Management

Geschlafen, gelogen, gefeuert

VDI nachrichten, New York, 7. 5. 04 -Obwohl das Ausmaß des Missmanagements und der Bilanzmanipulationen bei Nortel Networks noch nicht vollends bekannt ist, häufen sich bereits die Vergleiche mit Worldcom und Enron.

Nachdem in der vergangenen Woche auf einen Streich Nortels CEO Frank Dunn, der Finanzvorstand (CFO) Douglas Beatty und der Controller Michael Gollogly gefeuert wurden, deutet einiges darauf hin, dass der kanadische Telekommunikationsanbieter der nächste Milliardenskandal werden könnte.
„Die Chancen stehen fifty-fifty“, schätzt der kanadische Wirtschaftsexperte Michael Markowski die Überlebenschancen von Nortel ein. Markowski ist Research-Direktor bei Stock-Diagnostics und vergleicht die Nortel-Situation bereits mit den Skandalen von Enron und Worldcom. Allerdings gibt er zu, dass der Schaden nicht an die Werte der beiden Megapleiten heranreichen wird.
Wie groß das Problem tatsächlich ist, ist weiterhin unklar. Bislang hat Nortel nur gesagt, dass der Gewinn für 2003 von 732 Mio. $ „vermutlich um die Hälfte“ gekürzt werden muss, weil der Umsatz um 360 Mio. $ künstlich aufgeblasen war. Derartige Luftumsätze muss es auch in den Jahren zuvor gegeben haben, denn alle zurückliegenden Bilanzen bis 2001 müssen neu erstellt werden.
Und damit diese Zahlen bei den Anlegern vertrauenswürdig erscheinen, ist jetzt erstmal ein neues Management erforderlich. Auf den CEO-Sessel berief man den amerikanischen Ex-Admiral William Owens, der erst seit zwei Jahren im Konzern tätig ist und das Board selbst hat sich mit deutschem Management-Know-how verstärkt. Seit 1. Mai gehört Manfred Bischoff dem jetzt besonders wichtigen Nortel-Aufsichtsgremium an.
Bischoff war bis Ende vorigen Jahres Vorstandsmitglied für den Bereich Luft- und Raumfahrt bei DaimlerChrysler und hält eine Reihe von Aufsichtsratsposten in der Luft- und Raumfahrt sowie bei der HypoVereinsbank.
Die heutigen Probleme von Nortel reichen zurück bis in die 90er Jahre. Damals deregulierten die USA die Fern- und Ortsgespräch-Monopole und der einsetzende Dotcom-Boom führte zu immensen Investitionen in die weltweite Netzinfrastruktur. In nur fünf Jahren verdreifachte sich der Nortel-Umsatz auf fast 30 Mrd. $ im Jahr 2000 und man beschäftige weltweit rund 95 000 Mitarbeiter.
Viele Nortel-Kunden finanzierten ihre Investitionen mit Anleihen und handelten deshalb mit den Lieferanten langfristige Zahlungsziele aus. Nortel kam dem Wunsch nur allzu gerne nach und blähte damit seine Bilanzen auf. Ende 2000 wies der Konzern Kundenforderungen von fast 10 Mrd. $ aus.
Doch dann platzte die Dotcomblase und viele technologische Verbesserungen bescherten den Netzbetreibern in kurzer Zeit eine immense Überkapazität. Nortel ignorierte zunächst die Zeichen der Zeit und produzierte selbst dann noch munter weiter, als der Umsatz schon dramatisch eingebrochen war. Erst im Frühjahr 2002 begann der frisch auf den CEO-Sessel gehievte Dunn mit drastischen Sanierungsmaßnahmen. 60 000 Mitarbeiter wurden seitdem entlassen sowie viel Inventar und Kundenforderungen abgeschrieben.
Doch danach galt Nortel allgemein als saniert und für die neuen TK-Märkte gerüstet. Noch im Februar hatte Frank Dunn vor Analysten seine eigenen Erfolge euphorisch gelobt: „Nortel ist saniert, wir sind wieder profitabel und wir sind topfit für die neuen Markttrends.“ Damit sprach er vor allem auf den steigenden Bedarf von TK-Leistungen im Wireless-Bereich an, der seinen Angaben nach die Hälfte des Nortel-Geschäftes ausmacht.
Das gegenwärtige Chaos begann dann Mitte März als das jetzt neu vorgeschriebene Auditing-Board Douglas Beatty und Michael Gollogly suspendierte. „Mir war sofort klar, dass es sich dabei um das erste Grollen eines kurz vor dem Ausbruch stehenden Vulkans handeln muss“, gibt der Management-Professor Ramy Elitzur heute als Begründung an, warum er schon damals seinen Studenten an der Rotman Business School of Management zum sofortigen Verkauf der Nortel-Aktien riet. „Frank Dunn war vor Douglas Beatty auf dem CFO-Sessel, das Buchführungs-Chaos der vorangegangenen Jahre musste ihn irgendwann einholen“, erklärt er seine Vorahnungen.
Elitzur glaubt, schon vor langer Zeit erkannt zu haben, was bei Nortel schief lief. „Die Zahlen haben mich schon vor langer Zeit misstrauisch gemacht“, sagt er über seine Einschätzungen. „Dunn hat ein Sanierungs-Blutbad veranstaltet, bei dem er Reserven anhäufte, mit denen er später die Investoren täuschte“, ist seine Meinung über die Hintergründe des gegenwärtigen Skandals.
So habe Dunn die Lagerbestände und Kundenforderungen zu großzügig nach unten korrigiert. Als dann später vieles davon verkauft wurde und auch ein Großteil der abgeschriebenen Kundenforderungen bezahlt wurde, verbuchte Dunn das als neuen Umsatz mit 100 % Marge. „Nahezu der gesamte Gewinn aus dem ersten Halbjahr 2003 ist so entstanden“, sagt Prof. Elitzur über die Bilanztricks von Dunn.
Wie gut seine Prognose war, zeigt sich am Kursverfall der Nortel-Aktie die sich von Anfang März bis Anfang Mai halbiert hat. Dieser niedrige Aktienwert löste bereits Spekulationen über eine feindliche Übernahme aus. Eine Lokalzeitung in Toronto meldete, dass die Fusions-Makler der Banken bereits mit Nokia und Alcatel Gespräche aufgenommen hätten. HARALD WEISS

Von Harald Weiss

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