzung nachgewiesen werden kann, ist eine gute Vorbereitung nötig, um die eigene Rechtsinhaberschaft belegen zu können. Der ZVEI empfiehlt dazu eine lückenlose Schutzrechtsdokumentation in drei Ausführungen: ein Exemplar für das Archiv im Unternehmen, eines für den Ansprechpartner am Messeort und eines, das bei Bedarf an den Anwalt übergeben werden kann.

Barleben sieht einen Dreiklang zum Schutz gegen Plagiate: „Man kann sich juristisch, technisch oder durch zusätzlichen Service absichern.“ Juristisch helfen Schutzrechte und daraus resultierende Unterlassungs- und Schadensersatzansprüche. „Wir stellen fest, dass die konsequente Durchsetzung der Rechte durchaus Eindruck auf die Nachahmer macht“, so der Anwalt. Technische Möglichkeiten bestünden in der kontinuierlichen Innovation oder entsprechenden Produktkennzeichnungen. Produktbegleitender Service erhöhe zudem die Kundenbindung und sichere für den Anwender den Einsatz von Originalteilen.

Auch bei Phoenix Contact aus Blomberg gibt es eine abgestufte Vorgehensweise zum Schutz vor Plagiaten. „Bezüglich der Einhaltung unserer Schutzrechte arbeiten wir eng mit unserer Patentabteilung zusammen“, erklärt Marc Wirwas, Chefsyndikus des Unternehmens, das auch auf der Hannover Messe aktiv geworden war. Eine chinesische Firma hatte Fotos von Phoenix Contact bei der Illustration des eigenen Standes verwendet und damit gegen das Urheberrecht verstoßen. In diesem Fall sei das Unternehmen allerdings lediglich ermahnt und das Bild unkenntlich gemacht worden.

Für Geschäftsführer Roland Bent ist ein aktives Vorgehen unerlässlich, unabhängig davon, ob rechtliche Maßnahmen ergriffen werden: „Recherchen im Vorfeld und eine schnelle Reaktion sind wichtig, um Kopisten abzuschrecken und Schaden vom Unternehmen abzuwenden.“ Problematisch findet Bent, dass Qualitätsunterschiede zwischen Originalprodukt und Fälschung für Kunden optisch kaum zu erkennen seien. „Aus Kostengründen wird die Qualität aber gerade bei Billiganbietern gern dem Preis geopfert“, stellt er fest. Materialien, Fertigungsverfahren und Qualitätskontrollen seien hier allerdings ein wichtiges Differenzierungsmerkmal.

Als Möglichkeit, den Vorsprung vor Kopisten zu behalten und auszubauen, sieht Bent auch das umfassende Produktportfolio sowie die Lösungskompetenz, die Phoenix Contact bieten kann: „Während sich einzelne Klemmen mit verhältnismäßig geringem Aufwand kopieren lassen, steckt in einem durchgängigen Produktprogramm und in Systemlösungen deutlich mehr Know-how, welches sich nicht ohne weiteres für Produktpiraten erschließt.“ Als positives Signal im Kampf gegen die Bedrohung bewertet er auch den Schulterschluss einheimischer Unternehmen: „Wir tauschen uns darüber auch unter Wettbewerbern aus und machen uns gegenseitig auf verdächtige Produkte aufmerksam.“ Des Netz für Produktpiraten werde deshalb in Europa immer enger.

In seiner neusten Untersuchung zur Produkt- und Markenpiraterie sieht der Maschinenbauverband VDMA allerdings eine Zuspitzung der Problematik. Gaben 2003 noch 50 % der befragten Unternehmen an, von Produktpiraterie betroffen zu sein, so stieg die Zahl in den Ergebnissen von März 2006 auf 66 %. VDMA-Präsident Brucklacher: „Eine Konzentration auf einzelne Fachbereiche des Maschinenbaus lässt sich nicht erkennen.“ Dass es in Hannover wieder aktuelle Fälle gab, wundert ihn kaum. „Neben der eigenen Marktkenntnis sind Messen der zweithäufigste Fall, bei dem Unternehmen von unzulässigen Nachbauten Kenntnis erlangen“, zitierte er ein wesentliches Ergebnis der Umfrage.

Umso alarmierender ist für ihn eine andere Erkenntnis aus der Untersuchung. „Nur 10 % der befragten Unternehmen setzen technische Schutzmaßnahmen ein“, so Brucklacher. Erschreckend sei, dass sich fast die Hälfte der befragten Unternehmen in diesem Punkt überhaupt nicht geäußert haben. Hier sieht er deshalb noch erheblichen Handlungsbedarf. M. CIUPEK

Eine schnelle Reaktion ist wichtig, um Kopierer abzuschrecken

Von M. Ciupek

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